Fritz Mierau

Franz Jung

Sach. Edition Nautilus, Edition Nautilus. ISBN: 3-894-01294-3

Fritz  Mierau: Franz Jung

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Das Phänomen des Verschwindens überschreibt thematisch den Essay und wird schon eingangs beschworen; 'Keine Nachfolge. Keine Schule. Keine Wiederkehr. Die Übereinkünfte gebrochen, die Erwartungen enttäuscht, die Beweggründe im Dunkel. Ein Leben im Verschwinden.' Das Verschwinden, das Sichauflösen, Fliehen oder Hinwegstehlen des Franz Jung ist hier gemeint. Der es untersucht, hat gründlich die Kladden der Psychoanalyse studiert. Fritz Mierau ist Literaturwissenschaftler, Slawist, Übersetzer, Franz Jung - Forscher und Mitherausgeber der 14 - bändigen Gesamtausgabe Jungs der Edition Nautilus. Sein biographischer Essay untersucht die intellektuellen Motive und das Erscheinungsbild des Dichters Franz Jung, des Anarchisten, Schiffsräubers, Literaten und Börsianers. Im Vordergrund stehen die Rätsel, die Jung seinen Zeitgenossen aufgab. Mierau stolpert über die Verunsicherungen und offene Fragen. Sein Buch ist eine Suche nach Antworten. Das Verschwinden schwebt wie ein Damoklesschwert über allem. Schwer verdaulich werden spezifische Passagen für den Leser, dem 'Der Weg nach unten' (Jungs Autobiographie) noch immer keine vertraute Lektüre ist. Es wird keine detaillierte Darstellung der Lebensstationen Jungs geboten. Mierau verdichtet hingegen seine Inspektionen auf gewisse Schwerpunkte. Er befragt viele, die Jungs Wege in Wort und Schrift kreuzten. Diese 'Zeugnisse' illustrieren einige Leerstellen der Jung'schen Autobiographie. Der Klatsch und Tratsch, der Jung nicht tangierte, erhält trotz der Fülle keine neue Nahrung. Es geht um die Fakten und Leiden eines Lebens in Unruhe. In 'Bild und Gegenbild' kommen Freund und Feind, Richter, Vollzugsbeamte und Ärzte Franz Jungs zu Wort. Auch das Tagebuch des Deserteurs Jung wird bemüht. Mierau; 'Das Tagebuch, das Jung vom 27. April bis 16. Juni 1915 in der Haft führt, zeigt ihn bei der Umwandlung seiner Fluchten in jenes eigentümliche Verschwinden, das alle, die mit ihm zu tun bekommen, in Erstaunen setzten würde.' Die Akrobatik der Lebensführung eines Franz Jung setzt tatsächlich in Erstaunen. Vom Kriegsfreiwilligen mutierte er zum Deserteur, Militärhäftling und Irrenhäusler. Richter und Ärzte haben gemeine Vokabeln für Gemütszustände. Als schwerer Psychopath wird Jung bezeichnet, der unter einer ‚complicierten' Neurose leide. Er selbst benannte seinen Zustand als ‚nervöse Zerrüttung oder Leere'. Die Auszüge des Tagebuches sprechen von einer Rhythmussuche, '...endlich den Rhythmus finden, wissen, mögen, spüren, befreiter sein... Das Ich im Reiben an den Wirrnisgeschehnissen dieser Welt solange opfern, laut hinausschreien, zerbrechen, erfrieren, ersaufen lassen, bis der Knoten sich löst, bis die Eiskruste völlig mürbe geworden ist...' Wie wir wissen (oder nun erfahren), löste sich der Knoten nicht. Mierau spioniert am Wegrand. Den einstigen Kameraden Jungs ist ein Zweifel am Geschehenen gemein. Ihnen blieb stets ungewiß, womit man es tun gehabt hatte. Die Genugtuung, so einem Mann begegnet zu sein, 'war gebunden an das schmerzliche Eingeständnis, ihn immer nur im Verschwinden wahrgenommen zu haben'; schreibt Mierau. Jung ging politische, künstlerische wie lebensgemeinschaftliche Projekte leidenschaftlich an, um sie nur allzu bald wieder zu fliehen. Einen Namen in der Literatur hatte sich der 1888 in Neisse geborene Jung schon 1912 mit seinem expressionistischen Debüt 'Das Trottelbuch' gemacht. In Militärhaft und Irrenhaus entstanden Prosastücke und Essays. Er wird zum Motor des Berliner Dada, Zündfunke für die Geburt der Wochenschrift 'Neue Jugend' und des Malikverlages. Doch er wird leugnen, auch nur Anteil gehabt zu haben. Nicht die Flucht erstaunt bei Jung, das Verweigern des Ruhms ist es. Die Erscheinungsform des Verweigerns heißt bei Mierau Verschwinden. Der Leser, besser der Betrachter, kann dem Sympathien abgewinnen, was die betroffenen Menschen enttäuscht haben muß; ein konsequentes Sichverweigern, wenn Ruhm und Anhängerschaft 'drohen'. Jung ging es nicht um eine Führerschaft, er entwand sich ihr ohne Aufsehen und Bedauern. 'So schreibt und säuft er sich durchs Leben, gründet Pressekorrespondenzen, verkauft sie und gründet neue...' Das Motiv der Verweigerung scheint ebenso stark zu sein, wie das beschworene 'Verschwinden' bei Mierau. Doch der Blickwinkel sortiert die Fakten. Ergo bespricht Mierau einige Stationen des Lebens Jungs sehr ausführlich, andere nachlässiger, was im Falle der russischen Erlebnisse bedauerlich ist, (Jungs Schiffsentführung nach Murmansk 1920, 1922 der Wiederaufbau der Zündholzfabrik 'Sonne' bei Nowgorod unter Jungs Leitung und seine Tätigkeit 1923 als Administrator im Petrograder metallurgischen Betrieb 'Ressora'). Der Essay behandelt im letzten Drittel die Entstehung der Jung'schen Autobiographie und geht besonders auf die Vaterfigur Jung ein. Gegen Ende des 2. Weltkrieges war Jungs Tochter Dagny in der psychiatrischen Klinik des Wiener Allgemeinen Krankenhauses offiziell an Lungenentzündung gestorben. Mierau zeigt die Schuldgefühle und Trauer um die Tochter auf, welche Jung selbst nicht darzustellen vermochte. Vieles bleibt ungenannt im 'Weg nach unten', aber Jungs Arbeit an seiner Autobiographie war nunmehr begleitet von den Bemühungen, fallengelassenen Fäden wieder aufzunehmen. Er richtet den Blick heimwärts. Mieraus Band ist eine spannende Lektüre zum Leben Franz Jungs. Auch wenn das Resümee des Autors manchmal dogmatisch wirkt und der Urteilskraft des Lesers wenig Raum läßt, sei dieses Werk allen empfohlen, die mehr über den Menschen Franz Jung erfahren möchten.

Anne Hahn






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