Michael Turner

Das Gedicht des Pornographen

Roman. Liebeskind, München. 432 Seiten. 22.00 EUR . ISBN: 3-935890-28-1

All die Wirrnisse von Kindheit und Pubertät, von Unschuld und Größenwahn

Michael  Turner: Das Gedicht des Pornographen

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Gerüchten zufolge ist sich Michael Turner nicht sicher, wie er es am besten anstellt - ob er bei seinen hierzulande anstehenden Lesungen sein Ding vorher oder nachher rausholen soll...

Er sieht aus wie eine Mixtur aus einem Popstar, den man vergessen hat, weil er zum Vergessen war, und Michael Keaton, diesem Batman-Darsteller, der privat noch öder und blöder sein soll als auf der Leinwand. Anders ausgedrückt, betrachtet mit etwas blinzelnden Augen, ließe sich sagen: Den Typen, der einem da vom Klappentext zulächelt, den hätte man gern zum Freund. Sicher aufgeweckt, am Tresen bis lange nach Mitternacht, vermutlich auch andernorts aufgeweckt und mit Humor. Macht man die Augen wieder richtig auf, dann sieht man einen sonnengebräunten Happy-go-lucky-Kanadier mit zuviel Gel im Haar und diesem Siegerlächeln, das einen wieder an den vergessenen Popstar erinnert. Bestseller-Autor halt. Aber: Stopp. Sein erster Roman, verfilmt mit Joey Ramone und anderen, Hard Core Logo, vor ein paar Wochen auch mal zu sehen, in diesem ausziehbaren Container irgendwo auf dem Mauerstreifen, ist so ganz und gar nicht Pop. Eher ein Frontalzusammenstoß aus Social Distortion und Spinal Tap, also zähneknirschendem Punkrock und der Realität, so gemein, dass sie zum Lachen ist (Veröffentlicht bei Arsenal Pulp Press, also echt indie-mäßig, begann das so: "My name is Laura Cromartie and I am writing to you for two reasons: 1) because you don't have a telephone; and 2) because I am wondering whether your band, Hard Core Logo, would consider doing a reunion show in order to raise money for the Green World Coalition.").

Kurz: Michael Turner, von dem nun erstmals ein Roman auf Deutsch vorliegt, ist ein Schriftsteller, den man nicht nach kurzem Beäugen weglegen soll.

Das Gedicht des Pornographen soll man nicht nur beachten, man wird dies tun. Und zwar ab der ersten Zeile. "Mit sechzehn. Mein erster Porno. Eigentlich Pornos. Es waren drei." Ist ja nun nicht jedermanns Sache, das Thema - aber spannend genug, dass es einen erst mal mitnimmt. Nach zwei Absätzen, überschrieben mit "1.1" statt "Kapitel 1", dann "AUSSENAUFNAHME: DAS VENUS THEATRE. NACHT / Ein Backsteingebäude. Kaputtes Vordach. Dunkelrote Vorhänge in den Fenstern. Und Plakate. Aus der Kinokasse start mich eine Hindu-Frau (40) an. Ich nähere mich, Kamera von rechts. / FRAU: Fünf Dollar." Und schon sind wir Hals über Kopf mitten in der Action, vielleicht nicht stranger than fiction, aber mit Sicherheit stronger than life.

Der Kanadier Michael Turner, als Musiker selbst einige Jahre unterwegs, weiß nicht nur, wie man Geschichten inszeniert, er versteht auch sehr viel von Rhythmus und Melodie. Der Einstieg wie bei einem Rockkonzert, und danach geht es so weiter. Nicht im selben Stil, kein ewiges Widerkäuen derselben Riffs und Gags, nicht weiter in dem Stil, sondern mit der attitude, einer Haltung, bei der aufs Mindeste reduzierte Coming-of-Age-Passagen changieren mit Drehbuchsegmenten, die so natürlich nicht durchgehen ("Ich" in den Anweisungen!) und dann immer wieder Stopps; für die Hookline, den Angelhaken, an dem der Autor seinen Leser fängt. Gleich am Ende des ersten Kapitels sind das, vier Seiten später, die Bullen, die den Minderjährigen aus dem Dunkel des Kinosaals schleifen. Weiter mit "1.2": Ein Dialog wie ein Verhör, vier Zeilen kurz. Und dann wieder Erinnerungen an eine Kindheit, wie man sie so ähnlich hatte oder leider genau so kennt oder eben hier vorgeführt bekommt. Immer wieder so plastisch dargestellt wie im Film, also statt ausufernden Beschreibungen mit Action, Action, Action: Emotionen und Unsicherheiten und all die Wirrnisse von Kindheit und Pubertät, von Unschuld und Größenwahn werden in Dialogen aufgetischt, manchmal in Briefen oder Tagebuchaufzeichnungen der Antagonistin... und dazwischen immer, fast in jedem zweiten Kapitel: Das Verhör. Im Verlauf der mit 430 Seiten groß angelegten Geschichte entwickelt sich das Verhör zu einem Subplot, bei dem einen immer wieder erstaunt, wie es trocken und sachlich und nüchtern bleibt, nur Frage und Aussage, der rote Faden. Und mit seiner trockenen Sachlichkeit so, dass man den Eindruck hat, das Rattern und Knattern des Projektors für Super-8-Filme, der einen durch diese Kindheit in den Siebzigern begleitet, kann etwas abkühlen, der Zigarettenrauch steht weiter im Raum und... und bis zum Ende fragt sich der Leser: Wer verhört hier eigentlich den Protagonisten? Und wann? Und warum, wenn schon nicht zu dem Zeitpunkt, den man vermutet hatte?

Ach so, was ist es für eine Geschichte, worum geht's, was hat das nun alles mit Porno zu tun, plastischer als Irvine Welsh, so gelackt wie das Haar des Autors oder eben Michael Keaton?

-Ne, da ist so viel drin, so viel Schockendes und Zartes, Sentimentales und Lustiges, es wimmelt vor Perversen, Ehen am Rande des Nervenzusammenbruchs, besserwisserischen Geschwistern und anderen unvergesslichen Personen, dass man das schon selbst lesen muss. Außerdem steht so eine Art Inhaltsangabe ja auch schon auf dem Klappentext.

Und warum soll man das nun lesen, wenn einen Coming-of-Age-Geschichten zu Tode langweilen, das ganze David Copperfield Zeugs, ageacht mit ein paar Verweisen auf coole Platten und Filme?

-Ne, ne, ne: Blondie kommen zwar vor, auch Hippies in klapprnden VW-Bussen kommen und gehen, aber...

Aber?

-Oberflächlich ist das nie. Es geht immer unter die Haut. Und die Filme, die erwähnt werden, die haben Titel, bei denen man sich die fehlende Handlung vorstellen kann, die ich aber weder kenne noch kennen muss. Ob man das nun lesen muss...

Weißt du nicht.

-Richtig. Aber schon aufgrund der Vielfalt an Erzähltönen - textures? - ist es extrem kurzweilig. Ich meine, auf "2.1" folgt dann zum Beispiel kein Verhördialog, sondern "2.1a" und "2.1b", die dem vorher Gesagten einen anderen dreh geben. Das Ganze ist eben eine Abrechnung mit der verlogenen Welt nicht nur der Erwachsenen.

Ein Fänger im Roggen, revisited?

-Ja. Komisch, ne? Ich habe mindestens ein Dutzend Bücher, denen das als Prädikat der Extraklasse auf den Umschlag geschrieben wurde, nur hier nicht. Vielleicht weil man es auch lesen und genießen kann, wenn man schon über dreißig ist?

© Matthias Penzel, 2005. Original erschien dieser Artikel in junge Welt am 13. April 2005 als "Ein Freund, ein guter Freund".






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