Klaus Merz

Jakob schläft. Eigentlich ein Roman.

Roman. Haymon, Innsbruck. ISBN: 3-852-18229-8

Klaus  Merz: Jakob schläft. Eigentlich ein Roman.

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So geht es zu: Er schwingt sich aufs Fahrrad mit Hilfsmotor und fährt das Brot aus, das sein Vater gebacken hat. Die Serviertöchter bewundern ihn. In der Stube des Elternhauses hängt ein Ölbild. Klaus Merz' Erzählung "Jakob schläft" heißt im Untertitel "Eigentlich ein Roman" und könnte auch "Eigentlich ein Heimatroman" heißen. Aber das Gemälde zeigt einen großen nackten Mann, ein Selbstporträt in kühner Pose. Dem Maler hat der Vater - "Kunst gegen Brot" - das Bild mit der dunkelgebackenen Naturalie entgolten. Und der Mann auf dem Bild wiederum erinnert den Jungen an Gary Cooper, allein in der Mittagssonne vor dem Bahnhof von Hadleyville.
Diese Schweizer Nachkriegskindheit ist ganz gewöhnlich und doch etwas Besonderes. Der Junge Lukas ist der mittlere Sproß einer "eigentlich" geschlagenen Familie: Seine schöne Mutter hat das erste Kind tot zur Welt gebracht, Jakob sollte der Knabe heißen, der jetzt in Lukas' Vorstellung "schläft" und im Verborgenen über ihn wacht. Der jüngere Bruder ist, wasserkopfhalber, schwachsinnig. Der Vater erleidet epileptische Anfälle, die Mutter verpuppt sich mit den Jahren in Schwermut, die Großmutter stirbt im religiösen Wahn. Dem Großvater verbrennt die Voliere. Der ausgewanderte Onkel Franz, Harmoniumspieler und Harley-Fahrer, kehrt aus Alaska zurück, um mit dem entwendeten einmotorigen Flugzeug neben dem Heimatdorf abzustürzen. Aber wer ist nicht geschlagen in dieser kleinen Welt, die so gar nichts Harmloses hat? Der italienischen Haushaltshilfe Marietta bleibt das neue Auge für ihre zerschossene Gesichtshälfte versagt, Lukas' Kinderliebe Sonja heiratet unglücklich in die Ostschweiz und wirft sich schließlich vom Futtersilo in den Tod, ihr Witwer, ein Viehgroßhändler, wird vom Huf am Kopf getroffen und verblödet. "Am schwersten", so spricht die Erinnerung, "taten wir uns in Zeiten relativer Schmerzlosigkeit."
Die Schicksalsfülle und Welthaltigkeit in diesem jüngsten Buch des zweiundfünfzigjährigen Klaus Merz, der Gedichte und Prosa in schmalen Bänden veröffentlicht hat, hätte in der Tat für einen Roman ausgereicht. Aber Merz macht etwas anderes damit; er malt nicht in Öl, sondern läßt die Erinnerung in Bildern wie Tusche- und Buntstiftzeichnungen zu Literatur einer Sorte werden, von der man sich in deutscher Sprache mehr wünschen würde - mit ebensoviel Sinn für das Sentiment wie für den Witz, den geglückten Ausdruck, die "richtige" Kleinigkeit. Er weiß, wie es zuging, und er weiß, auf welche Weise man davon erzählen kann. Er weiß, wie man das Schwierige einfach sagt. Selten wird die kleine Form zu so großer Kunst.
Da gelingen Geschichten, worin die Häufung dessen, was "eigentlich" Lebenskatastrophen wären, leicht einhergeht mit Glückserlebnissen, bestünden diese aus Orions Gürtel am Winterhimmel oder Radiohören bei Eiernudeln am Samstagabend. Der kleine Bruder mit dem zu schnell wachsenden Kopf wird Sonne genannt. Und diese Sonne scheint - zuweilen durch die Wolken der Wut, die den manchmal hilflosen, überforderten Lukas überfällt. "Jetzt wären wir beinahe davongekommen", sagt der Junge, als er und der Vater auf dem Motorrad gerade eben dem Fahrzeug eines betrunkenen Bauern in die Wiese ausweichen konnten, bevor sie "panisch und titanisch" in die Klinik rasen, wo die Mutter mit dem kleinen Bruder wartet.
Der Satz, der falsch klingt, ist es ganz und gar nicht. Am Davonkommen liegt diesen Leuten nicht viel. Seit je, sagt der Vater auf die Frage nach Lots Weib, die der Religionsunterricht aufgeworfen hatte, kämen "die herzlosesten Ignoranten" davon, "die Rücksichtslosen eben. Jene, die keine Notiz nähmen davon, was in ihrem Rücken passiere. Die nicht einmal den Mut hätten, zurückzuschauen."
Klaus Merz hat den Mut - und das notwendige Können. Es wäre hierzulande an der Zeit, diesen Autor von jenseits der Grenze zu entdecken.

Julia Schröder






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