Robert Menasse

Schubumkehr

Bestseller. Residenz Verlag, Salzburg. ISBN: 3-701-70918-1

Robert  Menasse: Schubumkehr

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   Schubumkehr, das ist eine plötzliche, gewaltsame Wende. Schubumkehr während schneller Fahrt bedeutet Vorwärts- und Rückwärtsbewegung gleichzeitig, mit dem Ergebnis, daß alles in Trümmern auseinanderfliegt. Robert Menasses dritter Roman (der schon vor seinem Erscheinen mit dem Marburger Literaturpreis 1994 ausgezeichnet wurde), spielt im Wendejahr 1989 und wirkt wie eine Anhäufung von Bruchstücken.

Da ist Roman, Akademiker, 35, in einem Urkonflikt mit seiner Mutter verfilzt. Nach längerem Auslandsaufenthalt zieht er zu ihr nach Österreich ins neuerworbene Bauernhaus, obwohl ihr Biowahnsinnseine Nerven bis zu Mordphantasien reizt. Hilflos verfällt er ihrem Einfluß und regrediert zum unmündigen Kind, ein Ödipusopfer wie aus dem Lehrbuch. Alles erscheint ihm verkleidet unecht, er selbst, seine Mutter, das Biobauerntum, das Dorf, so künstlich wie die Form des Erinnerns, die er pflegt: er filmt mit der Videokamera, was er kriegen kann, und speichert das Lebensersatzmaterial in Kassetten. Seine wirklichen Kindheitserinnerungen sind vergiftet, die will er vergessen; gleichzeitig will er wissen, wer er ist, woher er kommt, sein Selbstbild und sein Spiegelbild zur Deckung bringen, auf der Suche nach Identität - gegenläufige Kräfte, die ihn zerreißen.

Auch das Dorf, Komprechts, zweiter Schwerpunkt des Romans, hat Probleme mit seiner Identität. Nahe der tschechischen Grenze angesiedelt, an Strukturschwäche absterbend (die Quellen des Wohlstands, Glasfabrik und Steinbruch, taugen nicht mehr), unterschwellig ausländerfeindlich, verkörpert es Österreich. Auch die Erinnerungen des Dorfes sind vergiftet und verdrängt. Der See heißt Braunsee Wende und Rettung aus der Wirtschaftsmisere soll die Königsidee des Bürgermeisters bringen: Umwandlung der Gemeinde in Komprechts 2000­ durch einen riesigen Modernisierungsschub. Man baut, fällt Bäume, begradigt die Ufer; die Touristen wollen einen gestrafften Busen der Natur. Eine kindisch-künstliche Idylle entsteht, so unecht und von böser Vergangenheit durchsetzt wie Romans Kinderzimmer im Hof der Mutter. Gegenschub sind die alten Lebensweisen auf dem Land mit ihren Mythen, Teufelsstein und Menschenopfer. Der Untergänger Ölzant meißelt unverdrossen seine Grenzsteine, weil man damit noch eine ganze Grenze markieren kann, während die alte Frau Nemec, wenn man sie reizt, sich gut erinnern kann, wo die narrischen Schwammerl zu finden sind. Die Zerreißprobe im Dorf wird auf die Spitze getrieben durch die politische Wende des Jahres 1989, manifestiert in der plötzlichen Öffnung der tschechischen Grenze - Umbrüche und unkontrollierte Kräfte allerorten, die nur einen Trümmerhaufen hinterlassen können.

   Menasse gestaltet diesen Trümmerhaufen mit den Mitteln der Collage; verschiedene Textsorten, Episoden, Themen, Komisches, Groteskes, Tragisches, alles wird übergangslos aneinandergeklebt zu einem gewagten Materialbild, aus dem, über Anspielungsfetzen aus der Literatur, lose Handlungsfäden heraushängen. Prousts berühmte Madelaine-Passage findet sich, aus zweiter Hand erinnert sozusagen, in Romans Bewußtsein wieder, der blutrünstige selbstzerstörerische Irrsinn aus Kleists Familie Schroffenstein lodert durchs Buchfinale. Auf Schritt und Tritt erscheint etwas bekannt, zitiert, verfremdet. Ein Suchbild, freilich ohne Mittelpunkt; der ist der Schubumkehr zum Opfer gefallen. Der Autor mag sein eigenes diebisches Vergnügen daran gehabt haben, wir Leser (wenn wir auch die intelligent gebaute Konstruktion zu ahnen glauben und durchaus bestaunen) müssen über weite Strecken draußen bleiben und kommen uns dabei recht komisch vor. Das Buch ist einfach zu gescheit, um nicht zu scheitern.

Und doch ist die künstlerische Konsequenz zu bewundern, der Versuch, das Auseinanderfallen unserer Gegenwart in Sprache abzubilden. Nicht zuletzt ist das Buch eine virtuose Studie über die Beliebigkeit menschlicher Wahrnehmung: jede Figur steckt im Futteral ihres Wahnsystems. Da ist der retuschierende Blick der Mutter, das vom Modernisierungsrausch und dann noch von der tödlichen Schwammerlsoß vollends irre gewordene Auge des Bürgermeisters; und vor allem Romans Videokamera. Zeitraffer wechselt mit Zeitlupe, dazwischen Standbilder, lautlos und verzerrt, Diffuses, grelle Symbolik ohne Zusammenhang. So erinnert die Struktur des Buches an einen Amateurfilm, an ein krass zusammengeschnittenes Videoband. Einziger ordnender Rahmen: zwei bis zum Schluß nicht näher benannte Personen (vielleicht Kriminalbeamte) betrachten die Videobänder, um sich ein Bild zu machen, eine merkwürdige, etwas unheimliche, fast richtende Instanz. Sie allein scheint den gelassenen Überblick zu haben, den wir Leser uns die ganze Zeit gewünscht hätten.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Neue Deutsche Literatur)






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