Alberto Manguel

Im Spiegelreich

Essay. Volk und Welt, ISBN: 3-353-01153-6

Alberto  Manguel: Im Spiegelreich

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Unterwegs im Wald der Namenlosigkeit

Mit Alberto Manguel „Im Spiegelreich“

Es gibt Leute, die hassen Bücher. Verdrehen die Augen, wenn man ihnen wieder mit seinen Empfeh- lungen kommt. Es gibt auch Leute, die lieben Bücher. Erkennen jede Stadt an ihren Buchläden und Antiquariaten. Und dann gibt es noch solche wie Alberto Manguel. Gefräßige Bibliophagen, für die sich das Leben buchstabiert wie Lesen, denen die ganze Welt zum Buch wird, die mit Büchern im Kopf und im Magen aufstehen und schlafengehen.

Alberto Manguel, der kanadische Schriftsteller, Lektor und Übersetzer argentinischer Herkunft war schon immer einer dieser besonders leidenschaftlichen Leser, zum Leidwesen seiner Eltern zog er sich bereits als kleiner Junge mit einem Buch in eine dunkle Ecke zurück, während sich die Klassen- kameraden beim Fußball die Knie wundschlugen. „Geh raus und lebe“, quengelte da die Mutter.

Jahrzehnte später fand Manguel mit seiner im letzten Jahr auch auf deutsch erschienenen Geschich- te des Lesens eine betörende Antwort - eine Liebeserklärung an das Lesen als Lebensform. Jetzt hat Manguel eine Kollektion sehr verstreut gedruckter Essays, Vor- und Nachworte, Erinnerungen und Magazinbeiträge jeder Art unter dem Sammeltitel Im Spiegelreich vorgelegt.

Mit seinem von Kindheit an immer wieder gelesenen Exemplar der beiden Alice-Geschichten von Lewis Carroll in der Hand, steigt er einmal mehr in jene merkwürdige Spiegelwelt des tolpatschigen Weißen Springers, gelangt einmal mehr in jenen geheimnisvollen Wald namenloser Gegenstände. Hier offenbart sich die Zauberkraft der Wörter, die der Welt ihren Zusammenhang verleihen. Erst die Sprache erschließt die Welt, kartographiert die karstigen Landschaften bloßer Dinglichkeit. Land- schaften, die nur dort kultivierbar werden, wo Dinge benannt und dem verstörenden Dunkel der Na- menlosigkeit entrissen werden können.

So findet der thematisch weit aufgespannte Horizont aller hier versammelten Arbeiten seinen Flucht-punkt in der vielseitigen Verwendbarkeit der Sprache. Gegen eine Lebenswelt, die vor allem in ihren politischen und ästhetischen Provinzen zunehmend mehr die Oberfläche für den einzigen Aggregats- zustand der Wirklichkeit hält, richtet Manguel die sprachsensible Subversivität und den anarchischen Eigensinn des Leseaktes: „Der glitzernden Oberfläche der Worte dürfen wir nicht trauen. Es gilt, uns ins Dunkel ihrer Bedeutung zu vertiefen.“

Ausstaffiert mit dieser in der Tiefe des Carrollschen Spiegellandes gewonnenen Einsicht richtet Man- guel seinen Blick etwa auf die politische Verantwortung des Künstlers. Am Beispiel des peruani- schen Großschriftstellers Mario Vargas Llosa entzündet sich sein Zorn und führt zu einer energi- schen Auseinandersetzung mit einer Doppelexistenz, die einen verblüffenden und schmerzlichen Gegensatz offenbart. Die Unvereinbarkeit der literarischen Haltung Vargas Llosas, der einst die Heuchelei der herrschenden Ordnung geißelte, und seinen in der Tagespresse ausgebreiteten politi- schen Ansichten fügt Manguel in ein treffendes Bild: „Er kam mir vor wie ein blinder Fotograf, der die menschliche Realität, die seine Kamera so meisterhaft porträtiert hatte, selbst nicht sah.“ Vargas Llosa, 1990 mit seiner Kandidatur für das Amt des peruanischen Präsidenten gescheitert, äußerte sich etwa zustimmend zu der im selben Jahr im Argentinien Carlos Menems erteilten Generalamnes- tie für die hochrangigen Offiziere genau jener jahrelangen Militärdiktatur, der zahlreiche Schulfreun- de Manguels zum Opfer gefallen waren. Geifernder Pamphletismus aber ist Manguel fremd, vielmehr geraten auch die unausgesprochenen Voraussetzungen der eigenen Empörung unter sein Vergröße- rungsglas: „Wir wollen, daß der Künstler seinem Werk gerecht wird und der Edelmensch ist, der wir selber gern sein würden.“

Wenn in diesem Zusammenhang auch der Handke der allzu verklärenden Serbienreisetagebücher er- wähnt wird, mag man der gegenwärtigen Diskussion etwas von der abwägenden Bedachtsamkeit Manguels wünschen.

Mit wiederholtem Blick in die Archive der Literatur gelingt es dem Büchernarren Manguel immer wieder, die vielleicht unheilbaren Widersprüche unserer so klassifizierungs- und ordnungswütigen Zeit sichtbar zu machen. Ob an den häßlichen antijüdischen Bonmots des sonst so geistreichen Es- sayisten Gilbert Keith Chesterton - die übrigens von den Kollegen Wells und Shaw locker übertroffen wurden, überhaupt zum Ton der englischen upper class gehörten-, an der Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Herkunft, die einen Jungen zeigt, der die Schrecken des Holocausts erstmals bei Anne Frank nachlas (!), oder an diesem Großonkel, für den es „nichts schlimmeres gab als Anarchisten, höchstens vielleicht noch die Journalisten.“

Nicht zuletzt mit seinen persönlichen Erinnerungen an Julio Cortázar und Jorge Luis Borges runden sich all die Geschichten und klugen Gedanken über die Erfindung des Museums, über die Schwierig- keiten des Übersetzens, über die Wahlverwandtschaften oder über den „Computer des heiligen Au- gustinus“ zur intellektuellen Autobiographie eines erfahrungshungrigen Welten- und Seitenwan- derers. Kostbare Anekdoten über den nahezu blinden Borges, dem der 16jährige Alberto Stevenson und Kipling vorlas. Über den ewig unglücklich verliebten Borges und seine Estela Canto, der mit seinem Freund Bioy Casares eine Werbekampagne für Joghurt aus der hauseigenen Produktion ent- warf. Wie wundervoll muß es für den jungen Alberto gewesen sein, seine Abende mit Borges im Kino zu verbringen, und wie erschütternd dagegen die dankbar-angewiderte Erinnerung an den ein- stigen Spanischlehrer, der dem Gymnasiasten morgens mit großer Begeisterung die Liebe zur Litera- tur einpflanzte, nachmittags dann voller kollaboratorischem Eifer die Schwächen seiner Schüler an die Militärjunta verriet.

Mit weicher Hand dreht hier ein streitbarer, aber auch sehr nachdenklicher und warmherziger Bü- chermensch am Kaleidoskop seiner Lese- und Lebensgeschichten; Buch und Welt zerrieseln sich zu immer neuen Mustern. Nur einmal, es geht um die Liebe, kommt das Lesen nicht gegen das Leben an: „Ein paar Jahre später fand ich Gelegenheit, meine Leseeindrücke an dem realen Gefühl zu messen, das sich einstellte, als meine Hand zum ersten Mal über einen geliebten Leib strich, und ich mußte mir eingestehen, daß diesmal die Literatur hinter der Wirklichkeit zurückblieb.“

Oliver Jahn






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