Jurij Mamlejew

Die irrlichternde Zeit

Roman. Suhrkamp, Frankfurt/Main. 336 Seiten. 22.90 EUR . ISBN: 3-5184-1483-6

Komplett abgedreht
Jurij  Mamlejew: Die irrlichternde Zeit

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Jurij Mamlejew ist ein Phänomen. Er entwirft absolut bizarre Figuren, verwickelt sie in eine skurrile aber ungemein lockere Handlung und schreibt mit einem Witz und Humor, dass man einfach nur immer fieberhaft weiterlesen und -staunen kann.

Die irrlichternde Zeit spielt in Moskau, Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts. So viel steht fest und sei schon mal verraten. Wer nun aber denkt, Moskau sei nichts weiter als eine Stadt in Russland, der ist vollkommen schief gewickelt: Moskau ist mehr, viel mehr, ein eigener Planet, eine Parallelwelt, ein Universum. Bevölkert wird dieses Moskau von verschiedenen Zirkeln auf ganz verschiedenen räumlich oder auch anderswie gearteten Ebenen.

Da gibt es zunächst die Gesellschaft im Keller, die die Welt zwar beobachtet, nichtsdestotrotz aber bereits ziemlich fertig mit ihr ist:

„Marina fürchtete sich vor nichts: sie hatte sich längst abgewöhnt, vor irgend etwas zurückzuschrecken, und betrachtete diese Welt und alles, was geschah, als Blödsinn, allerdings mit interessanten Löchern… bloß wo sie hinführten, diese Risse…“

Weiterhin gibt es die Metaphysiker, die die Welt verstehen, zumindest jedoch verstehen, dass sie noch längst nicht alles verstehen, und die genau wissen, dass Erklären bei Nicht-Eingeweihten vollständig vergebene Liebesmüh ist:

„‘Stell dir eine Katze vor, die vorm Fernseher sitzt. Eine Sendung über Puschkin oder den Flug auf den Mars. Was kann sie verstehen von dem, was auf dem Bildschirm passiert? Sie wird sich ruhig und gelassen mit der Pfote die Schnauze putzen, auf ihre Weise wird sie es nehmen, wie es ist, auf ihrer Ebene, und nicht die Nerven verlieren wie du. Hauptsache, sie existiert, es gibt Dinge genug, die man nie erfährt. Sie versteht nichts, aber Gott sei Dank ist sie am Leben. Sei wie die Katze.‘“

Dann hätten wir noch die Anti-Metaphysiker, denen all das Verstehen, Erklären und natürlich die Metaphysiker tierisch auf den Geist gehen, und die statt dessen lieber die Welt verbessern wollen:

„‘Wir haben die Idee, dass die Menschheit keinerlei Ideen mehr haben soll. Denn von den Ideen kommt alles Übel. Poeten, Propheten, Schriftsteller, Messiasse, Heilige und so weiter sind unsere Feinde. Sie sind zu vernichten. […] Alles soll ruhig, dumm und still sein. Fressen, saufen, der Wollust frönen – bitte sehr. Fernsehen – noch besser. Herumklügeln wie die Idioten, reden wie irgendeine Intelligenz – warum nicht! Aber keinerlei reale Mystik, keinerlei Einsichten, keinerlei Löcher in andere Welten! Nichts Höheres!‘“

Und schließlich haben wir einen Helden, der Pawel heißt und von all dem vorerst noch nichts ahnt. Er findet sich eines Abends auf einer Party, wo er sich unsterblich in eine Frau verliebt, schnellen Sex mit einer anderen hat und innerhalb kürzester Zeit so betrunken ist, dass er einen der Gäste verdrischt und die Party verlässt.

„Am Morgen erwachte Pawel in seiner kleinen Einzimmerwohnung, die er allein bewohnte. Er lag auf dem Boden, neben dem Sofa. Der unbesehen geklaute Mantel hing über dem Stuhl. Sein Kopf dröhnte, der Mund war ganz trocken, die Hosen nass.
‚Nanu‘, dachte er. ‚Noch nie habe ich mich so betrunken. Gut, dass ich noch am Leben bin.‘“

Aber da Pawel weiß, was sich gehört, sucht er die Adresse nochmals auf, um sich für das Malheur zu entschuldigen. Doch siehe da: Die Wohnung steht leer und Gastgeber und Gäste sind längst verstorben. Denn: Pawel ist in einen Zeitbruch, ein räumliches Zeitloch geraten und hat an einer Party teilgenommen, die ein Vierteljahrhundert zuvor stattgefunden hatte.

„Also, ziehen wir Bilanz“, beschloss Pawel am nächsten Morgen nach dem Aufwachen, noch im warmen Bett. „Meinen jungen Vater habe ich zusammengeschlagen, meine Mutter habe ich mit eigenen Augen gesehen, noch ehe ich geboren wurde, dazu habe ich Alina verführt oder, wie man will, vergewaltigt, ich habe von ihr einen kleinen Sohn, der vielleicht älter ist als ich selbst, und ich habe mich in Wera verliebt, eine Tote, und ich liebe sie noch. Ja, recht hatten sie, die Herren Metaphysiker: vor allem nicht versuchen zu begreifen.“

Nein, einfach zu begreifen ist es nicht. Aber Pawel hat einen Sohn; immerhin nach diesem kann er suchen. Und jetzt gehen die Komplikationen erst richtig los…

Die irrlichternde Zeit ist komplett abgedreht, grenzenlos skurril, obgleich nicht wirklich unglaubwürdig – und dabei so packend und witzig geschrieben. Dieses Buch kann man erst aus der Hand legen, um wieder Luft zu holen, wenn man es zu Ende gelesen hat.

Dieter Lohr




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