Carlo Lucarelli

Der trübe Sommer

Krimi. Piper Verlag, 147 Seiten. 7.90 EUR . ISBN: 3-492-23490-9

Carlo  Lucarelli: Der trübe Sommer

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von j. c. schmidt, www.kaliber38.de

Carlo Lucarelli: Der trübe Sommer
"Kratz an irgendeiner Familie in Europa," schrieb sinngemäß die Berliner Krimi-Autorin Pieke Biermann, "und es kommt sofort der Zweite Weltkrieg zum Vorschein". Einen Beleg liefert der Italiener Carlo Lucarelli mit seinem knappen, atmosphärisch dichten Roman "Der trübe Sommer. Ein Fall für Commissario De Luca", der unmittelbar nach dem großen Gemetzel spielt.

Chaos herrscht im Sommer 1945. Die alte Ordnung ist zerschlagen, eine neue noch nicht etabliert. Es ist die Zeit der Rache: Faschisten und Kollaborauteure werden ermordet und ihr Besitz an bedürftige Familien verteilt. Der CLN - das nationale Befreiungskommittee - und die Partisanenpolizei sichern die Ordnung. Oder das, was sie dafür halten.

Commissario De Luca eilte einst der Ruf voraus, "der brillanteste Ermittler der italienischen Kriminalpolizei" zu sein. Doch dann hat sich der Polizist "ein wenig in der Politik verirrt", und sein Name landete "auf einer Liste von Personen (...), die vom CLN gesucht werden, in einer Reihe hässlicher Namen von Anhängern Mussolinis". De Luca ist auf der Reise von Bologna nach Rom, inkognito und mit gefälschten Dokumenten. Und er hat Angst. Tief in der Provinz - und hier beginnt Lucarellis Roman - fliegt seine Tarnung auf: Der Commissario trifft auf den jungen Brigadiere Guido Leonardi, der den legendären Kriminalisten von einem Lehrgang in Mailand 1943 wiedererkennt. Der junge Partisanenpolizist leitet die Dienststelle in dem Dörfchen Sant' Alberto - ein Kaff, das direkt an der Front lag und sich während des Krieges "sämtliche Kanonen eingefangen (hat), von den Deutschen, den Engländern, den Polen.".

Ein brutales Verbrechen hat sich im Ort ereignet: Die vierköpfige Familie Guerra wurde erschlagen. Die Leiche Delmo Guerras, das Oberhaupt der Sippe, weist schwere Folterspuren auf. Was dem jungen Brigadiere Kopfzerbrechen bereitet, ist das Motiv der Schandtat: Die Guerras hatten es verstanden, sich aus allen politischen Zwistigkeiten herauszuhalten; auch rechtfertigt das karge Einkommen, das Delgo Guerra als Dieb und Wilderer nach Hause brachte, kaum ein Familienmassaker.

Brigadiere Leonardi ist ambitioniert, gewitzt, verschlagen - und erfrischend wenig korrupt. In Mordermittlungen jedoch ist der Dorfpolizist unerfahren. Leonardi hüllt De Luca in einen Deckmantel und zwingt den Commissario mit der latenten Drohung, seine Identität vor der Resistenza auffliegen zu lassen, in die Ermittlung. In dem brisanten Gezerre und Geschiebe zwischen alten Veteranen des Widerstands und neuen "Demokraten" bewegt sich Commissario De Luca auf hauchdünnem Eis und erkennt, dass ihn alle Dorfbewohner für ihre politischen Zwecke benutzen. Dazu zählt auch, sich der Helden der jüngsten Vergangenheit zu entledigen:

"(...) Carnera ist bei uns ein Mythos, er ist ein Held, und zwar einer mit einem riesengroßen H. Der hat im Krieg Sachen gemacht... mein Gott, die von der Brigata Nera aus Bologna haben ihn geschnappt und zwei Tage gefoltert, aber er - nichts, kein Sterbenswörtchen... Und das ist noch nicht alles. (...) Carnera ist wirklich ein Mythos, aber im Laufe der Zeit ist er ein unbequemer Mythos geworden, der nicht abtreten will, und Savioli wäre es gar nicht einmal so unrecht, wenn Carnera bei den Ermittlungen ein paar Federn lassen müßte."

Selbst ein Schäferstündchen, das De Luca mit der Tochter der Gasthauswirtin vergönnt ist, ist mitnichten ein spontaner Akt, sondern eine wohlgeplante Attacke auf die örtliche Machtbalance.

Lucarelli erzählt von Menschen in einer sich radikal verändernden Zeit - in einer trüben Zeit. Seine Figuren haben psychologische Tiefe und sind nur selten das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen: Die Wirtstochter Francesca etwa, mit ihren abgeschnittenen Haaren als "Deutschenliebchen" gebrandmarkt, ist de facto emanzipierter als es die Resistenza erlaubt.

Carlo Lucarellis Romane um den Commissario De Luca erscheinen seit 1990 in Italien, in deutscher Sprache sind sie erst seit Kurzem zu lesen. Das ist ärgerlich: Zwei Jahre später begann Donna Leon mit ihren Light-Romanen um Commissario Brunetti aus Venedig. Lucarelli statt Leon, De Luca statt Brunetti - der ganze Italo-Krimi-Schmarrn, der heute noch manches Verlagsprogramm verstopft, wäre uns erspart geblieben.






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