Joachim Lottmann

Mai, Juni, Juli

Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, 256 Seiten. 9.90 EUR . ISBN: 3-4620-3246-1

Vom leeren Blatt Papier zum leeren Roman
Joachim  Lottmann: Mai, Juni, Juli

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Joachim Lottmann gilt seit seinem 1987er Romanerstling als einer der vielen Subversions-Gurus der Achtziger Jahre und gar als Vater der deutschen Pop-Literatur. Und in der Tat: Buch, Erzähler und Autor sind aufgeblasen, inhaltsleer und nichtssagend – und wahrscheinlich auch noch stolz darauf.

Fast ein jeder Jungautor kommt früher oder später (meist früher, sagen wir nach der dritten Kurzgeschichte oder dem zehnten Gedicht) an den Punkt, wo er vor dem leeren Blatt Papier sitzt und nicht weiß, was er weiter schreiben soll. Also schreibt er just über besagtes leeres Blatt Papier und seine diesbezüglichen Gefühle. In der Regel gibt es danach zwei Möglichkeiten, wie es weitergeht, und ergo zweierlei Gründe, warum wir derlei nicht so oft zu lesen bekommen:
Entweder der Autor überwindet seine Originalitätskrise, schreibt Weiteres und Anderes und lässt seine Gedanken zum leeren Blatt Papier in der Schublade oder (besser noch) im Papierkorb verschwinden.
Oder die Gedanken zur Einfallslosigkeit waren die letzten, die er schriftstellerisch wirkend zu Papier gebracht hat, und es bleibt bei einem Gesamtoeuvre von weniger als 20 Seiten, die ebenfalls nirgendwo publiziert werden.
Beides ist gut so.
Joachim Lottmann allerdings wählt den Sonderweg: Er schreibt nicht nur ein Gedicht oder ein Kurzgeschichtlein über seine Einfallslosigkeit, sondern gar einen fetten Roman, einen Roman darüber, dass er sich zwar für einen begnadeten Schriftsteller hält, dass er als solcher Weltruhm erlangen möchte, dass er aber nicht weiß worüber er schreiben soll, dass er allerdings genau weiß, worüber er nicht schreiben will, und schließlich von seinem Verleger, der auch zu wissen meint, worüber der Held schreiben sollte oder könnte oder nicht. Er schreibt also, worüber er nicht schreibt, worüber er schreiben könnte, es dann aber doch nicht tut, und darüber, was er in seiner Einfallslosigkeit nebenher noch erlebt.
Heraus kommt eine Ansammlung von Romananfängen, Episödchen und Anekdoten, sowie ein Streifzug durch diverse Szenen der Mittachtziger Jahre.
Die erhoffte Leserreaktion ist schon klar: “Ei, was für ein großartiger Held und Tausendsassa dieser Lottmann doch ist! Wie er hinter der vorgeschützten Phantasielosigkeit vor originellen Einfällen nur so sprudelt! Was für interessante Menschen er kennt, und was er doch selbst für ein interessanter Mensch ist, welch grandioser Wortkünstler auch! Wie intelligent und spritzig er mit Konventionen, der Gesellschaft und dem Zeitgeist abrechnet!”
Fehlanzeige.
Dass Lottmann sich selbst so sieht, steht außer Frage. Nach der Lektüre von ‘Mai, Juni, Juli’ könnte man ihn allerdings auch für einen grenzen- und gnadenlos aufgeblasenen Großkotz halten, der in seiner Lottmann-Selbstverliebtheit wild, blind und dumm um sich schlägt und seine Außenwelt lediglich nach den Merkmalen Lottmann-dienlich oder Lottmann-undienlich differenziert, für einen Opportunisten ohne Gespür für Gesinnungen oder Gürtellinien. Alleine die Genüsslichkeit, mit der er sich alle paar Seiten das Wort ‘Neger’ auf der Feder zergehen lässt, spricht Bände.
Zugestehen muss man ihm allerdings, dass er des Schreibens durchaus mächtig ist (er hat ja auch schon mehr geschrieben, als dieses eine Buch). Es liest sich mitunter in seiner Belanglosigkeit ganz witzig, wie er so vor sich hin plaudert.
Der Inhalt, beziehungsweise die Inhaltslosigkeit seines Buches lässt sich damit allerdings nicht einmal ansatzweise retten.

»Ich besaß ein kleines, murkeliges, blaues Etwas von einem Plastikkettenband, das ein Fahrradschloß sein sollte und nur zwei Mark fünfzig im Kaufhof gekostet hatte. Ich wollte ja für ein gefundenes Rad kein Geld ausgeben. Schloß und Pumpe hatte ich gleichzeitig gekauft, beides war so billig gewesen. Zuerst meinte ich, die Luft würde sicher oft ausgehen bei so einem Sperrmüllrad. Nun wußte ich’s besser. Gut also, daß die Pumpe weg war, Herrgott.
Das murkelige blaue Kettenschloß, übrigens mit Zahlenkombination, wobei die Zahlen nur von eins bis sechs gingen, befestigte ich nun, vor dem Lokal, an Rad und Laternenpfahl. Ich wollte sagen: an Rad und Laternenmast. Jeder Mensch, ob klein, ob groß, arm oder reich, ob Hund oder König, Gastarbeiterkind oder Fixer, konnte dieses kleine Plastikkettchen entzweibrechen und das Rad stehlen. Aber wer, ja WER hatte die allesüberbietende Brutalität, ausgerechnet das wehrloseste, schwächste, dünnste kleine blaue Kettchen der Welt anzupacken und vom Leben in den Tod zu befördern, es zu zerreißen, als wäre es so selbstverständlich wie Zähneputzen und Kindergebären?«

Dieter Lohr




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