Liza Cody

Gimme More

Sonstige. Unions-Verlag, 356 Seiten. 19.90 EUR . ISBN: 3293003095

"Dann sind wir Huren / Nur diesen Tag"
Liza  Cody: Gimme More

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Wer Rock'n'Roll liebt, daher das Geschäft hasst, den verwöhnt Liza Cody mit dem Roman Gimme More

Vor ein paar Jahren sagte mir der Bassist einer damals nicht superbekannten Band: "Wir sind bestimmt keine guten Musiker. Man sieht das besonders bei unseren Konzerten: Meistens sind Kurt und ich völlig außer Stimmung. Die Leute denken, das sei gezielt, ist es aber nicht. Der Grund ist einfach, dass wir das nicht unter Kontrolle haben; und dass es uns nicht sonderlich wichtig ist.” Was wichtig ist, wusste der Drummer: "Feelings, etwas echtes, statt diesem Yngwie-Malmsteen-Gedudel. Das löst nämlich gar nichts bei einem aus – jedenfalls bei mir nicht." Rock-Archäologen ahnen es: Kurt, der Gitarrist, nahm an dem Interview nicht teil, musste "Stimmbänder schonen" (sich von Management, Dauerstress und Rampenlicht erholen). Es hieß, der Arzt habe ihm Codein verschrieben. Das lindert die Schmerzen. So effektiv und mit den Feelings vergleichbar, als betäube man seine Hand, bevor man sie ins Feuer hält.

Gimme Gimme Shock Treatment -The Ramones

Allen Musikern ist Feeling wichtiger als Gitarrenstimmen, jedenfalls denen, die es wert sind beachtet zu werden. Das Feeling, das zählt, ist – auch – das im Fonds der Limos, in der Hitze des Rampenlichts, das von Blitzlichtgewittern im Foyer des Ritz, im Whirlpool auf "titanischen Titten" fläzend. Und irgendwann wird aus ZZ Tops Gimme All Your Lovin dann Iggy Pops Gimme Danger. Im Mittelpunkt der Action von Liza Codys Gimme More steht der mit seinem Haus verbrannte Jack, es agiert seine Witwe Birdie Walker. Jack hatte Charisma wie Jagger, genialistische Züge wie Lennon. Vor lauter Hungern nach Betäubungsmitteln, Exzess und Streicheleinheiten kam er erst spät dazu, über Tantiemen und Einnahmen nachzudenken. So wie sein Gitarrist, Jahre später, als es heißt, wie schon bei The Pipkins: Gimme Dat Ding. Das Ding wollen alle, denn es bringt die Kassen zum klingeln, Hüften zum schwingen.

Der Gitarrist "hat schon 'ne Glatze und ist immer noch nicht satt. Muss immer noch den größten Scheinwerfer haben und 'n dicken Wagen fahren. Wo ist eigentlich die Gegenkultur hingekommen?" Die, die das beobachtet und uns mitnimmt durch Backstagewelten, Damen-Toiletten und von London nach New Orleans, ist Birdie Walker. Sie ist ein Kracher, aus demselben Holz wie frühere Kreaturen Codys (Anna Lee, hard-boiled Noir-Klassiker, später die Catcherin der Eva Wylie-Serie). Birdie, oh Birdie, gehasst und missverstanden wie Yoko; eine sexy unwiderstehliche Muse, die sich wie Faithfull ausziehen, -nehmen, -saugen, -lachen und -nutzen ließ. Aber auch verkannt, clever und post-feministisch wie Kurt Cobains Witwe Love. Kurz: Wer ihr nicht folgt, muss schon ziemlich tot sein. Mit wenig Begeisterung tun es die Herrschaften aus dem Schlachthaus der Industrie, ohnehin mit Seilschaften versierter als im Drähteziehen. Wie Hyänen und Schakale scharren sie nach dem großen posthumen Ding und müssen es Birdie überlassen, die Karten auszuteilen und zu spielen, den ganzen Packen vorher zu modulieren... "Das Ding kann sonst wo sein. Mick Jagger, zum Beispiel, hat mir nach Jacks Tod mal seine Insel geliehen – da hab ich noch Sachen."

Vordergründig geht es um die Suche nach dem Ding, vermeintlich existierenden – oder verschollenen? – Aufnahmen Jacks, auf Celluloid und Tape. Was die Story zu mehr macht als einem ewigen Gimme Gimme Gimme (egal ob von Abba oder Landsmann Malmsteen) ist Codys Handwerk. Nach zehn Romanen beherrscht sie die Tonleitern von Suspense genauso selbstverständlich wie sie Atmosphären und Charaktere entwirft. Sie versteht die Vertragsklauseln, die von Musikern in aller Welt und seit Ewigkeiten so leichtfertig unterzeichnet werden, da sie so öde sind. "Große Hunde fressen kleine. Kleine Hunde fressen noch kleinere. Und so weiter – bis runter zu den Flöhen auf ihrem Rücken. Den armen Flöhen, die durch die Gegend hüpfen und nach was zu beißen suchen und ihre Liedchen schreiben und darauf hoffen, eines Tages Star des ganzen Flohzirkus zu sein." Zugleich weiß Liza, wie eine Story spannend erzählt werden muss, wo Dramatik wichtiger ist als der Naturalismus, der einen zwischen grauem Backstage-Beton anöden kann. "Alles, was darin vorkommt", versicherte sie mir allerdings, "habe ich so erlebt." Als Roadie der "schlechtesten Band Londons". Wie bitte? "Ja, Verstärkerschleppen und so –eigentlich Männersache. Aber die wollten lieber Sänger oder Leadgitarrist werden." Und so schleppte Liza die Amps, stellte klar, dass der Bassist keinen Stromschlag bekam, der Leadgitarrist sich im Klo nicht einen Schuss setzt...

Gimme All Your Lovin' Or I Will Kill You -Macy Gray

So bietet die Story außer Spannung massig Background, aber eben auch viel Witz und Zynismus, wie ihn jemand bekommt, der lange an die puren Feelings des Rock geglaubt hat. "Im Ernst – so geht die Story", so Birdie vor dem Crescendo, "Huren und Helden, Geschäftssinn und Geilheit, Stolz und Schlamassel." 100% Rock'n'Roll. Gimme more.

© Matthias Penzel, 2004. Original erschien dieser Artikel in Rolling Stone 5/2003






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