Eta Linnemann

Original oder Fälschung. Historisch-kritische Theologie im Licht der Bibel

Sach. CLV/CV, 1.90 EUR . ISBN: 3-89397-754-6

Vom Himmel gefallen?
Eta  Linnemann: Original oder Fälschung. Historisch-kritische Theologie im Licht der Bibel

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Eigentlich hatte ich mir nicht unbedingt vorgenommen, dieses Buch zu lesen, dass mir meine Tante, eine Diakonisse, da mit wärmsten Empfehlungen geschenkt hatte. Aufgrund ihrer pietistischen Prägung war der Inhalt in etwa absehbar. Und das musste ich mir nicht antun. Dachte ich.
Auf dem Titel ist ein halb zu Holz gewordener Apfel zu sehen. Der wiederum animierte meine Frau zur künstlerischen Verarbeitung. Sie zeichnete eine Made, respektive einen Holzwurm, hinein, der da nicht ohne Ur-Mutterwitz neben einer frisch gezimmerten Eingangstür herauslugte und den Apfel per Werbeplakat als „Evchens Happi Happi“ anpries.
Meine Frau präsentierte mir ihr Bild-Werk mit dem Zitat des Buchtitels: „Original oder Fälschung“???
Es ist irgendwie primitiv – ich weiß es selbst – aber das nunmehr geratene Gesamtkunstwerk, machte mich auf den Inhalt neugierig. Ich hätte nie gedacht, dass ich so auf Äußerlichkeiten wie Buchtitel und Werbung abfahre. Zu spät. Schon hatte ich das Buch gelesen und hier ist meine Rezension:

Eta Linnemann ist Theologin, die in ihrer Frühphase zwei Werke vorgelegt hatte, die nicht ohne Beachtung der Fachwelt geblieben sind. Sie hatte dann eine Professur inne. Von der daraus erwachsenen Pension und den Tantiemen ihrer Bücher lebt sie seither nicht unkomfortabel.
Nach ihrer Karriere hat sie sich im klassisch pietistischen Sinne bekehrt. Für den, der mit dem Begriff „Bekehrung“ nichts anfangen kann, hier eine Kurzfassung:
Ein Mensch wandelt naturgemäß auf dem Pfad der Sünde. Im Idealfall begegnet ihm eines Tages der HErr, also Gott in einer seiner Gestalten. Daraufhin ändert der Bekehrte sein Leben. War bisher sein ICH auf seinem inneren Thron, so beugt er sich nun der Macht Gottes. Er setzt also Gott (wahlweise auch gern Jesus) auf diesen inneren Thron und beugt sich seinen Weisungen. Soweit die Lehre der Pietisten, Methodisten, Baptisten und wie die frommen Isten alle heißen.
In der Bibel gibt es dafür Beispiele. Zum Beispiel der böse Zöllner Zachäus, den keiner leiden konnte, den aber wohl alle fürchteten. Nach seiner Begegnung mit Jesus ändert er sein Leben und gibt die Hälfte seines Vermögens den Armen und jedem, den er betrogen hat, die Summe vierfach zurück. Jedenfalls kündigt er das an. Über die Umsetzung des edlen Vorhabens wird leider nichts berichtet, doch man stellt sich die Frage, wo denn das ganze redlich erworbene Kapital des Zachäus herkommt, mit dem er den unredlich begangenen Schaden nach Abzug der Hälfte seines Gesamtvermögens vierfach ausgleichen will. Wenn er Leute im Gesamtwert von 20.000 Mark betrogen hat, muss er nun 80.000 Mark zurückzahlen. Oder anders gesagt: Wenn er auf redliche Weise 60.000 Mark + die Hälfte des Gesamtvermögens über hat, warum hat er dann in seiner Sünder-Phase noch unredliche 20.000 abgezockt?
Hätte er seinen guten Willen umgekehrt angekündigt, wäre er etwas glaubwürdiger: Erst den Schaden wieder gut machen und vom Rest die Hälfte verschenkt. Das käme auch billiger.
Jetzt hatte er sehr wahrscheinlich gar kein Kapital mehr. Dafür ein Kapitel in der Bibel. Lukas 19.
Egal. Jedenfalls wird dergleichen von Eta Linnemann, die von sich behauptet, sie habe dem falschen Götzen (nämlich der eigenen Ehre) gedient und damals viele andere verführt, nicht berichtet.
Weder hat sie all denen, die ihre Bücher gekauft haben, den Wert derselben vierfach ersetzt, noch zahlt sie dem notorisch klammen Staat ihr Professorengehalt oder die Pension zurück. Soll sie auch nicht.
Hauptsache bekehrt, und zwar gründlich. Ihre alten Bücher hat sie nach eigenen Angaben aus ihrem Bücherschrank heraus verbrannt. Dafür ein paar neue geschrieben. Und ihr dringendes, ja drängendes Anliegen ist, dass möglichst viele Leute diese neuen Bücher kaufen und die alten verbrennen.
Das heißt im Klartext: Allen, denen sie in der Vergangenheit nach ihrer eigenen Einschätzung Unrecht getan hat (und die also finanziellen Schaden wegen des Kaufes bösartiger Literatur erlitten haben) zieht sie nun wieder Geld aus der Tasche. Allerdings ist der Kaufpreis nunmehr so gering, dass die Versandkosten fast teurer kommen. Da hat sie denn doch was Zachäusartiges.

Was will denn nun eigentlich Frau Linneman?
Sie kritisiert die historisch-kritische Methode in der Theologie.
Falsch ist es demnach, bei den alten Texten der Bibel danach zu fragen: Was war der ursprüngliche Text oder die ursprüngliche Geschichte und was ist im Laufe der mündlichen und schriftlichen Tradition dazu gekommen? Was ist zeitbedingt und heute schlichtweg Schwachsinn und was ist der Kern der Geschichte, der auch heute noch zutrifft? Was ist religiöses Urgestein und was zeitbedingte Verkleidung? Was ist Kern und was ist Hülle? Was stammt wirklich z.B. von Jesus und was haben die später schreibenden Autoren der biblischen Bücher hinzu getan? Wo sind offensichtliche Widersprüche in den verschiedenen Überlieferungen und wie sind sie zu erklären? Was wurde um der netten Form gedichtet und was ist wahr? Was ist evtl. ein psychologisch wichtiger Kern, der von der Verpackung entkleidet werden muss, um zur Wirksamkeit zu kommen?

All das war, wie gesagt, früher Lebensinhalt der historisch-kritischen Forschung auch einer Frau Linnemann. Nunmehr ist das alles in ihren Augen Unsinn.
Richtig ist es dagegen, die Bibel, so wie sie ist, als Gottes Wort zu nehmen. Und zwar wortwörtlich und authentisch.
Begründet wird das damit, dass nicht unser Verstand das Kriterium des Wissens ist, sondern Gottes Verstand, den er nicht von uns nachvollziehbar gestalten muss, sondern dessen Ergebnisse er dem demütig Bittenden offenbart.

Ich halte das für Schwachsinn, für die intellektuelle Bankrotterklärung einer begabten und ehrgeizigen Religionsschmarotzerin. In der Regel wird auf Derartiges deshalb auch vom Mainstream der Wissenschaft gar nicht erst reagiert.
Trotzdem kann ich Frau Linnemann einen gewissen Respekt nicht versagen. Denn in ihrer Kritik der Anwendung der historisch-kritischen Methode hat sie fast durchgängig recht. Da analysiert sie klar und deutlich und messerscharf. Ähnlich wie bei Karl Marx ist die Kritik ebenso brillant wie die Folgerungen daneben sind.

Aus ureigenster Anschauung kennt sie den ganzen wissenschaftlichen Lehrbetrieb der Theologen-Szene. Und sie zeigt, wie auf einer eigentlich wackeligen Ur-Annahme, einer These also, wenn sie sich erst einmal etabliert hat, weitere Thesen aufgebaut werden, wie darauf viel Zeit, Scharfsinn und Mühe verwandt wird und dann am Ende doch nur ein Kartenhaus dasteht. Oder meinethalben ein babylonisches Türmchen. Trotzdem wird es wegen der inneren Gesetzmäßigkeiten der akademischen Laufbahn, wegen der Abhängigkeit der Studenten und Assistenten von den Professoren und der Ablehnung freien Denkens immer schwieriger, abweichende Gedanken zu äußern, geschweige denn, sie zu publizieren.
In der Theologie hat sich im Laufe der letzten 50 oder 80 Jahre ein geballter Schwachsinn bis hinauf zu den gefragtesten Lehrstühlen konserviert, der sich selbst völlig genügt, eigene Unlogiken für unangreifbar hält und dem Rest der Welt völlig zu Recht egal ist, was auf Gegenseitigkeit beruht.
Nur mal so als Beispiel: Albrecht Alt, einer der ehemals großen Strategen, hat die Aramäer-These formuliert. Demnach kamen all die Volksstämme, die in biblischen und angrenzenden Berichten immer wieder überraschend und erobernd auftauchen, aus dem Inneren der arabischen Wüste und sickerten in das Umland des „Fruchtbaren Halbmonds“, also der von Palästina und dem Zweistromland markierten Gebiete, ein.
Die Aramäer-These war zwanzig Jahre lang das Ding. Jeder Student hatte sie zu verinnerlichen. Bis dann erste zaghafte Stimmen fragten, wie eigentlich so viele Menschen mitten in der Wüste entstehen konnten? Ein Menschenbrunnen vielleicht? Wie haben sie die Wüste überlebt, geschweige denn sich in ihr vermehrt? Wie konnten sie weite Strecken in der Wüste überwinden, noch bevor das Kamel als das Haus- und Reisetier, das Wüstendurchquerungen aushält, domestiziert war?
All dies hat zwanzig Jahre keine Sau interessiert. Der Alte vom Berge hatte sie alle unter Kontrolle. Und das ist nur ein klares Beispiel. So funktionieren 40-60% der Theologie.
Weiterhin hat Frau Linnemann natürlich Recht, wenn sie den theologischen Grundsatz ablehnt, man solle so forschen, als ob es Gott nicht gäbe. Gerade offene Geisteswissenschaft, ob atheistisch oder religiös, muss sich natürlich auch der These stellen, dass es einen Gott geben kann und dass es diesem Gott freigestellt bleiben kann, alles ganz anders zu tun, als unsere Logik es erfassen mag. Anders als Frau Linnemann unterstellt, haben andere Theologen, die sie offenbar nicht kennt, diese Frage durchaus im ständigen Blick.
Es ist eine philosophische Frage, die Frage nach der Zuverlässigkeit unsers Verstandes, die ich hier einmal fest halten will, auch wenn ich erst weiter unten darauf zurück komme.
Theologie, die nicht mit Gott rechnet, ist ungefähr so sinnvoll wie Physik, die das Vorhandensein von Kräften negiert. Allerdings muss es freier Wissenschaft in beiden Fällen auch erlaubt sein, das Vorhandensein der Grundannahmen, der Axiome, hin und wieder in Frage zu stellen und die möglichen Ergebnisse durchzurechnen, bzw. durchzudenken. Dass gehört zur Freiheit der Forschung halt genau so dazu. Und das hat Frau Linnemann nach ihrer Bekehrung nun ihrerseits gar nicht mehr im Blick.

Man wird bei ihr überhaupt den Eindruck nicht los, dass sie sich eigentlich überhaupt nicht verändert hat: Dieselben Grundfehler, die sie früher begann, und die sie jetzt kritisiert, begeht sie nunmehr von der anderen Seite. Aber genau so plump und genauso absolut.

Wenn sie an dieser Stelle kritisiert, dass sie selbst früher mit ihren Kollegen die Annahme, dass es einen Gott gäbe, aus der theologischen Fragestellung verbannt hat, und dass damit die Wissenschaft nicht mehr ihrem Anspruch (nämlich: frei zu sein) gerecht wird, so verbannt sie heute die Annahme, dass es keinen Gott gäbe, aus ihrer Fragestellung und ist damit in ihrer Wissenschaft ebenso unfrei. Zumindest im Irrtum ist sie sich treu geblieben.

Als besonderen Schwachpunkt der Theologie macht Frau Linnemann zu Recht die Textkritik aus.
Textkritik funktioniert so: Aus der Verwendung verschiedener Verben, Titel und Wendungen schält man z.B. aus dem ersten Mosebuch verschiedene Ur-Autoren heraus.
Das Bekannteste: Für Gott werden im Hebräischen dort zwei verschiedene Titel verwendet. Der Eigenname Jahweh (sprich Jachwäh) und die Pluralform Elohim (=Götter; wird aber wie ein Singular verwendet. Also z.B.: „Und Götter sprach: Es werde Licht!“)
Im so genannten ersten Schöpfungsbericht (1. Mose 1, Vers 1 bis 1. Mose 2, Vers 4a*) steht immer „Elohim“. Im so genannten zweiten Schöpfungsbericht (1. Mose 2, Vers 4b bis Ende) steht immer Jahweh. Außerdem unterscheiden sich die beiden Berichte in Form, Aufbau und teilweise auch Inhalt (z.B. werden im ersten Bericht die Säugetiere vor dem Menschen geschaffen, im zweiten nach ihm). Daraus hat man auf zwei Autoren geschlossen und dieser Schluss ist seither in der Theologie so zwingend, dass man schon als kleiner Student, wie es im Theologendeutsch heißt: „nicht mehr dahinter zurück kann“.
Gelegentlich wird mit einem selbstironischen Lächeln davon berichtet, dass andere Forscher die gleichen Kriterien auf die schriftstellerischen Werke von Goethe angewendet haben und zu dem Ergebnis kamen, dass Goethe unmöglich gleich Goethe gewesen sein kann.
Aber die Konsequenz zu ziehen, nämlich zuzugeben, dass diese Grundthese aller Textkritik möglicherweise auch falsch sein kann, es zu einem nicht unerheblichen Prozentsatz sogar wirklich ist – diese Folgerung wird seltsamerweise nicht geschlossen. Wer sie dennoch tut, macht sich in der Theologen-Szene unglaubwürdig.
Die Simplizität des möglichen Irrtums liegt auf der Hand:
Aus der Tatsache verschiedener Titel und Formen wird auf verschiedene Autoren geschlossen. Demnach wäre zum Beispiel die Erstversion von Schillers „Bürgschaft“, die von einem „Myros“ spricht, der den Dolch im Gewande hatte, von einem entschieden anderen Autor als die Version mit dem schulbuchbekannten „Damon“.
Eine weitere Grundregel der Textkritik lautet, dass die schwierigere Lesart die authentischere sei. Logische Folge: Tatsächliche Schreibfehler sind glaubwürdiger als Lesbares. Denn letzteres setzt sich sofort dem Verdacht aus, von einem späteren Bearbeiter „geglättet worden zu sein“.
Wenn Sie demnächst in ihrer Gute-Nacht-Lektüre einen Druckfehler bemerken: Kein Grund zum Ärger: Sehr wahrscheinlich halten Sie nach gängiger theologischer Grundregel die authentische Meinung des Verlassers in der Hund.
Bei einer dritten Regel gilt: In lyrischen Abschnitten ist die kürzere Form authentisch.
Wenn Mose und seine Leute in 2. Mose 15, nachdem sie aus einer großen Gefahr gerettet wurden, eine Art spontanen Rap dichten, und am Ende des fünfminütigen Gesanges das Grundthema von Moses Schwester Miriam noch einmal wiederholt wird: „Ich will dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan, Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.“, dann schließt der Vollbluttheologe heutzutage 99:1 daraus: Nur dieser Satz ist das ursprüngliche Miriam-Lied. Alles andere ist spätere Beifügung der Mose-Buch-Redaktion.
Um bei Schiller zu bleiben: Aus der Tatsache der Existenz einer bekannten 9. Sinfonie wäre demnach zu schließen, dass das „Freude, schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum“ mit maximal drei oder vier Nachsätzen die ursprüngliche Ode sei. Der 5-Seiten Epos, der weitgehend unbekannt in den Prachtausgaben des bürgerlichen Regals schlummert, wäre demnach eindeutig redaktionelle spätere Beifügung der Schiller-Editoren. Wenn jeder kleine Schiller-Experte behauptet, dass es genau umgekehrt war, und ein gewisser Beethoven aus Schillers Ode ein Exzerpt nahm, hat er in der Theologen-Szene zero chance.

Es geht dabei nicht um die These, dass es so gewesen sein kann! Auch in meinen Augen spricht einiges dafür, dass die Kurzfassung des Miriam-Liedes ursprünglicher ist, als der Rest. Es geht hier um die Tatsache, dass diese These so gehändelt wird, als ob es so gewesen sein muss! Dass jemand, der es anders sieht, nicht ernst genommen wird. Dass auf dieser These weitere Thesen aufgebaut werden, die dann ebenso glaubensfest gehändelt werden. Und auf diesen Thesen wieder weiter. Dabei ist schon die Grundregel, dass die kürzere Lesart die ursprünglichere sei eine These, die weniger als eine 70%ige Möglichkeit hat.
Und wenn man nur vier Thesen mit je 70%er Möglichkeit (im Umgangdeutsch spricht man hier gern von Wahrscheinlichkeit) aufeinandertürmt, so steht am Ende eine These mit der Möglichkeit 24,01%. Das könnte man dann schon als unwahrscheinlich bezeichnen.
Auch wenn die Thesen, für sich genommen, mit einer Möglichkeit von 90% aufeinander getürmt werden, so bleibt bei der 4. abhängigen These nur noch eine Möglichkeit von 65,61%. Und wer kann schon von seiner These eine 90%ige Wahrscheinlichkeit glaubhaft behaupten?

Wie gesagt, das alles sind keine an den Haaren herbeigezogenen Beispiele, sondern noch recht einfach gestricktes fundamentales theologisches Lehrgut. Wer es anzweifelt, hat in Prüfungen selten eine Chance. Und wenn Frau Linnemann diesen Quatsch als solchen erkannt hat und nunmehr kritisiert, ist man der Frau nachgerade zu Anerkennung verpflichtet.

Was aber ist ihre Alternative? Ihrer nunmehrigen Meinung nach ist die Bibel von vorn bis hinten Gottes Wort. Die Menschen, die es aufzeichneten, sind also nur Werkzeug. Widersprüche sind nur scheinbar und haben ihre Ursache in unserer Begrenzung, also unserem mangelnden Verstehensmöglichkeiten. Ungefähr so, wie die Planeten scheinbar ein Stück sich zurückbewegen oder die Sonne scheinbar aufgeht. Zur Auslegung von Bibelstellen sind ausschließlich andere Bibelstellen geeignet. Nicht geeignet sind philosophische, logische oder psychologische Erwägungen. Was in der Bibel steht, reicht als Gottes Wort für jeden Menschen aus. Auch spätere, ergänzende Inspirationen sind nicht möglich.
Gottes Wort, also die Bibel, ist ungeteilt. Wie das zu verstehen ist, wird bei Frau Linnemann nicht ganz deutlich. Einerseits gesteht sie zumindest eine Zeitschiene zu, also eine Entwicklung innerhalb der biblischen Schriften, so dass z.B. die Aussagen von Jesus entsprechende alttestamentliche Texte durchaus ergänzen und vervollständigen können. Andererseits kann sie aber aus dem Aufbau der alttestamentlichen Stiftshütte, einem Zelt-Tempel, schon deutlich und verbindlich Aussagen über Jesus ablesen.

Solche Ansichten sind nicht neu. Schon Raw Kahana (3.Jh) behauptete die Wörtlichkeit des Schriftverständnisses („Kein Schriftwort kann seinen Wortsinn verfehlen“ – Babyl. Talmud; Schabbat 63a) und stieß damit bei seinen Kollegen auf starke Verwunderung.
Solche Ansichten sind auch nicht originär. Im Islam argumentiert heute noch der größte Teil der Theologen so. Man nennt sie Fundamentalisten.
Und solche Ansichten sind auch seither und abgesehen von anderen nicht besser geworden.

Derartige Behauptungen stoßen an gewisse Fragen, deren Beantwortung Frau Linnemann ebenso schuldig bleibt, wie alle anderen ihrer neuen Gesinnungsgenossen.

1. Die Frage nach der Abgrenzung der Schrift.

Wer, wie Frau Linnemann, behauptet, dass nur innerbiblische Aussagen zur Auslegung des Wortes Gottes geeignet sind, ist es schuldig, zu erklären, wie er denn die Abgrenzung der biblischen Bücher begründet. Die geschah bekanntlich auf sehr unheiligen Synoden im 4. Jahrhundert, in deren Verlauf es durchaus zu Mord und Totschlag kam. Verschiedene, damals hochangesehene Schriften, wie beispielsweise der Clemensbrief, blieben außerhalb der Bibel. Andere, sehr fragliche, wie die Offenbarung des Johannes, durften mit hinein. Auch das Thomasevangelium, das aller Wahrscheinlichkeit nach sogar älter ist als das Johannesevangelium, durfte nicht in die heiligen Buchdeckel. Man unterschied fortan die zur Bibel zugehörigen Schriften – den Kanon – von den nicht zugehörigen, den außerkanonischen Schriften. Wobei es heute noch gewisse Randbereiche gibt. So gehören in der katholischen Bibel die so genannten Apokryphen (Makkabäerbücher, Judith, Jesus Sirach, Weisheit Salomos und Stücke zu Daniel) dazu, während sie in allen evangelischen Bibeln fehlen.
Ist die im Buch Judith besungene Enthauptung des Holofernes Gottes inspiriertes Wort? Frau Linnemann schweigt dazu.
Von anderen aus ihrer neuen Richtung hört man, die Zusammenstellung des heiligen Kanons im 4. Jahrhundert sei das Werk des Heiligen Geistes gewesen, der in den Synoden gewirkt habe. Auch wenn man die Zweifel angesichts der tatsächlichen Synodenverläufe in all ihrer Unheiligkeit verdrängt: Mit einer derartigen Antwort gibt man das Prinzip auf, dass die Auslegung der Bibel nur durch sie selbst geschehe. Hat man erst einmal den Heiligen Geist ins Spiel gebracht, so spricht nichts und überhaupt nichts mehr dagegen, ihm auch heute noch eine auswählende Wirkung zuzubilligen. Und wenn dann der Heilige Geist spricht, dass es schlichtweg Unsinn ist, wenn Frauen ihre Häupter vor den begehrlichen Blicken der Bösengel verhüllen sollen (eine Empfehlung des Paulus in 1. Kor 11) – was will Frau Linnemann dagegen sagen? Auch ihren Rat, Kinder gemäß einer Erziehungsweisheit aus Sprüche 23 mit der Rute zu züchtigen, missbilligt mein Freund, der Heilige Geist. Dagegen hätte er gegen eine Autoflagellatio von Theologieprofessorinnen gewiss nichts einzuwenden.

2. Die Frage nach der Funktion des menschlichen Verstandes

In der Logik von Frau Linnemann kann man dem menschlichen Verstand nicht viel abgewinnen. Er scheint nachgerade das geeignete Instrument des Teufels zu sein, um uns in Irrtum zu Gottes reinem Wort zu führen.
Geht man dagegen – ganz im Sinne Frau Linnemanns – stringent nach den Aussagen der Heiligen Schrift, also Gottes eigenem unverfälschtem Wort, so hat Gott den Menschen nach seinem Bilde erschaffen, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn und sogar als Mann und Frau schuf er sie. Sein Werk quittiert er mit einem: „Und siehe, es war sehr gut.“ Double great.
Unser Verstand, von Gott geschaffen, ist demzufolge ein Ebenbild seines eigenen Verstandes. Wir ticken, zumindest im Prinzip, genauso wie Gott. Mag man dies auch angesichts diverser Exemplare der menschlichen Gattung anzweifeln wollen – nach Frau Linnemanns Kriterien wäre das unbeschränkt gültig. Gottes Wort und basta.
Es ist demzufolge geradezu frevelhaft, diesem gottgleichen Verstand den inhärenten Irrtum anzudichten und damit Zweifel an Gottes Wahrheit und – noch schlimmer – an seiner Güte auszudrücken. Blasphemie, Frau Linnemann!
Lässt man sich auf die Prämisse eines Gottes ein, so hat er uns diesen Verstand als Gabe zur Benutzung gegeben und nicht als peinlich zu vergrabendes Handicap. Glaube ist demzufolge etwas Positives: Ein Vertrauen in Gottes Güte und nicht etwas Negatives: das Wegdrücken des Verstandes. Es wäre schön, wenn das in einer Theologen-Laufbahn begriffen worden wäre. Aber auch hier befindet sich Frau Linnemann trotz aller verbaler Abgrenzung weiterhin unter ihresgleichen.
Aber ernsthaft: natürlich gibt es Gründe an unserem Verstand zu zweifeln. Sogar eine wortwörtliche Interpretation der biblischen Aussage lässt dies zu: Nur der Verstand des Menschen als solchem, des Adam, also der menschlichen Gesamtheit mit so unterschiedlichen Aspekten wie männlichem und weiblichem Verstand, darf Anspruch auf das Prädikat erheben: Und siehe, es war sehr gut. Der Verstand eines einzelnen, eines Ben-Adam, ist ebenso partikular und begrenzt, wie es der Einzelne ist.
Trotzdem bleibt es die Aufgabe, den Verstand nach gegebener Fähigkeit zu schärfen und anzustrengen, auch und nicht zuletzt in der kritischen Auseinandersetzung mit dem, was einem durch andere als Wort Gottes serviert wird.
Und unser Verstand kann uns täuschen. Damit nehme ich den weiter oben festgehaltenen Gedanken auf. Descartes war meines Wissens der erste, der bei allem Glauben an das klare und urteilsfähige (clare et distincte) menschliche Denken sich die Möglichkeit überlegt hat, dass eben dieses Denken ja auch durch einen Kobold (daimonium) irre geleitet werden könne. Er wischt diesen Gedanken sofort wieder weg: Das würde Gott in seiner Güte nicht zulassen. Hierin ist er leider wenig überzeugend. Hat man den Kobold-Gedanken erst einmal eingeführt, so ist er ebenso wenig wieder herauszubringen, wie der Heilige Geist aus dem Umgang mit der Bibel, wenn man ihn bei der Auswahlkriterien erst einmal zugelassen hat.
Damit ist man eigentlich gar nicht mehr so weit von Frau Linnemann entfernt, die im kritischen Denken ohnehin den Feind (der dem cartesischen Kobold oder dem chronischen Satan** entspricht), am Wirken sieht.
Theoretisch denkbar. Wenn man an der Güte Gottes zweifelt, kann diese Welt sich in einem Matrix-
Imperium *** auflösen. Wenn man aber an die Güte Gottes glaubt, kann man mit Logik und Stringenz ebenso Zion erreichen, wie mit Unsinn und Gefühl.

3. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit und Fehlerbehaftetheit der assoziativen Methode im Umgang mit Bibeltexten.

Frau Linnemann verwechselt historisch-kritische Methode mit einer ebensolchen Theologie. Auch wenn sie sich eingangs gerade gegen diesen Vorwurf wehrt, ist sie nicht überzeugend. Die Methode als solche trägt, durchaus zum Erkenntnisgewinn aus den alten Bibeltexten bei. Schon die intensive Beschäftigung mit demselben durch Anwendung der Methode entfaltet eine meditationsähnliche Wirkung. Allerdings ist jederzeit zuzugeben, dass man sich in seinen Ergebnissen und Erkenntnissen ebenso und keinen Deut weniger irren kann, als jemand, der den Text wahllos aufschlägt und ihn als Orakel für den heutigen Tag ansieht. Historisch-kritische und Herrnhuter Losungsmethode sind beides nur Versuche, anhand alter Texte mit den religiösen Dimensionen, die wir im Begriff „Gott“ suchen, in Verbindung zu treten.
Natürlich ist der von Frau Linnemann propagierte assoziative Umgang mit Bibeltexten auch nicht zu verachten. Nur die Folgerung, dass Gott so und nur so direkt zu einem spräche, ist schlichtweg irrig. Auch ein frommer Mensch sollte hier von einer gewaltigen Fehlerquote ausgehen. Sie ist wahrscheinlich noch deutlich höher als die bei der historisch-kritischen Methode. Auf jeden Fall ist sie falsch, wenn sie sich fehlerfrei glaubt. Und genau das tut sie, wenn sie nicht auf die fehlerbehaftete menschliche Rezeption, sondern auf die Unfehlbarkeit göttlicher Mitteilung abstellt.

4. Die Frage nach der Relativität der eigenen Überlieferung

Für Frau Linnemann ist die christliche Überlieferung, also die Bibel, Gottes Wort pur. Das gleiche behaupten ebenso fundiert oder eben nicht fundiert islamische Theologen von ihrer Überlieferung, dem Koran. Und sie legen die gleichen Kriterien an wie Frau Linnemann: Der Koran kann nur durch sich selbst ausgelegt werden. Es ist vermessen, menschliche kritische Verstandeslogik an Gottes Wort, das den menschlichen Verstand doch um Dimensionen übersteigt, anzulegen.
Im Islam ist dies sogar noch die Hauptrichtung der Theologie. Auch in scheinbar offenen Universitäten wie Al-Ansar in Kairo werden Theologen, die sich dem Schriftgut historisch-kritisch nähern, massiv gemobbt, und zwar bis zur Zerstörung der Persönlichkeit. Auch in Europa müssen historisch-kritische Abhandlungen über den Koran unter Pseudonym erscheinen, wenn der Autor nicht Opfer eines geistlich getarnten Mordaufrufs werden möchte.
Über diese Schiene macht sich in jedweder Tradition immer nur die eigene Ansicht unangreifbar, indem sie sich als Gottes Ansicht ausgibt.

Zum Beispiel sagen historisch kritische Ausleger beim Koran, dass die Verschleierung der Frauen eine alte orientalische Sitte sei, die mit Gottes Willen soviel zu tun hat wie das Bleigießen an deutschen Silvesterfeiern. Und jene Stelle in Sure 33,53 (Und wenn ihr sie um irgend etwas zu bitten habt, so bittet sie hinter einem Vorhang) bedeutet nur, dass die Besucher des Propheten in dessen späten Jahren, als Mohammed ein wenig menschenscheu wurde, seinen Frauen nicht auf den Keks gehen sollten. Da antworten die Fundamentalisten darauf: Nein. Gottes Wort ist zeitlos gültig. Und jene Stelle mit dem Vorhang meint, dass Frauen sich verschleiern sollen. So hat es Gott gefügt und es ist für den Menschen nicht gut, anders zu handeln. Denn Gott ist weiser als die Menschen. Das sind die Eta Linnemanns der anderen Fraktion.
Wer die absolute Authentizität von schriftlicher Überlieferung als Gottes Wort behauptet, will vor allem eines: Seine eigenen Methoden und Schlüsse sollen nicht mehr überprüfbar sein. Andere sollen sein eigenes Wort als Gottes Wort ansehen. Er schiebt sich zwischen Gott und Menschen, um selbst Gott zu sein.
Insofern hat Frau Linnemann tatsächlich eine Entwicklung durchgemacht. Waren ihre historisch-kritischen Ergebnisse durch die Unarten der Theologenszene kaum anfragbar, sind nunmehr ihre biblizistischen Ergebnisse so unanfragbar wie Gottes Wort selbst.
Auch hier ist sie sich also im Prinzip treu geblieben.

5. Die Frage der Übersetzungen und der differenzierten Quellen.

In frommen Kreisen immer mal wieder gern verdrängt wird die Tatsache, dass die moderne Textkritik eigentlich aus pietistischem Acker spross.
Schon aus der ersten Pietistengeneration kam im 17. Jahrhundert der Ruf „ad fontas“ = „zu den Quellen (zurück)“.
Unzufrieden mit den Ungenauigkeiten der Übersetzungen und im Bestreben, dass „wahre“ Wort Gottes zu finden, wurde es eine Grundforderung der frommen Mannen, dass Bibelausleger die hebräische und die altgriechische Sprache zum Verständnis der Heiligen Schrift benötigten. Es begann die Suche nach zuverlässigen alten Ur-Schriften. Von Ausgrabungen im übertragenen Sinn versprach man sich genau soviel wie von solchen im Wortsinn. Die ersten textkritischen Regeln (z.B. die, dass die schwierigere Lesart die zuverlässigere sei), stammen aus dieser Zeit.
Erst als die aufgeklärten Theologen des 18. Jahrhunderts sich der Vorarbeit der frommen Pietisten bemächtigten, bemerkten deren Nachfolger, dass mit der historisch eintaktenden und textkritisch vorgehenden Methode ihre eigene Grundeinstellung, nämlich die schriftliche Überlieferung gleich und sogar identisch mit Gottes Wort zu setzen, untergraben war.
Und seither rudern sie a la Linnemann zurück, was das Zeug hält.

Aber was genau ist denn nun Gottes Wort? Die Luther-Bibel? Original mit allen Übersetzungsfehlern oder revidiert? In der Ausgabe welchen Jahres?
Oder ist Gottes Wort vielmehr das NT-Graece, herausgegeben von Nestle/Aland? Und was ist mit den uralten Textvarianten, also tatsächlich existierenden alten Handschriften, die bei Nestle/Aland nur in Anmerkungen oder überhaupt nicht auftauchen? Sind sie auch Gottes Wort?
Wie steht es um das hebräische Alte Testament? Oder auch um die vielen Stellen, wo das Original des Alten Testaments im Neuen Testament falsch übersetzt auftaucht? So z.B. bei Matthäus, wo aus „du Bethlehem ... bist die kleinste unter den Städten Judas?“ ein „Du Bethlehem… bist mitnichten die kleinste unter den Städten Judas“ gemacht wurde, das glatte Gegenteil also. Was davon ist Gottes Wort?

Frau Linnemann, Sie wissen es!


* Um der Allgemeinverständlichkeit willen, benutze ich die in Deutschland auch für Laien üblichen Bezeichnungen der biblischen Bücher
** im Alten Testament kommt der Begriff „Satan“ für den Versucher nur im Buch Chronik und bei Hiob vor
*** in dem Film „Matrix“, einer modernen Ausführung der platonschen Höhlenparabel, entdeckt der Held, dass die ihn umgebende Welt eigentlich nur eine Imagination aus feindlichen Computerprogrammen ist. Diese Imagination wird „Matrix“, also „Muster“ genannt. Nur im Erdinneren in „Zion“ haben sich menschliche Restbestände unter harten Lebensbedingungen erhalten. Dort ist noch Wirklichkeit.


Reinhard W. Moosdorf






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