Julia Leigh

Der Jäger

Roman. Suhrkamp Verlag, 201 Seiten. 18.90 EUR . ISBN: 3-518-41322-8

Hypnotisiert von der Wildnis
Julia  Leigh: Der Jäger

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Der Jäger, das Erstlingswerk der jungen Australierin Julia Leigh, schickt die LeserInnen auf die scheinbar aussichtslose Jagd nach dem letzten Exemplar des tasmanischen Tigers und bringt uns dabei auf ausdrucksstarke und beklemmende Weise den Jäger, Einzelgänger und Mischung aus Mensch und Tier, nahe.

Julia Leigh legt mit ihrem ersten Buch einen hypnotisierenden, fesselnden Text von erstaunlicher Klarheit, Direktheit und Stärke vor. Die Autorin beschreibt mit großer Sachkenntnis die Wildnis, die Natur, die Tiere, die Kunst des Fallenstellens, und man erlebt hautnah das Leben dort draußen, auf das sich der Jäger auf seiner Mission einstellen und an das er sich anpassen muss. Man ist gebannt vom Schicksal des Jägers, der Gejagten, und der Menschen, die ihren Weg begleiten.

Die Hauptfigur wird als ein anonymer, namenloser Mann eingeführt, der sich erst später den Namen Martin David zulegt und trotzdem immer noch nur M. heißt. Mit wenigen Linien wird sein Charakter gezeichnet: er ist ein Einzelgänger, mag es nicht, von vielen Leuten umgeben zu sein oder überhaupt jemandem zu nahe zu kommen, weiß nicht, was man so sagt in Gegenwart anderer. Seine Vergangenheit bleibt lange im Dunkeln: was hat er vor diesem geheimnisvollen Auftrag in der tasmanischen Wüste gemacht? Bestimmte Bilder, Eindrücke oder Geräusche aus der Wildnis lösen Erinnerungen in M. aus, so dass man erst nach und nach von seinem Vorleben, seiner Familie erfährt.

Diese stückweise Enthüllung macht M. menschlicher, man entwickelt Verständnis, gewinnt Einblick in seine Seele und Gefühlswelt, und es wird offenbar, dass sich hinter dem systematischen Jäger kein gefühlskalter Mensch verbirgt, sondern allenfalls jemand, dessen Umgang mit den eigenen Emotionen unsicher und ungeübt ist. Währenddessen wird er zugleich, bedingt durch das immer längere Verweilen in der Einsamkeit der Wildnis, mehr und mehr zum Naturmenschen, ja sogar zum Tier, der die gleichen Instinkte besitzt und sich mit einer Paste einreibt, um einen Tiergeruch anzunehmen. „Während er im Zelt auf dem harten Boden liegt, vollführt er seinen Lieblingstrick: Er wechselt die Gestalt, verschluckt das Tier.“

Diese Ambivalenz – halb Tier, halb Mensch - macht nur einen Teil des Spannungsbogens aus. Denn M. ist sowohl auf der Suche nach dem letzten tasmanischen Tiger als auch nach Jarrah Armstrong, einem Forscher, der vermisst wird und bei dessen Familie M. während seiner Mission unterkommt. So lauern die LeserInnen mit M. auf Überreste von Armstrong oder auf Spuren des Tigers. Die Ausflüge in die Wildnis werden immer wieder unterbrochen von tageweisen Aufenthalten bei Armstrongs Witwe und deren beiden Kindern, zu denen M. mit der Zeit ein vertrauteres Verhältnis entwickelt – er kann sich sogar plötzlich ein gemeinsames Leben mit Lucy, der Witwe, vorstellen, was er aber später als Verirrung abtut. Aber es ist unmissverständlich, dass er nur allein für sich, mit seinem Jagdinstinkt, in der Wildnis, völlig in seinem Element ist.

Er wird eins mit der Wildnis, mit der Nacht, die Grenze zwischen Mensch und Natur werden fließend in dieser Erfahrung. Er genießt das Umherstreifen, er nimmt alle unangenehmen Aspekte gerne in Kauf, denn er ist besessen davon, den letzten lebenden tasmanischen Tiger zu finden. Es ist in Wahrheit eine Tigerin, was eine sexuelle Komponente mit einschließt. M. hält Zwiesprache mit der Tigerin, lockt sie, romantisiert die, versetzt sich in ihre Gedankenwelt. „Weißt du noch, Tiger, wie du mit deiner Mutter den Steilhang hinunter und auf die grünende Ebene gelaufen bist?“

Julia Leighs Sprache ist schnörkellos und schlicht und schafft gerade durch ihren Verzicht auf Stilmittel eine atmosphärische Dichte, die der Geschichte ihre Kraft und Eindrücklichkeit verleiht. An den spannungsreichsten Stellen, an den Höhepunkten und Wendepunkten der Handlung brechen sich allerdings poetische Elemente bahn - unerwartete Ausbrüche, die die besondere Bedeutung und Dramatik der Szenen deutlich werden lassen. Es ist eine sachliche und geradlinige Sprache, die keine Umwege macht, die nahe am Geschehen ist und oft sogar nüchtern bleibt, aber nie emotionslos wird. Man spürt stattdessen die Sympathie für die Hauptfigur in der Darstellung der Handlung.

Während der zermürbenden Suche ermahnt sich der Jäger, ganz Profi, immer wieder zur Geduld und findet dadurch einen fast meditativen Zugang zu seinem Vorhaben. Er konzentriert sich auf die unmittelbare Gegenwart, um quälende Phantasien loszuwerden, die ihn auch oft nachts, bei seiner einsamen Wache, einholen. Eine Lektion des Buches könnte also darin bestehen, Geduld aufzubringen, den Weg als das Ziel zu sehen, jeden Schritt dahin für sich zu nehmen. Diese Botschaft ist vielleicht die kraftvollste, die die Geschichte zu bieten hat. Eine andere wäre, sein Ziel mit unbändigem Einsatz zu verfolgen, auch wenn es bisweilen ausweglos erscheint und mit Schmerzen und Mühen verbunden ist.

Textauszug:

M. wacht immer noch. Es wird dunkel, zahllose Sterne haben ihren Auftritt. Er sitzt da und spürt, wie sein Körper leicht wird, wie er sich auflöst, so dass jetzt zwischen ihm und der Hochebene keine Haut mehr ist. Er dehnt sich aus. Die Erde unter ihm ist gewaltig und reicht tief, und M. sitzt sicher obendrauf. Aber bald gibt es kein Oben mehr: M. ist nirgends, überall. Wenn er atmet, spürt er, wie die Luft kühl durch seine feuchten Nasenlöcher strömt, sein Bauch schwillt an, dann strömt dieselbe Luft, nur ein bisschen wärmer, wieder heraus. Darauf konzentriert er sich jetzt, auf die einströmende und ausströmende Luft, und bald ist er nur noch etwas, durch das die Luft hindurchgeht, wo wie sie durch die zitternden Baumwipfel unter ihm fährt, über die Steine weht, zwischen den Gräsern hindurchschlüpft. Die schwarze Nacht wird kalt, und er wacht immer noch.






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