Benjamin Lebert

Crazy

Roman; Bestseller. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln. ISBN: 3-462-02818-9

Benjamin  Lebert: Crazy

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Alle sind sehr aufgeregt: ‚‚ganz und gar erstaunlich und wunderbar" sei dieses Buch, heißt es im ‚‚Spiegel", die ‚‚Woche" bezeichnet den Autor als ‚‚Boy Wonder", der ‚‚Stern" als ‚‚Star", ein Schriftstellerkollege rühmt sich in der ‚‚Frankfurter Allgemeinen", dieses ‚‚Junggenie" entdeckt zu haben, und das Magazin der ‚‚Süddeutschen" behauptet bündig: ‚‚Das ist das Buch des Jahres." Warum?
Ein junger Journalist schreibt seinen ersten Roman. Eine Internatsgeschichte. Die sich zum Vorbild Hemingway bekennt. Klingt nicht gerade nach Sprengstoff für Medien und Literaturbetrieb. Aber Benjamin Lebert, dessen Debüt ‚‚Crazy" noch vor Erscheinen die Branche derartig ins Rotieren brachte, daß der Verlag den Erscheinungstermin vorzog und die Startauflage verdoppelte, ist - jetzt kommt's - siebzehn. Bei Kiepenheuer& Witsch in Köln, wo das Buch als Paperback erschienen ist, zeigt man sich erstaunt, ‚‚daß das in allen Geschichten so im Vordergrund steht". Schließlich, so die Pressereferentin Gudrun Fähndrich, sollte bei all dem Rummel nicht in Vergessenheit geraten, ‚‚daß das Buch gut ist". Dem muß man nicht unbedingt zustimmen.
Benjamin Lebert aus München hat das Manuskript verfaßt, als er, ein schlechter Schüler, ein halbes Jahr im Internat war. Sein Ich-Erzähler heißt Benjamin Lebert, kommt aus München und muß ins Internat, weil er wieder mal sitzengeblieben ist. Autor und Erzähler haben eine leichte spastische Lähmung. Beide haben eine Vorliebe für Hemingway und allerlei tiefsinnige Gedanken (‚‚Leben heißt nie darüber nachdenken"), die von Hemingway gemeißelt sein könnten. Beide sehen einander also zum Verwechseln ähnlich. Die Verwechslung ist zum Beispiel Elke Heidenreich prompt passiert. Endlich erfahre man, was in den Köpfen der ‚‚jungen Schlakse mit verkehrtherum aufgesetzten Baseballkappen, übergroßen Hosen und riesigen Turnschuhen" vorgehe. Mit Verlaub: wenn diese Burschen fortgesetzt Hemingway lesen, Gottesbegriffe formulieren und Existentialphilosophie über Freundschaft, Frauen und ‚‚das Leben" treiben, wissen die meisten von ihnen das recht gut zu verbergen. Aber wie Lebert das aufschreibt, liest es sich genau wie die Wirklichkeit der Jugend, wie die sie gerne hätten, die sie hinter sich haben.
Deswegen kommt das Alter dieses neuen Sterns am Bücherhimmel überall und auch in diesem Artikel vor. In der unspektakulären Geschichte von den sechs Freunden, die aus dem lähmenden Internatsalltag ihre kleinen Fluchten auf den Mädchenflur und schließlich mit Bus und Bahn ins nächtlich leuchtende München antreten, zeigt sich ohne Zweifel Begabung. (Nähmen Sinnsprüche und Merksätze nicht so viel Platz ein, würden die geglückten Beschreibungen, das Gefühl für erzählerisches Timing, vor allem die Ruhe, die den Einzelwahrnehmungen gegeben wird, noch mehr überzeugen.) Aber das allein erklärt nicht das Bohei, das jetzt Kultur- und Gesellschaftsseiten füllt. Das hat mit der Nähe des Schöpfers zu seinem Geschöpf zu tun. Und mit der verstohlenen Hoffnung all der abgebrühten Figuren in den Lektoraten und Redaktionsstuben, nun endlich etwas Unverdorbenem, Unschuldigem zu begegnen. Wie abständig nehmen sich die zweiunddreißig Jahre aus, die J. D. Salinger auf dem Buckel hatte, als er den ‚‚Fänger im Roggen" schrieb. Hier ist einer, der ist erst halb so alt! Von dem erwartet man das Authentische!
Wenn wir uns da mal nicht vertun. Benjamin Lebert ist keineswegs der ahnungslose Engel, als der er - mit hellblondierten Haarfransen, blauen Strahleaugen und kindlichem Rosenmund - präsentiert wird. Er ist nicht nur, als Sproß einer ganzen Journalistendynastie, sozusagen vorbelastet, er ist auch einer, der von Vorbildern lernt. Und geübt hat er ganz öffentlich, im SZ-Jugendmagazin ‚‚Jetzt", wo er gezeigt hat, was er besser beherrscht als die große Form, reportagehafte Kurzgeschichten nämlich. Auch in denen macht sich bemerkbar, was am Roman irritiert: ein Moment der Verschiebung, der Verfremdung der planen Realität, das zunächst unbeabsichtigt wirkt, wie unfreiwillig altklug. Doch es zeigt, daß Benjamin Lebert eben kein naiver Künstler ist, sondern ein sentimentalischer.
Das kann man vor lauter Wunderkindgetue allerdings leicht übersehen. Und dann taugt dieser Junge mit seinem Büchel um so besser zu dem, wogegen die gute alte Literaturkritik keine Chance hat: zur Aufbereitung des Phänomenalen in der prickelnden Personalitygeschichte. Der Rumor um Buch und Autor setzte mit einer Promptheit ein, die für die Dynamisierung des Literaturbetriebs schönste Hoffnungen weckt: Auf die Heidenreichsche Hymne folgte die Abwatschung in der FAZ, deren Autor überraschenderweise festgestellt hat, daß Lebert kein Verlaine sei, woraufhin Maxim Biller sich an gleicher Stelle wortreich bei Lebert dafür entschuldigte, daß er ihn ans grelle Licht der Welt gezerrt habe. Die ‚‚Woche" keilte zurück, es gehe doch wohl nicht darum, ‚‚Unzucht mit Minderjährigen zu unterbinden". Und alle behaupteten, der Junge werde durch die Talkshows gereicht. Das ist nicht der Fall, wie ein Anruf bei Kiepenheuer& Witsch ergab. Es geht ja auch um ein Buch und nicht um ‚‚Late Show". Verfilmt wird ‚‚Crazy" selbstredend, von Hanns-Christian Schmid (‚‚23"). Aber Lebert schreibt ja gern von sich. Wenn er als nächstes den Medienrummel um seine Person verarbeitet, macht vielleicht Helmut Dietl einen Film draus...
 

Julia Schröder






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