Ernst-Adolf Kunz; Heinrich Böll

Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier

Sach. Kiepenheuer und Witsch Verlag, 586 Seiten. ISBN: 3-462-02329-2

Ernst-Adolf  Kunz; Heinrich  Böll: Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier

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Wenn damit begonnen wird, die Briefwechsel eines Schriftstellers herauszugeben, kann man sicher sein, daß das Interesse für ihn zunehmend historischer Natur sein wird. Und handelt es sich bei dem Literaten nun auch noch um Heinrich Böll, wird deutlich, wie schnell Gegenwartsliteratur ein Fall für die Literaturgeschichtsschreibung werden kann.

Der 1917 in Köln geborene Böll avancierte in den fünfziger und sechziger Jahren schnell zu einem der wichtigsten Schriftsteller der alten Bundesrepublik. So war er eines der prominentesten Mitglieder der legendären Gruppe 47. Sowohl in seinen literarischen Werken als auch in zahlreichen Artikeln und Essays bezog er Stellung in öffentlichen Debatten und vertrat dabei kompromißlos liberale und humanistische Positionen. Durch dieses Engagement, das 1972 durch die Verleihung des Nobelpreises für Literatur noch gestärkt wurde, spielte Heinrich Böll bis zu seinem Tod im Jahre 1985 eine einzigartige Rolle in Literatur und Gesellschaft des Nachkriegsdeutschland.

Neun Jahre nach seinem Tod veröffentlichte nun der Verlag Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel "Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier" den Briefwechsel zwischen Heinrich Böll und seinem Freund Ernst-Adolf Kunz aus den Jahren 1945 bis 1953. Der Herausgeber dieses löblichen Unterfangens ist der Germanist Herbert Hoven. Das Erscheinen des Bandes wurde mehmals verschoben und von der Eiligkeit der Produktion zeugen leider ärgerliche Druckfehler und Ungenauigkeiten in der Edition, auf die man noch zu sprechen kommen muß.

Trotzdem handelt es sich um ein ausgesprochen wichtiges und interessantes Buch. Zum einen erhält der Leser zum ersten Mal direkten Einblick in die Biographie Bölls. Der junge Autor war damals noch völlig unbekannt und die Lebensbedingungen waren unmittelbar nach dem Krieg miserabel. So berichtet Heinrich Boll aus Köln seinem in Gelsenkirchen lebenden Freund Ada immer wieder von seinen Sorgen im nervenaufreibenden Existenzkampf, aber auch von der moralischen Unterstützung durch seine Frau Annemarie, die ihn immer wieder bestärkte, seiner literarischen Berufung zu folgen. Zum anderen wird man bei der Lektüre nicht nur Zeuge der Entstehung der ersten literarischen Werke, sondern auch von Bölls Arbeitswut, die sich mit schweren Depressionen abwechselt. Mit beidem konnte er nur durch hohe Dosen von "Narkotika" fertig werden, wie er Alkohol, Nikotin und Medikamente zu bezeichnen pflegte.

Die Kurzgeschichten, die Böll damals schrieb, handelten vom Krieg, er beschrieb unprätentiös dessen sinnlose Grausamkeiten, blieb bis zu seinem Tode überzeugter Antimilitarist. So schreibt er seinem Freund: "Mein eigentliches Gebiet ist ja offenbar der Krieg mit allen Nebenerscheinungen und keine Sau will etwas vom Krieg lesen oder hören und ohne jedes Echo arbeiten, das macht dich verrückt." (1948) Drei Jahre nach Kriegsende, die Menschen lebten noch in Trümmern, war der Krieg bereits verdrängt, die Zeitungen verlangten nur "optimistischen Kram". Böll verweigerte sich bis auf einige satirische Geschichten dieser Zumutung: "leider bin ich wirklich nicht [...] dazu ausersehen, mich der allgemeinen Pralinenproduktion einzugliedern" (1949).

Doch langsam aber sicher geht es aufwärts. Immer mehr Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen Bölls kurze Geschichten. 1949 erscheint die längere Erzählung "Der Zug war pünktlich" im Middelhauve Verlag, die allerdings sehr schlecht verkauft wird. Am 10.5. 1951 schließlich kann Böll berichten: "vielleicht hast Du schon aus der Zeitung erfahren, daß ich den Preis der 'Gruppe 47' bekommen habe" und - nach so vielen Ablehnungen - fügt er süffisant hinzu, "man 'bittet' mich um Beiträge". Konnte Böll sich und seine Familie in den ersten Jahren nur mit dem Geben von Nachhilfestunden knapp über Wasser halten, wird er 1953 bereits mit Aufträgen und Einladungen überhäuft.

Es konnten hier nur wenige Aspekte des umfangreichen Bandes angedeutet werden. Allerdings sind noch einige Worte zu Bölls Briefpartner, Ernst-Adolf Kunz, zu sagen, da man seiner Persönlichkeit mit einer Reduktion auf den Status "Freund eines bekannten Schriftstellers" nicht gerecht würde. Die Faszination, die für Böll von diesem Mann ausging, mußte sehr groß gewesen sein. Immer wieder frägt er ihn, auch in literarischen Angelegenheiten, nach seinem Urteil. Kunz führte ein unstetes Leben, erst als Schauspieler, dann als Verkäufer und schließlich als Leiter der Agentur "Ruhr-Story", die u.a. Bölls Geschichten vertrieb. Schließlich begann er selbst unter dem Pseudonym Philipp Wiebe zu schreiben.

Abschließend muß nun noch auf einige Mängel der Edition hingewiesen werden. Mehrere offensichtliche Druckfehler führen dazu, daß man sich bei den recte abgedruckten Brieftexten manchmal die Frage stellt, ob es sich um einen Druckfehler handelt oder um einen absichtlich von den Briefschreibern übernommenen Fehler. Auch die im großen und ganzen sehr hilfreichen Anmerkungen zu den einzelnen Briefen sind fehlerhaft. So finden sich manchmal interne Querverweise (z.B. für "Tillas Masche" in Brief 158 auf Brief 156), die ins Leere laufen. Fazit: Man schlägt vergeblich nach.

Positiv hervorzuheben ist noch das ausführliche Nachwort Herbert Hovens, der auf jegliche germanistische Selbstdarstellung verzichtet, und klar und fundiert die außergewöhnliche Freundschaft zwischen Böll und Kunz nachzeichnend kommentiert.

Es bleibt aber festzuhalten, daß das Buch eines der wichtigsten Dokumente zur unmittelbaren Nachkriegsliteratur ist, das in den letzten Jahren erschienen ist. Es bleibt zu hoffen, daß dies nicht der letzte Band mit Briefen Bölls gewesen sein wird.

(Christian Köllerer)






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