Thor Kunkel

Ein Brief an Hanny Porter

Roman. Rowohlt paperback, 169 Seiten. 23.00 DM . ISBN: 3-499-22678-2

Haben und Nichthaben
Thor  Kunkel: Ein Brief an Hanny Porter

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Die Situation gleicht einem Experiment. Vier Menschen auf engstem Raum, eingesperrt in ein kleines Ferienhaus. Das eine Ehepaar (alt, krank, arm, hässlich) hält das andere (jung, gesund, reich, hübsch) gefangen. Der ältere Mann begehrt die jüngere Frau. Die jüngere Frau sieht, dass ihr Mann zwar eine gute Partie, der ältere aber intelligenter und vielschichtiger ist. Die ältere Frau genießt es, die jüngere zu demütigen.

Eine vielversprechende, aber starre Versuchsanordnung. Ein systematisches Konstrukt. Zu theoretisch um daraus einen lebendigen und mitreißenden Roman zu entwickeln? Nein, denn Thor Kunkels „Ein Brief an Hanny Porter“ ist der gelungene Kompromiss zwischen unterhaltsamer Oberfläche und ideenreicher Tiefe, spannend, schnell und sprachwitzig. Das Holzschnittartige tritt hinter einem detailliebenden Realismus zurück, das Unglaubwürdige hinter nachvollziehbaren Handlungen.

Hanny Porter und ihr Ehemann Richard haben es geschafft. Die Kinder sind groß gezogen, ihre gesellschaftliche Stellung ist anerkannt und nicht zuletzt können sie ein Ferienhaus auf Hawaii ihr eigen nennen. „Irgendwann würden sie ganz nach Makena ziehen und ihren Lebensabend am Rande des Pazifiks verdämmern. Sorgen und schuldenfrei. Alles wäre perfekt.“

Doch als sie in diesem Jahr in ihr Traumdomizil kommen, werden sie von einem älteren Ehepaar überwältigt, das alles riskiert, um länger im hawaiianischen Paradies verweilen zu dürfen, in das es der Hauptgewinn eines Preisausschreibens geführt hat. Verlieren können die beiden Alten dabei wenig, denn sie sind krank und haben nicht mehr lange zu leben. Der Verwirklichung ihrer Pläne kommt sowohl die Abgeschiedenheit des Ferienhauses als auch der Arztberuf des Mannes zu Gute: problemlos kann er seine Gefangenen mit Spritzen betäuben, wenn er sie neu verschnüren muss und mit tödlichen Giften bedrohen. So sind Hanny und Richard gezwungen, tatenlos zuzusehen, wie sich die beiden Alten wenigstens für zwei Wochen das nehmen, was ihnen laut Theorie des alten Mannes seit Ewigkeiten zusteht. Virtuos und stilistisch sicher spielt Kunkel mit der Idee der geschlossenen Gesellschaft, reizt er die Konstellation bis zum Äußersten aus, wobei er sowohl tief in die Gefühlswelten der Beteiligten abtaucht als auch unzählige Hintergründe anreißt. Es ist die Thematik des Habens und Nichthabens, die in all ihren gesellschaftlichen Dimensionen umkreist wird: Fragen nach der Berechtigung eines die Welt spaltenden Kapitalismus, Fragen nach Einzelschicksalen. Wie kann es sein, dass der eine aufgrund eines unglücklichen Zufalls in der Vorstadt, der andere aufgrund prinzipienloser Angepasstheit auf Hawaii landet? Wie, dass ein Schuldiger wie OJ Simpson sich in einem ordentlichen Prozess freikaufen kann?

Nach seinem Erstling „Das Schwarzlicht-Terrarium“, in dem Kunkel ein drastisch-düsteres Panorama der Frankfurter Discoszene Ende der Siebziger entwickelte, legt er nun einen überschaubaren, plotorientierten und intelligenten 170-Seiten-Roman vor. Ob das ein marktorientierter Schachzug war, sei dahin gestellt. Lesenswert ist der Roman allemal.






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