Stephan Krawczyk

Bald

Roman. Volk und Welt, 368 Seiten. ISBN: 3-353-01138-2

Stephan  Krawczyk: Bald

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Die Titelfigur des neuesten Romans von Stephan Krawczyk, Roman Bald, lebt so, als hätte sein Leben noch gar nicht begonnen. Sein Name ist sprechende Verkörperung einer Verweigerung, das Leben hier und aktuell zu leben, alles andere auf bald zu verschieben. Roman Bald führt eine verschlafene Existenz, ein Leben abseits pragmatischen Funktionierens. Am liebsten verbringt er seine Zeit im Bett und verschläft sogar die Geburt seines Sohnes Béla. Daß diese revolutionäre Haltung in einem spießigen Provinznest in der ehemaligen DDR nicht folgenlos bleiben kann, versteht sich von selbst.

Denn Roman spielt mit Worten. Seine einzige Leidenschaft besteht darin, zusammen mit einer Gruppe von Sprachspielern Worte zu raten. Man schickt sich gegenseitig Sprachrätsel zu, Wortlisten. Die Gruppe veranstaltet regelmäßig ein Wettraten, bei dem die vorgegebenen Wörter zu Sätzen zusammengesetzt werden. Der ursprüngliche Zusammenhang der Wörter ist in einem Ur-Text verbürgt, den die Spieler etwas mystisch den "Großen Kanon" nennen. Das Spiel gewinnt, wer Sinn in die Wortreihen bringt. Die eigentlich spielerische Veranstaltung ruft die Staatssicherheit auf den Plan. Roman wird aufgefordert, die Wortlisten herauszurücken. und eine Erklärung zu unterschreiben. Er weigert sich. Die Folgen dieses Ungehorsams bekommt er in einem schleichenden Psychoterror seiner Umgebung zu spüren. Bald wird öffentlich geächtet, gedemütigt, die Reifen seines Autos werden zerstochen, Menschen wenden sich von ihm ab. Roman Bald jedoch bleibt Phantast, er läßt sich nicht unterkriegen und spielt seine Sprachspiele unabhängig von der Organisation, die längst vom Staat übernommen wurde, weiter. Am Ende des Buches ist aus dem versponnenen Romantiker ein Widerständler geworden, ein politischer Mensch, der an persönlicher Freiheit und Reife gewonnen hat.

Den Konflikt mit der Staatssicherheit aufgrund scheinbar unverdächtiger Texte hat Stephan Krawczyk am eigenen Leib erfahren. 1955 wurde er in Weida/Thüringen geboren und trat 1984 in Ostberlin als oppositioneller Sänger und Liedermacher hervor. 1985 bekam er Berufsverbot, wurde inhaftiert und in den Westen abgeschoben.

Wie schon sein letzter Roman "Das irdische Kind" ist auch "Bald" ein Roman über den Alltag in der ehemaligen DDR, über die zersetzende Kontrolle der Staatssicherheit, die bis in privateste Bereiche hineinreichte. Die durch Staatskontrolle erzwungenen Normalität der DDR erscheint bei Krawczyk als beklemmende Provinzialität, atmosphärisch dicht beschrieben und nur manchmal durch phantastische Ideen des Taugenichts Bald aufgesprengt.

Manchmal allerdings wirkt die Provinzialität des Geschehens allzu erdrückend, die endlosen Gespräche bei Tisch, die sinnlosen Vorwürfe der Schwiegereltern gegen Roman und das miefige Dorfleben, wo jeder jeden kennt, wo soziale Kontrolle stattfindet.

"Bald" ist ein schöner, wichtiger Roman über einen sympathischen Weltverweigerer, der der Staatsmacht erfolgreich seine eigene Phantasie entgegensetzt.

Christoph Steven

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