Fatos Kongoli

Die albanische Braut

Bestseller. Ammann Verlag, Zürich. ISBN: 3-250-60019-9

Fatos  Kongoli: Die albanische Braut

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Albanien 1991. Aus einem hoffnungslosen Land quillt die Bevölkerung auf überladene Schiffe. Szenen der Verzweiflung und, auf der anderen Seite des Meeres, der Ratlosigkeit bei den Behörden am italienischen Ufer, das die Flüchtlinge wie ein Gelobtes Land betreten. Die dramatischen Bilder der Flucht sind uns noch in Erinnerung, wenn sie auch durch die noch schrecklicheren des Krieges überlagert sind. Fatos Kongolis 1992 erschienener Roman Die albanische Braut erklärt, wie es dazu kam, daß einem ganzen Volk kein anderer Weg möglich schien als die Flucht aus dem eigenen Land.

Thesar Lumi, der vierzigjährige Ich-Erzähler, beschreibt das nun zerfallende System im Rückblick. Eine gierige, nur auf ihre Privilegien konzentrierte Nomenklatura herrscht über ein abgestumpftes Volk, das sich in seine Nischen drückt und auch dann keine Reaktionen zeigt, wenn die Porträts der Politiker in den Amtstuben wechseln. Regelmäßig spült der interne Machtkampf neue Köpfe hoch, während die alten rollen. Jeder bespitzelt jeden, im Sumpf der Korruption gedeihen die Heuchler und Schleimer, Angst durchdringt alle Schichten, jeder ist jederzeit erpreßbar. Dabei ist keine ideologische Basis, keine politische Zielrichtung erkennbar; es scheint nur um den Machterhalt einer sich selbst zerfleischenden Kaste zu gehen.

Ich erschrecke zu Tode, wie tief wir gesunken sind, sagt Thesar Lumi. Der Verlorene - so lautet der Titel der Originalausgabe, der das Thema des Romans wesentlich besser trifft als der (verkaufsfördernde?) Titel der deutschen Übersetzung. Thesar wird nicht müde, sich als nutzlosen, unbedeutenden Menschen zu denunzieren, der zudem noch Unglück über seine Freunde gebracht hat. Er nennt seinen Bericht ein Bekenntnis. Mehr noch ist es aber Ursachenforschung. Woher kommt die Selbstverachtung, die trübe Apathie, bei ihm, bei den andern? Wenn er im eigenen Leben zurückblickt, ist seine erste große Enttäuschung der Vater. Als Kind wird Thesar vom Schuldirektor Xhoda brutal und grundlos verprügelt. Den Vater, den er um Hilfe ruft, erlebt er als Feigling kriechend vor dem Mächtigen. Die Eltern vegetieren in devoter Unauffälligkeit, weil der Bruder der Mutter das Land verlassen hat - eine _biographische Zeitbombe_, ein verborgener Makel, der Thesar auf immer zur Unterwürfigkeit verdammt. Er ist ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der anderen. Aufbegehren nützt nichts; wer sich wehrt, gerät nur noch weiter ins Abseits.

Zum Studium nach Tirana kommt Thesar nur über dubiose Beziehungen. Dort lernt er Ladi kennen und mit ihm einen Kreis jugendlicher Snobs, Kinder der Funktionärselite, die in der Hauptstadt ihr Dolce Vita leben - für Thesar eine Welt wie auf einem fremden Planeten. Aber auch hier herrscht die Angst. Thesar läßt sich auf eine gefährliche Beziehung zur schönen jungen Witwe Sonja ein. Die Liebe ist auf Haß und Intrige gebaut und geht daran zugrunde. Ladis Vater fällt in Ungnade und wird erschossen, Ladi hängt sich auf, Sonja kommt ins Lager, Thesar wird von der Universität gewiesen. Er kehrt in sein trostloses Städtchen zurück, das in todesähnlichem Schlaf liegt unter dem Staub der Zementfabrik, in deren Schredderanlage er nun arbeitet. Haß und Gewalt auch hier, Erpressung und Verrat, Terror der Unterdrückten gegeneinander. Die Messer sitzen locker. Schnaps ist der einzige Zeitvertreib. Es wäre eine Liebe möglich zwischen ihm und Xhodas Tochter, der albanischen Braut. Vilma lebt aber wie eine Gefangene in einem Gestrüpp von Protektion. Der Vater bewacht sie eifersüchtig gegen jeden Mann, der Bandenführer Fagu unterstreicht seinen Anspruch auf sie erst mit dem Messer in der Faust, dann mit Vergewaltigung. Sie nimmt Gift. Irre geworden hütet Xhoda das Grab seiner Tochter, eine Figur wie König Lear.

Fatos Kongoli, 1944 geboren, Mathematiker und heute Kulturredakteur in Tirana, baut seine Erzählung zwingend und dicht, auf zwei parallel geführten Zeitebenen. 1991, als alle andern nach Italien aufbrechen, geht Thesar nicht mit aufs Schiff, sondern kehrt zurück in die menschenleere Stadt und trinkt sich, während er die ganze furchtbare Geschichte ins Gedächtnis zurückholt, mit Schnaps und Kognak in einen Zustand philosophischer Nüchternheit. Der Erinnerungsprozeß ist mühsam und schmerzhaft, darüber kann auch der leicht satirische Ton nicht hinwegtäuschen. Immer wieder vorausweisend auf die Katastrophe und die trostlose Gegenwart begründend deutet er seine Geschichte als ein vorherbestimmtes Schicksal, unausweichlich wie ein Fluch in der griechischen Tragödie. Klarsichtig beschreibt er die seelische Verkrüppelung, seine eigene und die des ganzen Volkes, die verheerende Wirkung des Systems, die Verbildung durch Unaufrichtigkeit, Heuchelei, das Gefühl der Minderwertigkeit, das ein aktives Leben in Würde unmöglich macht. Aber wie um diese Deformation an sich selbst zu belegen, nimmt er die Schuld an allem Unglück auf sich, er verachtet sich selbst, so wie die anderen ihn verachten. Er weiß weder, wie man lebt, noch wie man stirbt. Am Schluß allerdings gibt er seinem Leben etwas Kontur. Er setzt sich nicht einfach ab übers Meer, sondern bleibt bei seinen Toten, Ladi und Vilma. 

Der Autor selbst hat sich, so scheint es, aus dem System gelöst wie der Phönix aus der Asche. Sein Roman ist ein erster Schritt aus dem Sumpf der Vergangenheit, ein starkes Stück Literatur voll scharf gezeichneter Figuren, die klare Analyse einer zum Schaudern fremden Welt, aber auch ein politisches Lehrstück darüber, wohin der völlige Wertverlust in einer Gesellschaft führen kann.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Süddeutsche Zeitung)






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