Uwe Kolbe

Renegatentermine

Roman. Suhrkamp Verlag, ISBN: 3-518-40962-X

Uwe  Kolbe: Renegatentermine

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Ich wollt, ich wär an einem Strom geboren. Doch bin ich ein preußischer Balg.

"Angst. Ich habe Angst. Es wird sehr still werden in diesem kleinen Land, noch stiller, als zu denken war, daß es so still werden könnte." Mit bewegten Worten beginnt der Dichter Uwe Kolbe seine "30 Versuche, die eigene Erfahrung zu behaupten". "Renegatentermine" sind die gesammelten Texte der letzten Jahre überschrieben - Termine, die einst Gläubige von ihren Idealen abtrünnig werden ließen. Für den Ostberliner Autoren Kolbe sind es die Umbrüche und Lasten der Geschichte, welche Intellektuelle zur Abwendung von der Offizialpolitik ihrer Staaten zwangen. George Orwell, Wolfgang Leonhard und Solschenyzin, aber auch Bobrowski oder Sarah Kirsch sind Renegaten dieses Jahrhunderts.

Die Angst vor einem politisch lahmgelegten Land äußerte Kolbe 1984 am Grab seines Mentors und Förderers Franz Fühmann, dessen Tod einen der vielen Schritte Kolbes aus der DDR heraus bedeutete. Ein Sargnagel für Kolbes Vaterstaat im Rückblick auf Jahre, die ohne Fühmann "anderes bedeutet hätten". Uwe Kolbe, Jahrgang 1957, wurde im Umfeld der Berliner Prenzlauer-Berg-Szene sozialisiert. Der Berg war "mein Spielplatz vom siebenten Lebensjahr an", schreibt er. Auf dessem "doppelbödigen" Grund wuchs er auf - und wußte "nie wirklich, wo ich mich befand".

Als früh reifer Autor in die Ausübung des Sozialismus zwischen Rügen und Vogtland hineingeboren, wurde er literarisch groß bei einem der großen, dem 1976er "kollektiven" Renegatentermin: Der Biermann-Ausbürgerung und dem folgenden Exodus derer, die es in der DDR nicht mehr aushielten. Kolbe, damals noch inspiriert von Frank-Wolf Matthies, ließ sich Schweigen aber nicht als Gold verkaufen. 1983 wurde er in einem Stasi-Sachstandsbericht der 'staatsfeindlichen Hetze' bezichtigt und im Umfeld der Organisation einer Anthologie für Nachwuchsautoren der "konterrevolutionären Position gegenüber dem realen Sozialismus und seinen Organen" angeklagt. "Euch mächtige Greise zerfetze die REVOLUTION" schrieb Uwe Kolbe in sein Gedicht "Kern meines Romans". Versteckt als Anagramm entging es kurze Zeit der Zensur der DDR. Kolbe entging ihr fortan nicht mehr so ungehindert, dafür entging er der DDR aktiv: 1988, mit einem Dauervisum BRD in der Tasche.

Trotz der klaren Worte nannte er sich 'naiv', sah sich als Utopist im Meinungsauslieferungskabinett des ostdeutschen Systemversuchs. "Wir schwiegen bunt, [...] wir schwiegen bilderreich und poetisch" - der Blick in die Vergangenheit ist ein Blick auf nicht ausgebeutete Möglichkeiten. Wahre Opposition habe es nicht gegeben im Land der Ulbrichts und Honeckers. Jeder Diskurs bezog den herrschenden Diskurs mit ein. Aber Kolbe schließt sich nicht aus als Schattenwesen im "Phantom der DDR-Opposition". - Wie viele Renegatentermine braucht ein Mensch, bis er begreift? Kolbe wirft die Frage rhetorisch in den Raum. Andere, sie zu beantworten.

"Renegatentermine. Der individuelle Abschied von der sozialistischen Utopie" ist ein Essay betitelt. Kolbe läßt die DDR vorüberziehen, und hievt sich dabei selbstanalytisch auf die Ebene der von Rastlosigkeit gepeinigten Existenzen, auf den einsamen Weg der (kritischen) Wanderer, die mit ihrer Kritik nie ankommen. Sagt: "Ein solcher hält nicht wirklich inne, bleibt ein Getriebener erst recht in reichen Gegenden der westlichen Hemisphären." Sagt: Heimat kann nirgends mehr sein, wo man in zwei Staaten zu Hause sein mußte.

"Ecce Poeta!" Mit diesem Lob adelte ihn sein Mentor Franz Fühmann. Mehr war von dem nicht zu bekommen, und mehr war auch von anderen nicht zu haben: "Wir sind kein besonders gutes Vorbild" schrieb Franz Fühmann über seine Generation in das Nachwort zu Kolbes Erstlingswerk ("Hineingeboren"). Die literarische Lebenswelt war selbst zu organisieren, und war - eine mentale Grunderfahrung - nicht organisierbar.

Kolbe als Renegat 1993 und heute faßt sich ins Auge: "Ich ernte langsam, anachronistisch mühselig, mit einer Technik aus dem Laden für Linkshänder, ohne Dünger vollkommen überlassen dem, was der sandige Boden von sich aus zu geben vermag, die Früchte der Erinnerung."

Aus Essays, Erinnerungen und Skizzen ersteht die Bewußtseinswelt eines Autoren, dem vieles nicht leicht war. Die Texte wechseln den Ton wie die Anlässe und die Publikationen, für die sie geschrieben wurden. Gleichsam Dichterschmerzen und Vaterschmerzen, Dichterhaß und Menschenhaß. Aber die Kolbesche Stimme bleibt erkennbar: Mal melancholischer, mal vehementer und bitter; oft genug polemisch. Ansichten, so akzentuiert wie seine Lyrik, die FAZ-Redakteur Uwe Wittstock als "nüchternes Bild des Vorhandenen" beschrieb.

Nachzuerleben ist eine ostdeutsche Biographie, die sich peu à peu aus den Texten erschließt. Das Erlebnis der sozialistischer Utopie als real-morbide Nachkriegszeit, die allzu lange dauerte, das Ausharren in einer Zensurlandschaft vielfältigster Perversion oder deutsch-deutsche Grenzerfahrungen.

Kolbes Renegatentermine sind Rückblick und Resümee. Sind Memoiren und Denkanstöße bei Halbzeit. Sind Weiteranfänge.

Rezensiert im Juni 1998 von Ron Winkler, Jena (für Studentenzeitung AKRÜTZEL"

Uwe Kolbe, Renegatentermine. 30 Versuche, die eigene Erfahrung zu behaupten. 228 S. Suhrkamp 1998.






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