Norbert Kohl

Oscar Wilde. Leben und Werk.

Sach. Insel Verlag, Frankfurt am Main. ISBN: 3-458-17023-

Norbert  Kohl: Oscar Wilde. Leben und Werk.

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"Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, den ich gerne gründlich kennenlernen würde, nur sehe ich dazu im Augenblick keine Möglichkeit." Das Ich im Zentrum des Interesses, zugleich gekonnt unkenntlich gemacht. Wechselnde Selbstinszenierungen in Samtjacken und Sprachgewändern, das Paradox als Ausdrucksmittel der Wahl. Immer die Angst, "nicht mißverstanden zu werden". Der Widerspruch, das Doppeldeutige als Prinzip der Kunst wie des Lebens. Oscar Wilde (1854 - 1900), die schillernde Figur des Fin de siècle, muß für jeden Biographen, wie Merlin Holland (Wildes Enkel) bemerkt, ein Alptraum sein.
    Rechtzeitig zum 100. Todestag am 30. November 2000 hat Norbert Kohl eine neue Wilde-Biographie vorgelegt. Der Autor lehrt Anglistik in Freiburg und ist unter anderem durch eine Werkausgabe (jetzt neu aufgelegt bei Insel) als Kenner der Materie ausgewiesen. Er präsentiert das Leben des skandalumwehten Sprachkünstlers als Tragödie in fünf Akten. Der Prolog beschreibt die irische Herkunft und die Studienjahre in Oxford, die prägende Begegnung mit John Ruskin und Walter Pater. Sein kometenhafter Aufstieg beginnt dann in London, wo der junge Wilde, zunächst ohne jede Beglaubigung durch ein eigenes Werk, dafür aber von den Medien lustvoll begleitet, zwischen Pfauenfedern und blauem Porzellan über seine Verhältnisse lebend, mit seinem Credo des "Love of art for art's sake" zur Symbolfigur der sogenannten Ästhetischen Bewegung aufsteigt. Seine ersten Werke - Gedichte, Tragödien - bringen ihm wenig Ehre, dafür aber Plagiatsvorwürfe ein. Kohl konstatiert eine Kluft zwischen dem "provokanten Individualstil" seiner Lebensweise und der "epigonalen Qualität" der frühen Gedichte. Freundlicher beurteilt er die Erzählungen und Märchen (nach der Geburt der beiden Söhne geschrieben), um sich dann mit wachsendem Respekt dem Essayisten Wilde zuzuwenden, der mit intelligentem Witz und Charme seine Vorstellungen vom Vorrang der Kunst vor dem Leben und vom Primat des Ästhetischen entwickelt: "Die Form ist alles". Wilde liebt das Paradox. Stimmige Theorien darf man von ihm nicht erwarten. Er lebt und schreibt aus dem Widerspruch, als "geborener Antinomianer". Seine Ästhetik ist die provokative Attitüde, die Abweichung von der Norm. Sie verkörpert sich im Dandy. 1891 erscheint der Roman "Das Bildnis des Dorian Gray". Dorian Gray, "Ikone der glanzvollen Dekadenz am Fin de siècle", sei, schreibt Kohl, mit seiner neuhedonistischen Selbststilisierung inzwischen eine "archetypische Figur" geworden, wie Faust oder Don Juan - die aus der Sünde erschaffene autonome und intensive Künstlerpersönlichkeit.
   "Das Bildnis des Dorian Gray", der erste große homoerotische Roman der englischen Literatur, löst polemische Reaktionen aus. Wilde schreibt durchaus in eigener Sache. In diesen Jahren des Erfolgs kostet er "von den Früchten aller Bäume im Garten der Welt." Kurz nach Erscheinen des Romans beginnt die verhängnisvolle Beziehung zu Lord Alfred Douglas. Wilde führt ein Doppelleben in ständig steigender Spannung zwischen der bürgerlichen Fassade des Familienvaters und einer auch im Strichermilieu ausgelebten homosexuellen Existenz. "Die Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt" ist ein absolutes Tabu in der Viktorianischen Zeit, weit verwerflicher noch als Mord. Während man Wildes Gesellschaftskomödien in den Theatern mit Beifallsstürmen feiert, wird er verhaftet und verurteilt, sein Name von den Programmzetteln gestrichen. Der Fall ist jäh und tief; eine "Orgie spießbürgerlicher Gehässigkeit" vernichtet seine schöpferische wie bürgerliche Existenz. Norbert Kohl hat der Zeit um den Prozeß viel Raum gegeben, um klarzustellen, daß Wilde sich nichts hat zuschulden kommen lassen, was heute strafbar wäre. So steht als Motto dem Buch voran der Satz von Alfred Kerr: "Seine langsame Hinrichtung bleibt der letzte greifbare Akt des Mittelalters." Die drei trostlosen Jahre des Exils bilden den letzten Akt.
  Norbert Kohls sehr lesenswerte Biographie nähert sich ihrem Gegenstand nicht unkritisch, aber mit Respekt und vermeidet sowohl das Ausbreiten von Skandalgeschichten wie allzu bohrendes Psychologisieren. Oscar Wilde darf immer noch verborgen bleiben hinter den Bildern, die er geschaffen hat. Dafür erfährt sein Werk eine sehr sorgfältige Betrachtung der Stilmittel und Einordnung in die literarhistorischen Zusammenhänge, mit einer wissenschaftlichen Genauigkeit, die der Flüssigkeit der Darstellung keinen Abbruch tut. Dabei wird auch aufgedeckt, wie der lord of language die Doppelbödigkeit seiner homoerotischen Existenz, die Differenz zwischen public life und private life in Struktur und Bildersprache seiner Texte verbirgt, eine versteckte Unterminierung der vorgegebenen Ordnung. Die Gesellschaftskomödien sind "affirmativ und subversiv zugleich", das Publikum, die gehobene Gesellschaft, sowohl Zielscheibe als auch Applausgeber. Wilde ist ein conformist rebel, kein Revolutionär.
   "Ich war ein Mann, der Kunst und Kultur seiner Zeit symbolisierte," schreibt Wilde wenig bescheiden aus Reading Gaol. Das "Phänomen Wilde" nimmt aber auch, so eine zentrale These dieser Biographie, das Lebensgefühl unserer Zeit vorweg - die "Transformation des Lebens zum Erlebnis", die egomanische Selbstverwirklichung, den Jugendlichkeitswahn, die verabsolutierte Ästhetik. Hier ergeben sich auffallende Parallellen zu Benita Eislers im letzten Jahr erschienenen Byron-Biographie, die ähnliche Akzente setzt. Auch Eislers Byron ist sehr heutig, auf größtmögliche Intensität der Empfindung aus, bisexuell und skandalumwittert, "zum Opponieren geboren", begnadeter Selbstdarsteller und Medienprofi, die multiple Persönlichkeit nur in verschiedenen Posen, nicht aber als Gesamtpersönlichkeit zu fassen. Übergangsfiguren sind sie beide, Wilde und Byron, Grenzverwischer, so wie auch Nietzsche, dessen 100. Todestag auch in dieses Jahr 2000 fällt. Auch er lädt mit seinem dionysischen Lebenskult und der radikalen Umwertung der Werte (bei allen Unterschieden) zum Vergleich mit Wilde ein. Es wird kein Zufall sein, daß uns an unserer eigenen Zeitenwende Motive der Auflösung, der Zurückgeworfenheit auf das Ich besonders ins Auge fallen.

Eva Leipprand






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