Helga Königsdorf

Die Entsorgung der Großmutter

Bestseller. Aufbau Verlag, Berlin. ISBN: 3-352-02372-3

Helga  Königsdorf: Die Entsorgung der Großmutter

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Die Stunde der Wahrheit wird kommen wie das Amen in der Kirche. Und mancher, der abends noch glaubt, er habe es warm, wird am Morgen ohne Hemd dastehn. Für diesen Moment will er gerüstet sein, das ist seine feste Absicht. Denn jetzt entscheidet sich, ob jemand in Zukunft oben oder unten hingehört. Und unten kann in Zukunft furchtbar unten sein.

Deutschland nach der Wende. Die Welt ist unsicher geworden, der Boden brüchig. In Helga Königsdorfs Roman klopft Herr Schrader gleich zu Anfang seine Maximen fest. Glück besteht für ihn darin, Weib und Kind zu haben und ein anständiger Bürger zu sein; eine Tochter zu haben, die Klavier spielt, dazu ein eigenes Haus, sogar etwas feiner als die anderen nebenan, wegen der freischwebenden Treppe. Glück heißt, den Nachbarn zu imponieren und im Kirchenchor vor der Gattin des Leiters der örtlichen Filiale der Stadtsparkasse zu stehen. Was für Herrn Schrader die Katastrophe wäre: in die Arbeitslosigkeit abzusinken, ins Gerede der Leute zu kommen, das Haus, den Platz in der Gesellschaft zu verlieren.

Herr und Frau Schrader haben ihr Haus von der Großmutter überschrieben bekommen. Kurz nach der Schenkung entwickelt die Oma unübersehbare Anzeichen von Alzheimer. Sie wird zur Last, ein Pflegefall. Ds kommt sehr ungelegen, denn ihre Rente reicht nicht für ein Heim. Die Oma in ein Heim zu geben, würde den Verkauf des Hauses bedeuten. Aber das kommt nicht in Frage. Herr Schrader handelt entsprechend seinen Prinzipien. Um den Status der Familie zu erhalten, wird die Oma irgendwo auf einer Parkbank ausgesetzt. Es wird sie schon jemand finden und versorgen.

Helga Königsdorf hat in der DDR der siebziger Jahre eine Mathematikprofessur für ihre literarische Karriere aufgegeben. Sie steht zur gesellschaftlichen Verantwortung des Schriftstellers, auch nach der Wende. Gerade jetzt, sagt sie in einem Interview, werden Schriftsteller wieder gebraucht. Die Entsorgung der Großmutter ist ein Buch, das sich einmischt. Es greift ein in eine Gesellschaft, in der für Arme, Alte, Kranke kein Platz mehr ist. Im gnadenlosen Kampf der Ellenbogen darf man sich keine Schwachheit leisten. Mit meist latenter, manchmal offener, bis zum Sarkasmus gebtriebener Ironie entwirft Helga Königsdorf ihr Bild der zeitgenössischen Familie - Herrn Schrader in seiner Banalität, Frau Schrader verbittert in der Erkenntnis, nach jahrzehntelangem Eheleben mit leeren Händen dazustehen. Ihr Mann gehört zu den Menschen, die brauchen nur etwas zu berühren, schon wird es klein. Er küßt sie kaum noch, seit er Probleme mit den Zähnen hat. Die Kinder verweigern ihr die Liebe, die sie braucht. Sohn und Tochter, voller Verachtung für die Eltern, kommunizieren miteinander per e-mail, persönlicher Kontakt verstößt gegen den Kodex. Im Haus ist es dunkel und still. Nur vom Keller dringt das Summen der Aggregate der Kühltruhe herauf.

Es gelingt Herrn Schrader nicht, das Scheinbild der intakten Familie zu erhalten, indem er die Großmutter entsorgt wie ein ausgedientes Küchengerät. Was die einzelnen Mitglieder von dieser Entsorgung wissen, bleibt in der Schwebe. Eins aber ist klar: mit der Oma ist der letzte Rest von Wärme aus dem Haus verschwunden. Sogar der Dackel wird depressiv. Die Familie zerfällt. Die Tochter packt ihre Sachen, sie will nicht so werden wie die Eltern. Der Sohn, über seinen mathematischen Beweisen verrückt geworden, schlägt den Computer in Stücke. Frau Schrader schafft doch noch den Absprung in ein selbstgestaltetes Leben, während Herr Schrader in der Bahnhofsszene versumpft.    

Obwohl Helga Königsdorf ihr Buch mit Wörtern wie Entsorgung und e-mail erkennbar in den neunziger Jahren ansiedelt, erinnert es stellenweise an Bölls Zeiten: der Alltag im Reihenhaus, der Spießer in der Vorgartenidylle, betrachtet von hoher sozialkritischer Warte. Die Autorin hält ironischen Abstand zu ihren Figuren, spießt sie analysierend auf wie Insekten in einer Vitrine, wo sie der Leser dann betrachten kann. Den sinnentleerten Wohlständlern stellt sie eine Kontrastfigur gegenüber, die Katzenfütterin, die Außenseiterin zwischen Obdachlosen und Nutten. Die hält zwar nichts von den Menschen und traut lieber der Liebe der Katzen, aber als sie die Oma verdreckt und halb erfroren im Gebüsch findet, ist sie doch die einzige, die sich kümmert. Ohne Erfolg freilich, die Oma stirbt am Weihnachtsabend, während ihre Familie zuhause das Glas auf die liebe Verschollene erhebt.

Ganz so deutlich bräuchten wir Leser allerdings die Hinweise nicht, sie scheinen gelegentlich zu Demonstrationszwecken konstruiert. Wir würden unsere Schlüsse gerne selber aus der Geschichte ziehen, auch auf manche Erklärung und Psychologisierung verzichten und dafür ganz auf Helga Königsdorfs klare Sprache vertrauen, die so zielsicher ihre Pointen trifft und selbst die heikle Aufgabe, ein ganzes Buch im Präsens zu erzählen, mit Souveränität meistert.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Süddeutsche Zeitung)






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