Joachim Köhler

Wagners Hitler. Der Prophet und sein Vollstrecker.

Sach. Blessing, 512 Seiten. ISBN: 3-89667-016-6

Joachim  Köhler: Wagners Hitler. Der Prophet und sein Vollstrecker.

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Die deutsche Geistesgeschichte ist nicht arm an düsteren Kapiteln, doch der Wagnerfamilie und ihren politischen Machenschaften kommt die zweifelhafte Ehre zu, eine besonders herausragende Rolle in diesem verhängnisvollen Drama zu spielen. Die einzelnen Akte in diesem Schauspiel sind inzwischen gut bekannt, angefangen mit der verhängnisvollen Wirkungsgeschichte der Schriften und Werke Richard Wagners bis hin zur tatkräftigen ideologischen und finanziellen Hilfe seiner Nachkommen, Adolf Hitler in den zwanziger Jahren zu einer charismatischen Führerfigur zu stilisieren.

Joachim Köhler hat sich mit seinem neuen Buch das Ziel gesetzt, die Beziehung zwischen Wagner und Hitler aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Allerdings stimmt schon der reißerische Titel skeptisch: Wagners Hitler. Der Prophet und sein Vollstrecker. Leider wird diese Skepsis durch die Lektüre nicht nur bestätigt, sondern verwandelt sich in deren Verlauf sogar in ärgerliche Ablehnung dessen, was dem Leser hier zugemutet wird. Nicht daß man Köhler, dem promovierten Philosophen, mangelnde Recherche vorwerfen könnte: der Anmerkungsapparat und das Literaturverzeichnis sind lang. Störend ist vor allem die Präsentation und die methodische Vorgehensweise, die beide ihrem anspruchsvollen Thema nicht gerecht werden.

Dem Lesenden wird - mehr oder weniger regelmäßig abwechselnd - eine Schilderung von biographischen Episoden der beiden Hauptgestalten geboten, angereichert mit vielen Zitaten aus ihren Schriften. Während die Auszüge aus den Wagnerschen Elaboraten dazu dienen, dessen berüchtigte politische Positionen zu rekonstruieren, werden Quellen von und über Hitler angeboten, um dessen blinde Begeisterung für Wagner zu belegen. Dem Leser bzw. der Leserin bleibt es dann aber selbst überlassen, daraus entsprechende Schlüsse zu ziehen. Zumindest in der ersten Hälfte des Buches findet man nämlich keinerlei differenzierte Formulierung von Köhlers Thesen. Das wäre aber überhaupt die Voraussetzung, um dessen Argumente auf ihre Stichhaltigkeit hin untersuchen zu können. So bleibt einem nichts anderes übrig, als sich an den Untertitel zu halten, der Hitler als den Vollstrecker des Propheten Wagners ausweist.

Selbstverständlich ist es eine grobe Vereinfachung, die Persönlichkeit Hitlers ausschließlich aus dessen fanatischer Verehrung Wagners herleiten zu wollen. Komplexe historische Fragen erlauben in der Regel keine schlichten Antworten. Hier tappt Köhler in dieselbe Falle wie Daniel Goldhagen, der in seinem bemerkenswerten und vieldiskutiertem Buch, Hitlers willige Vollstrecker, den Holocaust monokausal durch einen spezifisch deutschen Vernichtungsantisemitismus erklären will. Köhler schreibt demgegenüber den Massenmord an den europäischen Juden ausschließlich der Wagnerbesessenheit Hitlers zu: "Sein Millionenmord an den europäischen Juden wurde zur bleibenden Spur, die Wagners ‘Parsifal’ in der Geschichte hinterlassen hat". (S. 346) Doch der Holcaust war nur der Abschluß, die Machtergreifung Hitlers wird nämlich folgendermaßen kommentiert: "Deutschland wurde zur Wagner-Oper." (S. 347) Diese primitiven Erklärungsmuster entwerten auch die zahlreichen interessanten Beobachtungen, die Köhler bezüglich der Wagnerverehrung Hitlers und des politischen Einflusses der Wagnerianer auf die politische Entwicklung im ersten Drittel unseres Jahrhunderts anstellt.

Schlimmer wird es noch, wenn man das Buch mit wissenschaftlichen Maßstäben betrachtet. Der umfangreiche Apparat deuten ja daraufhin, daß es sich nicht um eine kulturjournalistische Arbeit, sondern um eine seriöse Studie handeln soll. Köhler geht jedoch mit keinem Wort auf seine methodische Vorgangsweise oder seine theoretischen Annahmen ein. Das ist um so unverständlicher, als es kaum ein theoretisch heikleres Gebiet gibt, als das Verhältnis zwischen Kunst, Gesellschaft und Politik. Köhler springt fröhlich und unbekümmert zwischen den Intentionen Wagners, dessen theoretischen Schriften und dessen Opern hin und her, als ob diese Gleichsetzungen das selbstverständlichste von der Welt wären, während sie in Wahrheit natürlich nur vom mangelnden ästhetischen Verständnis des Autors zeugen. Ebenfalls unzulässig ist der häufige Schluß von den individuellen Wirkungen einer Opernaufführung auf den Inhalt dieser Oper, um noch ein zweites Beispiel anzuführen. Wenn ein ideologisch fanatischer Opernbesucher glaubt, seine Ideologie in den Opern Wagners wiederzufinden, heißt das nicht zwangsläufig, daß diese Ideologie diesen Opern eingeschrieben ist. Vielmehr dienen Kunstwerke oft nur als willkommene Projektionsflächen für Zuschauerfantasien. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß die zur Diskussion stehenden Werke ideologisch unbedenklich sind, sondern nur, daß hier nicht mit naiven Gleichsetzungen gearbeitet werden darf. Das zeigt auch der Blick auf andere von den Nazis mißbrauchte Künstler wie Beethoven, der unter keinen Umständen in die Nähe eines Vorläufers der nationalsozialistischen Weltanschauung gerückt werden kann, obwohl Hitler dessen Werke sehr schätzte.

So ist Köhlers Buch in keiner Hinsicht befriedigend. Schade, denn das spannende Thema hätte eine sorgfältige Behandlung durchaus verdient.

(Christian Köllerer)






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