Jan Kjærstad

Der Verführer

Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, ISBN: 3-462-02786-7

Jan  Kjærstad: Der Verführer

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„Wie also hängt ein Leben zusammen?“

Man stelle sich das einmal vor: Thomas Gottschalk kommt von einer Reise nach Hause und findet seine Frau, hingemeuchelt, in ihrem Blut, und natürlich auf dem Eisbärfell. Der Gottschalk des norwegischen Romanciers Jan Kjaerstad heißt Jonas Wergeland - ein fiktiver Medien-Held, der in seiner Fernsehreihe „Groß denken“ mit überraschend neuartigen Portraits berühmter Norweger, über Nansen und Hamsun etwa, die Nation verzaubert. Und da steht er nun also, gerade zurück von der Weltausstellung in Sevilla, vor der Leiche seiner Frau und kann es einfach nicht fassen.

Wo man den Ausgangspunkt kriminalistischer Spurensuche vermuten möchte, kommt die Handlung allerdings zu einem abrupten Stillstand. Plötzlich Wergeland in den Stromschnellen des Sambesi: Mit einem Sprung in eine weit zurückliegende Episode im Leben Wergelands nimmt der Roman die Lebensgeschichte seines Helden und das Problem ihrer Erzählbarkeit in den Blick.

Während sich das Problembewußtsein literarischer Tradition um das Individuum und die Gesellschaft sorgte, sich zuständig erklärte für alle Seelenlagen und Klassenkämpfe, scheint es dem letztjährigen Henrik-Steffens-Preisträger Kjaerstad nachgerade anstößig, in der Literatur den großen Zusammenhang herzustellen. Diesen wichtigen poetologischen Grundgedanken hat der 46jährige Norweger schon in früheren Romanen, etwa Homo Falsus (dt.1996) und Rand (dt.1994), die nur vordergründig dem Kriminal-Genre zuzurechnen sind, zum Gestaltungsprinzip gemacht.

Hier jetzt, auf der Suche nach der „Grundgeschichte, die mehr erzählt als jede andere, wer man ist“, entlarvt Kjaerstad die althergebrachte Überzeugung, was uns in jungen Jahren passiert, müsse auch die Ursache sein für Ereignisse in unserem späteren Leben. Im Gegenteil, so die Pointe: Kindheit und Jugend werden zu Auswirkungen einer Ursache, die erst viele Jahre später liegt. Was unserem ewig in schicksalsdunkler Vergangenheit wühlenden Selbstverständnis eine Zumutung scheint, pfeift auf allzu wohlfeile Chronologien und begeistert in gewagten Sprungfiguren.

Leben heißt Geschichten sammeln, und Anfänge liegen nicht immer am Anfang. So turnt der Roman übermütig zwischen zahlreichen Episoden im Leben Wergelands hin und her, die in ihrer melancholischen Wärme,aber auch Aberwitzigkeit zuweilen an John Irving denken lassen. Wie Jonas den Fossbury-Flop erfindet, wie er mit seinem magischen Geschlechtsteil einen Eisbären vom Klo verjagt, wie Jonas´ Mutter zu ihrem schiefen Lächeln kam, was es mit Jonas´ rotem Notizbuch und der Teppich-Sammlung seiner Tante auf sich hat - all dies „Geschichten, die von den Ritzen im Dasein handelten, in die nur die Imagination eindringen kann, in dieses dunkle Gebiet zwischen Ursache und Wirkung, wo auch die Fähigkeit, Werte zu wählen, Zusammenhänge zu sehen, lag und schlummerte.“

Ein geheimnisumwitterter Ich-Erzähler, der seine Identität nicht preisgeben mag - versteckte Hinweise jedoch deuten nach ganz oben -, entrollt einen großartigen Bilderbogen, spult sich an beliebige Punkte im Lebenslauf seines Helden und bringt sie vor die Frage: Haben wir hier die entscheidende Geschichte in Jonas Wergelands Leben?

Um den katastrophalen Kern, den Mord an Wergelands Frau, zu dem die Erzählungen immer wieder zurückfinden, schießt eine verschwenderische Fülle von Typen, Schicksalen und Mustern zusammen zu einem merkwürdig heiteren und lebenswarmen Roman.

Der metaphorische Silberdraht, den Jonas der Frauensammler und Jazzfreak im Rücken trägt und der vor einem gelungenen Kunstwerk kribbelnd ausschlägt, rumort im Nacken des Lesers jedenfalls ganz gewaltig. Und in Norwegen ist bereits die Fortsetzung erschienen ...

Am Ende sitzt ein 10jähriger Jonas mit seiner Freundin staunend vor einem Kuhfladen und beobachtet einen Mistkäfer bei der Arbeit, und Jonas begreift, daß alles passieren kann von dem Augenblick an, in dem er davon erzählt, und daß er gerade das Leben in einer Nußschale gesehen hat. Man stelle sich das einmal vor.

Oliver Jahn






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