Daniel Kehlmann

Der fernste Ort

Roman. Suhrkamp Verlag, 147 Seiten. 17.80 EUR . ISBN: 3-518-41265-5

Die Oberfläche des Spiegels
Daniel  Kehlmann: Der fernste Ort

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Der Stil so mittelmäßig wie der Held – Die Geschichte eines gescheiterten jungen Mannes


Ein kleines Nest im Süden. Nebensaison. Bis auf die Gäste einer Versicherungstagung befinden sich keine Fremden im Ort. Julian, ein junger Tagungsteilnehmer, ignoriert die einheimische Warnung vor gefährlichen Strömungen und nutzt die Mittagspause, um im angrenzenden See schwimmen zu gehen. Gedankenverloren lässt er sich treiben und kommt vom Ufer ab. Er gerät in Panik, verliert das Bewusstsein, erwacht erschöpft an einem Ufer liegend, ohne zu wissen, wie er sich hat retten können. Wenn er jetzt verschwinden würde, müsste man ihn für ertrunken halten. In diesem plötzlich aufblitzenden Gedanken sieht Julian seine Chance, den Zwängen eines verachteten Lebens zu entfliehen.

Kann ein Mensch ein anderer werden als er ist? Kann ein Mensch seine Vergangenheit abschütteln, indem er in ein neues Leben flüchtet? Daniel Kehlmanns dritter Roman „Der fernste Ort“ erzählt die Geschichte eines gescheiterten jungen Mannes, der alles Notwendige zu einem Ausstieg aus dem eigenen Leben unternimmt, obwohl ihm die Fragwürdigkeit seines Tuns durchaus bewusst ist. Die Flucht vor sich selbst droht an seinen Erinnerungen zu scheitern. Während Julian den Tagungsort ungesehen verlässt, um in seiner Heimatstadt die letzten Vorbereitungen zu treffen, bricht das bisherige Leben in seine Gedanken ein.

In verschiedenen Rückblicken wird Julians Mittelmäßigkeit transparent. Er ist ein Langweiler ohne eigentliche Interessen. In seiner Kindheit leidet er unter einem überbegabten älteren Bruder. Ein naiver Fluchtversuch scheitert, wie kindliche Fluchtversuche in der Regel scheitern. Nach dem Abi beginnt er halbherzig zu studieren. Durch ein improvisiertes Verlegenheitsreferat fällt er seinem Professor auf. Er bekommt eine Promotionsstelle und soll eine Monographie über einen Barockdenker schreiben. Ohne Antrieb macht er sich an die Arbeit, an der er von Seite zu Seite das Interesse verliert. Kein Wunder, dass die Monographie schlechte Kritiken bekommt, kaum verkauft und schnell verramscht wird.

Aber Julian ist nicht nur Opfer seiner Antriebslosigkeit. Seine erste Freundin bekommt ein ungewolltes Kind, dass – kaum hat er sich mit der Existenz eines Sohnes arrangiert – kurz nach der Geburt stirbt. Julians alleinstehende Mutter vereinsamt und begeht – da weder er, noch sein Bruder ihr helfen können – Selbstmord. Nach dem Scheitern seiner Promotion nimmt Julian eine Stellung als Versicherungsangestellter an.

Kehlmanns Stil ist so durchschnittlich wie seine Hauptfigur. Die Wortwahl gewöhnlich, der Satzbau uninteressant, die Dialoge unerheblich. Mit dem einzigen Pluspunkt, dass er niemals unter einen gewissen Grundlevel abfällt. „Der fernste Ort“ ist aus einem Guss, einem bleigrauen ohne jegliche Schattierung. Hat Kehlmann in seinen ersten zwei Romanen mit interessanten Sonderlingen als Hauptfigur zu überraschen gewusst, gibt es hier nicht viel, was auffallen könnte. Höchstens das penetrante Herumreiten auf der Spiegelmotivik, damit auch jedem Leser klar wird, dass der Spiegel für Identitätsfragen und Selbstspiegelung stehen könnte.

„Du denkst du könntest etwas anderes sein“, versucht Julians Bruder ihn gegen Ende seiner Flucht zu belehren. „Aber was du auch tust, der junge Mann mit den schlechten Augen, der ein schlechtes Buch über einen vergessenen Barockdenker geschrieben hat und Schuld an Mamas Tod ist, bleibst du immer.“ Ungeachtet dieser Erkenntnis lässt sich Julian einen illegalen Pass anfertigen und fährt mit dem Zug davon, wobei sich die reale Flucht immer deutlicher in einer unwirklichen Darstellung verliert. Eine Flucht ins Imaginäre, vielleicht nur ein Traum.

Identitäts- und Selbstbildnisfragen sind in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur bereits ausführlich und in allen Nuancen behandelt worden. Auch in einem Werk wie „Stiller“ von Max Frisch geht es um den Fluchtversuch eines Menschen aus der eigenen Identität. Nur kratzt Kehlmann im Vergleich zu Frischs genauer Analyse von Selbst- und Fremdbildnissen sehr vorsichtig an einer für ihn undurchdringbaren Oberfläche herum – so undurchdringbar wie die Scheibe eines blind gewordenen Spiegels.

 

Textauszug:
„Du solltest allmählich begreifen“, sagte Paul ruhig, „wie albern deine ständigen Fluchtversuche sind. Obwohl es wirklich mutig von dir war, damals. Und dann musste es dich gerade dorthin verschlagen, wo eine Frau vor den Zug gefallen war!“
„Ich wusste nicht, dass es eine Frau war.“
„Stand in der Zeitung. Es war eigentlich immer das gleiche: Du wolltest etwas anderes, und ich wollte nichts sein. Beides nicht so leicht, wie man denkt.“






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