Sabine Kebir

Ich fragte nicht nach meinem Anteil. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertol

Sach. Aufbau Verlag, Berlin. 292 Seiten. ISBN: 3-351-02462-2

Sabine  Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertol

Dieses Buch Freunden weiterempfehlen.

Dieses Buch kaufen bei Amazon.de

Buy Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertol at Amazon.com (USA)

Weitere Buchbesprechungen bei Amazon.de.

 

Gibt ein Weib, sagt Baal, euch alles her/ Lasst es fahren, denn sie hat nichts mehr! Diesen Vers, dem brechtschen Choral vom großen Baal entnommen, habe sich der große Brecht selbst zur Maxime gemacht. Sagen jedenfalls die Literaturwissenschaftler.

Falsch, sagt Sabine Kebir, Expertin für Brecht und dessen Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Brecht, zeitlebens sich mit Frauen umgebend, sei keineswegs der diktatorisch eigennützige Ausbeuter gewesen, der sich gleich einer fetten Made von den Frauen um ihn herum mit Stückentwürfen und ganzen Texten speisen ließ. Die von Experten und flüchtigen Forschern aufgestellte These, Brecht hätte Frauen abhängig gemacht, um sich ihrer Talente in welcher Gestallt auch immer zu bemächtigen, sei zu einem Herrensport verkommen.

Ob nun Peter Weiss, Fritz Raddatz oder Brechts Biograph John Fuegi, alle haben sie versucht, Brecht als rigorosen Oberdichter zu zeichnen, der in allen Zeiten eine begabte Frau zur Hand hatte, die ihm – vielleicht auch ‘sex for text’ – literarisch das ersetzte, was ihm an Ausdauer oder Genialität fehlte.

Diese, so Kebir, vermeintliche Dekonstruktion des Mythos vom B.B. diente allein dazu, die Sympathien des weiblichen Publikums von Brecht auf sich selbst zu lenken. Die Phalanx derer, die Brecht zum bloßen Macho stilisierten, nennt sie Männerfeministen – an deren gedanklichen Spitze der neoliberale Puritaner Fuegi, ihr Lieblingsfeind. Man formulierte Brechts Verhältnis zu seinen Geliebten und Mitarbeiterinnen, ohne sich auf Originalquellen und Selbstzeugnisse der Frauen zu stützen. Suggeriert wurde das Bild vom patriarchalen Dompteur Brecht, der ‘seine’ Frauen in eine permanente und fatale Opferrolle zwängte.

Dabei, so stellt Sabine Kebir in ihrem Buch über Brechts langjährige Gefährtin Elisabeth Hauptmann heraus, habe es (neben dem Patriarchen Brecht) zumindest noch die patriarchalische Gesellschaft gegeben, die kaum einmal Frauen als Protagonistinnen duldete. Brechts Mitarbeiterinnen waren als eigenständige Autorinnen auf dem Buchmarkt nicht willkommen – auch später nicht. Und: dass Schriftstellerei auch Folge eines freiwillig eingegangenen kollektiven Schaffens sein konnte, passte nicht zum Bild vom genialischen Autor. Lieber ein Brecht als viele ‘Brechtinnen’.

Kebir geht der Frage nach, wie weit die Arbeit der ‘brechtschen’ Frauen in die Texte eingeflossen ist, und inwiefern dies von ihnen intendiert war. Sie verfolge, sagt sie, dabei einen historisch und soziologisch argumentierenden Differenzfeminismus, welcher auch nach den Produktionsbedingungen der Texte fragt. Und tatsächlich gelingt es ihr, ein detailliertes, vielseitiges Panorama der Arbeitsweise im Umfeld von Bertolt Brecht zu zeichnen, das sich auf Tagebuchaufzeichnungen und bisher ignorierte Tondokumente stützt. Am Beispiel der Hauptmann wird deutlich: die Frauenleistung ging von Sekretariatsaufgaben über Korrekturen bis hin zu literarisch integralen Hinweisen. Der Kreativbereich war keineswegs der Himmel des Herrn Brecht. Dass sich jedoch der Einzelanteil im kollektiven Arbeitsprinzip verliert, der am Ende den Namen nur des einen tragen würde, war allen bewusst.

Die Selbstaufgabe, das Nicht-nach-dem-eigenen-Anteil-Fragen, war aber keineswegs eine Form von Masochismus. Zum einen konnten Brechts Mitarbeiterinnen im experimentellen Clan selbständiger als in der Gesellschaft sein, zum anderen herrschte eine für sie stimulierende Wettbewerbssituation. Die Utopie, die Literatur hieß, und der mit ihr verknüpfte Idealismus ließen den Aufwand sowohl der Handreichungen als auch der Textbearbeitungen kleiner werden. Brecht war das notwendige, organisierende Zentrum einer Schar gleichgesinnter Intellektueller und kein Baal, der die Frauen bis auf den Kern schält.

Für Elisabeth Hauptmann war die Kollektivarbeit mit Brecht und anderen eine spaßhafte Belastung. Dass ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen nie voll- und eigenständig zum Tragen kommen konnten, nahm sie aber nicht übel: Ganz große Begabungen lassen sich … nicht unterdrücken, vielleicht eine Zeit lang, gestand sie sich ein. Domestiziert sah sie sich nicht, eher in ihren eigenen Ansprüchen geschärft.

Im Schatten des großen Brecht zu leben, war, das kristallisiert Sabine Kebir heraus, nicht das Resultat weiblicher Hörigkeit, sondern das der Akzeptanz seiner Begabung und der ihm gemäßen Arbeitsweise.

Kebir betreibt ihre Gegenaufklärung zum bisherigen Kanon über Brecht sachlich. Obwohl sie als Antipodin der Männerfeministen aggressiv ins Feld zog, verlässt sie dieses, ohne sich auf andere als wissenschaftlich fundierte Fernduelle eingelassen zu haben.

 

Ron Winkler






Bücher neu und gebraucht
bei amazon.de

Suchbegriff:


eBay


Bücher gebraucht oder neu bei booklooker.de
Autor:
Titel:
neu
gebraucht

Ihr Kauf bei unseren Shop-Partnern sichert das Bestehen dieses Angebotes.

Danke.


Weitere Rezensionen in der Kategorie: Sach  



Partner-Shop: Amazon.de

Ich fragte nicht nach meinem Anteil. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertol Amazon.de-Shop
Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertol

Partner-Shop: Amazon.com (USA)

Buy Sabine Kebir: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertol at Amazon.com (USA)

carpe librum ist ein Projekt von carpe.com  und © by Sabine und Oliver Gassner, 1998ff.

Das © der Texte liegt bei den Rezensenten.   -   Wir vermitteln Texte in ihrem Auftrag.   -   librum @ carpe.com

Impressum  --  Internet-Programmierung: Martin Hönninger, Karlsruhe  --  19.06.2012