Elfriede Jelinek

Die Kinder der Toten

Roman. Rowohlt, Reinbek. ISBN: 3-498-03328-X

Elfriede  Jelinek: Die Kinder der Toten

Dieses Buch Freunden weiterempfehlen.

Dieses Buch kaufen bei Amazon.de

Buy Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten at Amazon.com (USA)

Weitere Buchbesprechungen bei Amazon.de.

Die Vergangenheit ist - hier wäre Faulkner zu widersprechen - tot. Sie belästigt allerdings zuweilen durch rücksichtsloses Wiedergängertum. Wie wörtlich das zu nehmen ist, zeigt Elfriede Jelinek in ihrem jüngsten Roman, der auf weite Strecken einem Jüngsten Gericht durchaus ähnelt. Da kullert - in der steirischen Herkunftsheimat der Autorin - ein Kleinbus touristenverderbend einen Steilhang hinunter, wird - in der Wiener Wahlheimat - ein kleiner Bub im Schwimmbad massakriert, treten ein vielversprechender Abfahrtsläufer, eine Studentin mit Prüfungspanik, zwei inzestuöse Förstersöhne und allerlei Nebenfiguren in die Handlung ein, die allesamt in in ihren Gräbern verrotten sollten.
In diese sind sie auf den verschiedensten Wegen - Autounfall, Pulsadernschnitt, Kopfschuß, Schluchtensturz, Lustmord, Stromschlag - hineingelangt, aus diesen stehen sie immer wieder und mit fürchterlichen Folgen auf, um immer wieder zu sterben, am eigenen Verfall sich zu vergnügen, mit Verwesung zu verschrecken. Da wechselt Nekrophilie mit Vampirismus und Kannibalismus, aus allen Körperöffnungen bröselt Grabeserde, tropft das Leichenwasser, krabbeln die Würmer und Mikroben. Jeder Jogginganzug, jeder Wanderschuh ist Zeichen der Todesverfallenheit, bis das Monströse vom bloß Banalen nicht mehr zu unterscheiden ist, und der gekreuzigte Heiland wird als Brettljause serviert.
Elfriede Jelinek läßt aber nicht nur die Techno-Version barocker ars moriendi aus ihren Prosa-Verstärkern dröhnen. Ihr Thema ist, über die galgenhumorig-obszöne kleine Sterbekunst für den mündigen Verbraucher am Ende des bürgerlichen Zeitalters hinaus, der Massenmord, das große Sterben im zwanzigsten Jahrhundert. Der Grund, auf dem die Erzählerin mehr schwankt als steht (und wir mit ihr), sind die "Millionen Toten". Deren abgeschnittene Haare dringen tonnenweise aus den Lagerhäusern und in die Gemeindewohnungen, wo sie Menschen, die sich keiner Schuld bewußt sind, ersticken, sie belästigen die Touristen in der "Pension Alpenrose", die schließlich, überraschend von Hunderten verdächtiger Gäste überfüllt, in einer Nacht der lebenden Leichen von einer Mure, einem riesigen Erdrutsch, begraben wird.
Diese Leichen leben noch; bei Elfriede Jelinek erinnert schon der immerwährende Musikantenstadl im TV an den organisierten Genozid in den Todesfabriken: Im "muffelige(n) Ofen des Fernsehens (. . .) tauchen Menschen auf und verschwinden wieder, als hätten wir eine Fabrik, die uns jederzeit neue macht. Wie sagen wir es unsern Kindern? Die sind jetzt im Sand und spielen. Und die Kinder der Toten? Die wandern, ein anderer wüster Sand, durch den Sand und werden gerecht, gerechnet". - Ist ihnen so "gerecht"-werden?
Natürlich bewahrt Jelinek ihr Erzählen von so gewichtigen Dingen souverän vorm Klischee, indem sie sich in bewährter Manier eben dessen bedient; sie fährt im Reich der Gemeinplätze umher, bis es zur Kenntlichkeit zertrümmert ist, sie beackert die Wortfelder, bis sie das grinsende Nichts unter dem schütteren Heimatboden freigeben. Das Zitat aus Funk- und Fernsehwerbung und volkstümlichem Schlager, das "Höre Israel" und die Hölderlin-Anspielung, der Tonfall der "Kronen-Zeitung" und der des Denunziantenbriefs verknüpfen die selbstvergessene Gegenwart mit einer nur zu gern vergessenen Vergangenheit, und den wiedergängerischen Helden entspricht Jelineks Insistieren auf der zyklischen Form der wiederholten Variation. Und natürlich bleibt alles beim alten: Die Männer nehmen sich in mörderisch-vergewaltigender Absicht die Frauen vor und her (die sich manchmal blutig rächen), wie je gehen ihre Benutzer mit der Sprache um, als wären sie nicht gescheit, und wieder ist die Natur Wildnis und kein Schutz vor ihr. Dies alles hämmert das Buch in angemessener Gnadenlosigkeit seinem Leser ein, bis er nicht anders kann, als die Erleuchtung annehmen.
Aber wenn es ums Abtransportieren und Aussortieren, ums Brillen- und Schuheabgeben, ums Ersticken im Gas und ums Brennen in Öfen mit einer Leistung von mehreren tausend Personen pro Tag geht, ist dies vom bloßen Stumpfsinn in Freizeitparks und vor Fernsehgeräten schlecht zu unterscheiden. Dabei weiß Elfriede Jelinek es besser: Denn "es ist ja ein Unterschied, ob man in einer Duschkabine, eingepfercht mit vielen anderen, oder allein, gemütlich im Wohnzimmer, zusammengesperrt mit dem Fernseher, durch seine Ideen hindurchblickt und von einem Bildschirm ablesen kann, warum man, mein Gott, verlassen worden ist und wieder keine Punkte gemacht hat."
Bei allem Ingrimm, mit dem Erzählen sich hier vollzieht, drängelt sich doch etwas anderes vor: "Ob man dabei war oder nicht, gewonnen hat man sowieso wieder nichts." Dieser Sorte verspielter Schicksalsergebenheit kann letztlich gleichgültig sein, ob noch irgendwer für die "Kinder der Toten" zuständig ist.

Julia Schröder






Bücher neu und gebraucht
bei amazon.de

Suchbegriff:


eBay


Bücher gebraucht oder neu bei booklooker.de
Autor:
Titel:
neu
gebraucht

Ihr Kauf bei unseren Shop-Partnern sichert das Bestehen dieses Angebotes.

Danke.


Weitere Titel von und Rezensionen zu Elfriede Jelinek
Weitere Rezensionen in der Kategorie: Roman  



Partner-Shop: Amazon.de

Die Kinder der Toten Amazon.de-Shop
Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten

Partner-Shop: Amazon.com (USA)

Buy Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten at Amazon.com (USA)

carpe librum ist ein Projekt von carpe.com  und © by Sabine und Oliver Gassner, 1998ff.

Das © der Texte liegt bei den Rezensenten.   -   Wir vermitteln Texte in ihrem Auftrag.   -   librum @ carpe.com

Impressum  --  Internet-Programmierung: Martin Hönninger, Karlsruhe  --  19.06.2012