Ivan Ivanji

Das Kinderfräulein

Roman. xxxx, ISBN: 3-854-52421-8

Ivan  Ivanji: Das Kinderfräulein

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Der jugoslawische Autor Ivan Ivanji war schön öfter auf unseren Seiten Gegenstand von Buchbesprechungen, meist über Jugoslawien und seine Nachbarn sowie über den Krieg(Ein ungarischer Herbst, Barbarossas Jude). Alle diese Bücher überzeugten durch einen unbestechlichen Blick auf Zukunft und Vergangenheit sowie eine souveräne Behandlung emotionell und politisch stark belasteter Themen ohne vordergründige Rache- oder Abrechnungsgelüste.

In seinem neuesten Buch - "Das Kinderfräulein" - hält Ivan Ivanji eine Rückschau auf die Jahre vor und während des zweiten Weltkriegs in Jugoslawien, um dann mit einem unvermuteten Sprung in die späten Neunziger überzuwechseln. Zäsuren dieser Art sind literarisch riskant und führen oft zu einem Bruch der Geschichte und der Erzählweise. Nebenbei konfrontieren sie den Leser abrupt mit der Vergänglichkeit allen Lebens, und diese plötzliche Erkenntnis führt nicht unbedingt zu Entspannung und Heiterkeit. Ivan Ivanji gelingt es jedoch, diesen Bruch glaubwürdig zu vermitteln und in einen sinnvollen Kontext zu stellen, so daß der Leser sich schnell in die so unvermutet veränderte Umgebung einliest.

Ende der dreißiger Jahre flieht die junge Kärntnerin Ilse aus verarmtem Adel vor der Arbeitslosigkeit ins jugoslawische Banat, um dort eine Stelle als Kinderfräulein bei einer wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie anzutreten. Schon bald vertritt sie bei dem kleinen Viktor - Einzelkind - Mutterstelle, da die leibliche Mutter sich als jugendlich-labil erweist und ihre Tage lieber im leichten Nebel des Kokains verbringt. Ansonsten erweist sich der Haushalt samt Hausherr als großbürgerlich mit kulturellem Anspruch und einer gewissen Großzügigkeit. Ilse gewinnt nicht nur die Freundschaft der Hausfrau, sondern verwaltet bald den gesamten Haushalt in eigener Regie, bleibt dabei jedoch seltsam distanziert ohne eigene Lebensziele.

Als die deutsch-braune Gefahr nach Süden schwappt, wittern die Banat-Deutschen Morgenluft und lassen von heute auf morgen die Höflichkeit gegenüber den jüdischen Großbürgern fallen. Als schließlich die Deutschen mit der Kriegserklärung an Jugoslawien in den Ort einmarschieren, wird der jüdische Hausherr als einer der Ersten grundlos hingerichtet. Ilse wird Sekretärin bei der Gestapo, schafft es aber, Viktor und seiner Mutter freien Abzug zu verschaffen. In der Folge erlebt sie in einer Art Wachtraum die Schreckensherrschaft der Deutschen aus der Sekretärinnen-Perspektive,  Todesurteile hin-und hertagend oder sie pedantisch genau ablegend, und wird so unbewußt mitschuldig. Sie betrachtet alles wie eine Art Schicksal, liiert sich sogar mit einem zackigen Neu-Nazi aus dem Ort, nur um am Kriegsende nach dem hastigen Abzug der Deutschen den nun einziehenden Kommunisten als Deutsche und Kollaborateurin in die Hände zu fallen. Ihre immer noch fatalistisch-unschuldige Art rettet sie vor dem Galgen, und sie durchlebt eine furchtbare Zeit in einem Lager, ehe sie 1948 nach Österreich zurückgeschickt wird. Viktor und seine Mutter hat sie nie wieder gesehen.

Schnitt - Ende der neunziger Jahre. Ilse ist über achtzig und trifft plötzlich unvermutet Viktor wieder,  mittlerweile ein international anerkannter Architekt. Nur schwer läßt er sich überzeugen, daß sie die Familie damals nicht verraten hat, und nimmt sie schließlich in sein Haus auf, da er unverheiratet und kinderlos ist. Zwischen beiden entspinnt sich wieder ein ähnliches Verhältnis wie in seiner Kindheit. Einerseits versucht er jetzt, zumindest intellektuell die Führung zu übernehmen, Ilse bleibt ihm jedoch in ihrer Zurückhaltung und Lebensdemut ebenbürtig. Langsam neigen sich beider Leben dem Ende entgegen und beide ziehen Bilanz. Viktor besucht die Konzentrationslager in Deutschland, in denen seine Mutter umkam und er knapp dem Tod entrann, und versucht, den mittlerweile zu Denkmälern erstarrten Orten des Schreckens eine Botschaft oder eine Quintessenz zu entlocken. Vergebens, die gepflegten Schreckensstätten reden nicht zu ihm, und er bleibt ratlos. Haß, Rache, Vergebung? Nichts wird seiner Erinnerung gerecht, schon gar nicht die organisierte Vergangenheitspflege.

Schockiert von seiner Unfähigkeit, den Ereignissen seines Lebens nachträglich einen "Sinn" oder eine Aussage zuzuschreiben, beschließt er, seine letzten Jahre dem eigenen Ich und nicht der Außenwelt zu widmen. Wie Goethes Faust stirbt er angesichts der Erkenntnis, was für ihn wichtig ist, und sein ehemaliges Kinderfräulein folgt ihm auf dem Fuß.

Ivan Ivanji erzählt die Geschichte ohne jegliches emotionelles Tremolo und unter Verzicht auf Anklagen Er schildert Krieg, Vertreibung, Mord als historisches Phänomen, unter dem lebende Menschen zu leiden haben. Selbst die Nazis werden nicht als Ungeheuer, sondern als funktionierende Teile einer herrschenden Ideologie dargestellt, die flugs von den ähnlich agierenden "Befreiern" abgelöst werden. Verbrecher sind nicht an eine Ideologie alleine gebunden, sie fühlen sich in allen Uniformen wohl.
In der Figur der Ilse setzt Ivan Ivanji allen gutgläubigen und gutherzigen Mitläufern ein trauriges Denkmal. Sie wollen immer das Gute, haben aber am Bösen teil, ohne es richtig zu merken. Ilse akzeptiert ihre Schuld, würde jedoch das nächste Mal genauso handeln, da sie sich nicht befugt sieht, in den Weltenlauf aktiv einzugreifen. Sie sieht sich nur als kleines Rädchen, das ihre wie auch immer geartete Pflicht zu tun hat. Aber auch die Opfer - Viktor - werden mit ihrer Rolle nicht fertig. Sie sollten mit der Welt abrechnen, haben sich aber längst mit ihr arrangiert und leiden an dieser eigenen Inkonsequenz. Am Ende stehen alle mit leeren Händen da und suchen in ihrem Leben verzweifelt nach Dingen, für die es sich gelohnt hat zu leben.

Ivan Ivanji ist mit diesem Buch eine eindringliche Beschreibung unseres Jahrhunderts gelungen, zwar ohne den großen epischen Rahmen, aber mit klar gezeichneten Figuren als Vertreter einer Generation, die viele gerne als die "verlorene" bezeichnen. In seinem Nachwort weist er selbst auf viele autobiografische oder dokumentarische Hintergründe hin, die dem Buch zusätzlichen Informationswert verleihen.

Frank Raudszus






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