Thomas Hürlimann

Die Satellitenstadt

Bestseller. Ammann Verlag, Zürich. ISBN: 3-250-10178-8

Thomas  Hürlimann: Die Satellitenstadt

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Mainaidscheen, das Lüägi! Obwohl er nicht zu entschlüsseln war, nicht einmal mit Hilfe eines echten Schweizers, markiert dieser Ausruf einen Höhepunkt in Hürlimanns Erzählband Die Satellitenstadt. Zur Situation: Die Titanic geht unter, wieder einmal. Ein abgedroschenes, so sollte man meinen, ein gänzlich ausgeweidetes Symbol für menschliche Vermessenheit und, spätestens seit Enzensbergers Langgedicht, auch für den Weltuntergang. Und doch erscheint es hier in frischem Licht, wie neu. Es gibt nämlich auch Schweizer unter den Passagieren. Zwei Financiers zum Beispiel mit ihren Gattinnen; die benehmen sich angesichts der Katastrophe wie immer, wie daheim: sie gehen kein Risiko ein, ziehen warme Unterwäsche an, besteigen rechtzeitig ein Boot und überleben. Ein Erlebnis haben sie nicht. Anders im Zwischendeck die Serviertochter aus dem Urnerland, die schöne Lo: leichtfüßig, auch sie wie daheim, erklettert sie das steil aus dem Wasser ragende Heck des untergehenden Schiffes wie einen Alpenberg - ein atemberaubendes Bild - und oben, auf dem Gipfel, erschüttert vom Ausblick auf das sternenbeschienene Meer und die Ränder der Welt, ruft sie: Mainaidscheen, das Lüägi! Auch wenn sie es nicht überlebt: sie hat, wofür sie in die Ferne gezogen ist, ihr Gipfelerlebnis.

Die Schweiz und der Untergang - das sind die beiden Pole des Buches, die Schweiz dabei oft erheiternd und in einer ganz eigenen Spannung zum Apokalyptischen. Dies wirft, wie auf den Untergang der Titanic, auch auf andere Themen, die eigentlich schon viel behandelt sind, ein neues Licht. Für einen, der aus der Wildheit der Alpen kommt, muß ein zeitgenössischer Städtemoloch wohl besonders unbegreiflich erscheinen, wie ein Raumschiff, das aus dem All, aus heiterem Himmel niedergegangen ist auf Bäume, Weiler und Wiesen, die Satellitenstadt, und alles verschwindet unter ihren Türmen aus Beton und Glas. Der Bergmensch, aus der Wirklichkeit hinausgepurzelt, stellt voller Verwirrung fest, wie in dieser Stadt, die nur noch durch ihre Postleitzahl zu definieren ist, das Auto auf einmal die Persönlichkeit der Menschen verdrängt und ersetzt; wie diese Menschen, vor der verhängnisvollen Glotze sitzend, verkabelt und verstrickt, ihrem Verderben entgegenrasen; und wie sich schon jetzt schwarz die Melancholie über alles gebreitet hat. Der Kampf beginnt, wie in Kriegen üblich, im Morgengrauen. Da fiepen in den Ein- oder Zweizimmer-Appartements die automatischen Wecker, in den Küchen oder Kochnischen schalten sich die Kaffeemaschinen an, und schon Minuten später schießt ein Toyota nach dem andern aus den Tiefgaragen in den aufdämmernden Tag hinaus, Bus um Bus dockt an, nimmt auf, legt ab, und bis um acht, manchmal bis halb neun, wälzt sich eine endlose, puffende und hupende Kolonne über jenen Horizont, hinter dem Zürich liegt, die Metropole. Hier spinnt sich ein Thema fort, das schon in Thomas Hürlimanns erstem (hochgelobten und preisgekrönten) Erzählband Die Tessinerin eine zentrale Rolle spielte: das Herumirren des naturnah aufgewachsenen Menschen in der Dummheit der Stadt, wo die Energien, da nicht zum Bezwingen von Gipfeln gebraucht, im Geschwätz zerrinnen.

Die meisten der hier versammelten Texte sind als Kolumnen für die Züricher Weltwoche geschrieben; kurze, leuchtende, federleichte Miniaturen, die Stoff geben für Stunden des Nachdenkens. Der Autor hat sie geordnet, zu Gruppen zusammengefaßt und mit einem Vorwort versehen, das die Splitter zu einem Ganzen verbindet. Dazu helfen auch Querverbindungen zwischen den Stücken, so daß ein Bogen entsteht: von dem alten Vestiaribruder, der seinen Dienst, nämlich das Muttergottesbild festtagsgerecht zu bekleiden, mit gichtiger Hingabe versieht, im Kloster, wo noch echte Glocken läuten und Zeit noch wirklich vergeht, über Episoden aus der Kindheit, deren Fundament schon deutlich Risse zeigt, über die Titanic und die digitalisierte Satellitenstadt bis zur letzten Erzählung Das Schiff: mit dahintrauernden, im Fieberwahn verdämmernden Passagieren an Bord verläßt das alte Schiff den Hafen zur letzten Fahrt. Es ist reif zum Verschrotten.

Sicher gibt es die eine oder andere Geschichte, die nicht ganz von innen gewachsen scheint, und wo die Erzählung ins Feuilleton umschlägt, wird der Ton oft sehr direkt und verliert an Originalität. Auch wird im Bestreben, die Wörter ernst, ja wörtlich zu nehmen, gelegentlich ein Begriff über Gebühr ausgereizt, die Satellitenmetapher etwa. Aber insgesamt entsteht doch aus den Stücken ein ganzes Bild, auf ganz leichte Art wird ein Welt-Bild erstellt von eigenartiger Transparenz, die wohl herkommt aus der Kraft des Nichtgesagten.

Trotz des ernsten Gegenstands verleugnet Hürlimann den Komödiendichter nicht, der er ist. Äußerst komisch liest sich eine Episode aus dem eidgenössischen Jubeljahr 1991: da reisen die Honoratioren zum Festakt und lassen sich feiernd vollaufen, bis sich herausstellt, daß der Sonderzug keine Toiletten hat. An anderer Stelle beschreibt der Erzähler, wie er aus gegebenem Anlaß in die Frauenklinik, die Gebärstadt verschlagen wird, woraufhin er plötzlich nichts anderes mehr sieht als schwangere Frauen (allenfalls noch einen schwangeren Mops). Ein krasses Beispiel selektiver Wahrnehmung, aber vielleicht auch ein Schlüssel zu Hürlimanns Erzählkunst: er ist ein Meister der Auswahl, des Weglassens; wie wenn man durch eine der rot-grünen Kinderbrillen schaut, die manche Farben verschlucken, dafür andere verstärkt hervortreten lassen. Dadurch ergeben sich Konturen, scharf bis zur Durchsichtigkeit, und aus einem Züricher Vorort wird tatsächlich ein Satellit, ein Raumschiff, das längst abgehoben hat und unterwegs ist zum Planeten der Sinnlosigkeit und der Melancholie, zum Saturn.

Das Abheben der Industriegesellschaft von ihren Wurzeln, den videotischen Wahnsinn, die zerzappte Realität will Hürlimann beschreiben. Aber es ist in den Wörtern und Sätzen noch die Vitalität der Berge und Schluchten, des Sonnenbrands und der kalten Schatten, das Deutliche, Unterschiedene und Unterscheidbare, das Greifbare, das Wirkliche - ein Schreiben, das fast schon ausgerottet schien. Hier ist es noch, und solange es eine solche Sprache gibt, sollte man die Hoffnung nicht aufgeben und erst einmal den Blick auf die Schönheit des Dargebotenen genießen: Mainaidscheen, das Lüägi!

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Neue Deutsche Literatur)






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