Bernhard Horwatitsch; Bernd Witta

Armut Anthologie. Klivuskante Sonderausgabe Nr. 1

Anthologie. Wittaverlag, München. 148 Seiten. 9.90 EUR . ISBN: 3-939334-06-5

Bernhard  Horwatitsch; Bernd  Witta: Armut Anthologie. Klivuskante Sonderausgabe Nr. 1

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Neoliberalismus, Unterschichtendebatte, Altersarmut, Kinderarmut, Neue Armut, Working Poor, Lockerung des Kündigungsschutzes, Hartz IV, Sozialabbau, Mehrwertsteuererhöhung, Studiengebühren - an Stichworten mangelt's wahrlich nicht. Und auf die eine oder andere Weise ist ja auch jeder irgendwie betroffen. Höchste Zeit, dass mal eine literarische Publikation zum gesamten Themenkomplex erscheint. Bernhard Horwatitsch und Bernd Witta haben aus über 300 eingereichten Beiträgen eine Anthologie mit dem schlichten Titel 'Armut' zusammengestellt. Geboren in den 70ern, Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie, Beiträge in Literaturzeitschriften und Anthologien, letzte eigenständige Buchpublikation 2005. Dieser und jener Literaturpreis. So die durchschnittliche Biographie der Autorinnen und Autoren des Bandes. Dagegen ein durchschnittlicher `Held' der Geschichten in dieser Anthologie: "Manni ist 31 Jahre alt, 1,75 Meter groß, trägt ausgelatschte Turnschuhe von Deichmann (20 Euro), eine abgeschmierte Jeans von C&A (14,90) und eine Cordjacke aus dem Fundus der Arbeiterwohlfahrt (1,50 Euro). Er hat schulterlanges, fettsträhniges Haar, eine Zahnlücke, wo die Schneidezähne sein sollten, und wegen der dicken Brille einen leicht dämlichen Blick. [...] Die Mutter hat Manni und seinen Vater verlassen, als er zwei Jahre alt war. Sie, eine gelernte, aber arbeitslose Köchin, verschwand im sprichwörtlichen Nichts. Unterhalt zahlte sie keinen. Da Mannis Vater Handlanger auf dem Bau war und einzig Gelegenheitsjobs hatte, gab es nie genügend Geld für ausreichend Windeln und Babymilch einerseits sowie Bier und Schnaps andererseits. Mannis Vater musste sich regelmäßig für eines von beidem entscheiden. [...] Manni wuchs also im bekannt »schwierigen Umfeld« auf. Er schaffte dennoch den Hauptschulabschluss und wäre gern Bauzeichner geworden, bekam aber keinen Ausbildungsplatz." (aus: Andreas Dalberg; Was ist Armut?)Schadet diese Diskrepanz zwischen dem Helden und seinem Autor / der Heldin und ihrer Autorin? Muss man tatsächlich schon einmal einige Winter lang durchgefroren haben, weil kein Geld für Brennholz da war, muss man schon mal ein Jahr als Berber gelebt haben, um wie Charles Dickens oder Helmut Krausser über Armut schreiben zu können? Zumindest täte es der Authentizität keinen Abbruch, sollte man meinen.Allerdings: "In Zeiten des erbarmungslosen Arbeitsplatzkahlschlags und der jähen sozialen Abstürze ohne Vorwarnung müssen wir uns so langsam Gedanken machen, wo das alles hinführt und vor allem: Was, wenn es uns selber trifft?" (aus: Sina Burger; Die neue Armut) Tatsächlich sind weitaus mehr Leute weitaus unmittelbarer von dem Thema betroffen, als ihnen lieb ist, spätestens, wenn sich das Rentenalter nähert, aber keine Rente damit verbunden ist, die diesen Namen auch wirklich verdient. Nicht jedem ist es schließlich gegeben, im Stil des Ex-Bundesbankpräsidenten Welteke, seine 8.000 Euro Rente pro Monat auf 12.000 hochzuprozessieren. Das eigentlich Bedrohliche jedoch ist, dass sich im Verhältnis Arm - Reich derzeit einiges tut: "[Es] findet eine gewaltige Umverteilung des Vermögens dieser Nation von unten nach oben statt. Die Zahl der Euro-Milliardäre wächst ständig und nicht nur ihre Zahl, sondern überproportional auch ihr jeweiliges Vermögen. Die Zeitung Manager Magazin' listete im Januar 2002 alle Deutschen mit einem Vermögen von mindestens einer Milliarde Euro auf und kam auf 87 Milliardäre, die zusammen ein Vermögen von knapp 250 Milliarden Euro kontrollierten. Wie es der Zufall will, ist dies beinahe exakt die gleiche Summe, die der Haushaltsplan 2002 der Bundesregierung für die gesamte Bundesrepublik Deutschland vorsah" (aus: Stephan Roland; Rettet Deutschland vor den Buchhaltern) Betroffen ist nicht erst, wer in Armut lebt, sondern bereits, wer in Angst vor ihr lebt. Und das sind eine ganze Menge Leute. Tatsächlich geht es in den 33 Essays, Kurzgeschichten, Collagen, Cartoons und Fotografien dieses Bandes nicht 'nur' um Obdachlose, Arbeitslose, Rentner und andere Zu-kurz-Gekommen wie Manni (klar, um die auch), sondern in erster Linie um die Angst vor der Armut. Der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, der Angst vor dem sozialen Abstieg. Seit 2001 wird in der EU der Median des Nettoäquivalenzeinkommens zur Definition der relativen Armutsgrenze verwendet. Wer von 60 % oder weniger dieses Betrages leben muss, gilt als (relativ) arm. Im Armuts- und Reichtumsbericht 2004/2005 wurden für Deutschland im Jahr 2003 folgende Armutsrisikogrenzen ermittelt: Gesamt: 938 Euro; alte Bundesländer: 974 Euro; neue Bundesländer: 801 Euro. So einfach ist das. Wäre doch mal interessant, einen Text zu lesen, in dem ein Ossi, der monatlich 802 Eurozur Verfügung hat, auf einen Wessi trifft, der 973 Euro im Monat verdient. Oder?Oder auch nicht. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Beispiel: Eine durchschnittliche Frau in Deutschland bekommt derzeit in ihrem Leben 1,36 Kinder (nächstes Jahr sieht's vielleicht schon wieder anders aus). Wetten?: Es wird sich keine einzige Frau finden, die exakt 1,36 Kinder hat, die meisten werden wohl ein Kind haben und weichen damit bereits um über 25% vom Durchschnitt ab. Diejenigen, die mehr oder weniger als eins haben, gar noch weiter. Womöglich sieht's mit dem Durchschnittsgehalt ähnlich aus. Vielleicht gibt's zwischenzeitlich nur mehr Penner auf der einen und Ackermänner auf der anderen Seite in Deutschland, getrennt durch Mauern, Alarmanlagen und Leibwächter. Wohl gemerkt: 87 Personen kontrollieren ein Vermögen, das genauso groß ist, wie der Jahreshaushalt des gesamten Landes mit seinen 80 Millionen Einwohnern. Einfach ist dem Thema Armut nicht beizukommen, am allerwenigsten mit Durchschnittswerten, das zeigt die Anthologie. Auch die einfache Gleichung 'Keine Kohle = arm' geht nicht auf. Armut hat viele Facetten: Geistige Armut, moralische, kulturelle Armut. Und wer wollte schon einen Josef Ackermann in jeder dieser Hinsichten als `reich' bezeichnen?! Und Geld allein macht schließlich auch nicht glücklich, oder? Wo wir schon beim Klischee sind: Armut schändet nicht. Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen. In der Not erkennt man seine Freunde. Faulheit lohnt mit Armut. Es gibt so manches, was es an Klischees aufzuarbeiten gilt - und nicht nur an Klischees. Früher oder später muss man sich dem Thema Armut stellen, auch das zeigt die Anthologie. Es finden sich verschiedenste Blickwinkel, Sicht- und Schreibweisen verschiedenster Qualität in Form und Inhalt, wie es in Sammlungen eben so geht. Wenngleich nicht alle Texte das gleiche sprachliche und handwerkliche Niveau erreichen wie die von Sandra Niermeyer, Erkan Mete oder Bernhard Horwatitsch - lesenswert ist das Buch allemal, es zwingt zum Nachdenken über ein Thema, das man anderweitig gern verdrängt, solange es einen nicht unmittelbar selbst betrifft. Lösungsansätze werden, wenn, dann nur sehr zaghaft geboten; dem Leser bleibt es selbst überlassen, wo er sich ansiedeln will zwischen Resignation, Revolution oder der Zuschauerrolle - auf knapp 150 Seiten lässt sich Armut weder eindeutig 'analysieren' noch zur Zufriedenheit aller lösen.

Dieter Lohr






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