Craig Holden

Gestern ist nie vorbei

Krimi. xxxx,

Craig  Holden: Gestern ist nie vorbei

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Daß Kriminalromane gesellschaftliche Wirklichkeit in ihre Fiktion miteinbeziehen, ist längst ein Gemeinplatz. Die Bezeichnung "Thriller" verrät dabei diese Emanzipation eines Genres, dessen Plot die Reaktion auf eine Welt ist, in der wir nur noch Tragödien vorfinden, die von Weltmetzgern inszeniert und von Hackmaschinen ausgeführt werden (Dürrenmatt). Die Welt des 20.Jahrhunderts ist nicht so beschaffen, daß sie durch Verbrechen aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann und erst recht nicht durch die Aufklärung dieser Verbrechen wieder ins Lot kommen kann. Die "exact science", die etwa in der strengen Methodik eines Sherlock Holmes zum Ausdruck kommt, beruhte auf einem Vertrauen in eine geordnete Welt, in der Verbrechen und Anstand nicht nur scharf voneinander getrennt waren, daß sie leicht unterscheidbar waren, sondern in der die anständige Welt vom Verbrechen nur insoweit berührt werden konnte, als daß sich privilegierte Detektive mit rastloser Aktivität des Verstandes um dessen Aufklärung bemühten. Der Mythos Ordnung, der noch den Kriminalroman des 19.Jahrhunderts kennzeichnete, wird heute von keinem ernsthaften Schriftsteller mehr beschworen. Der bestmögliche Zeitroman wäre somit ein chaotischer: Im streng logischen Gebäude positivistischer Wissenschaft des 19.Jahrhunderts besaß noch die so unscheinbarste Tatsache Platz und Rang, wobei dessen Methodik die Gesellschaft als grundsätzlich in Ordnung verstand. Das Verbrechen durchbrach immer nur als Ausnahme die Normalität des Lebens, konnte sie aber auf keinen Fall als Regel bestimmen. Im 20.Jahrhundert, etwa bei Raymond Chandler, ist das Verbrechen dagegen zumindest tendenziell Regel und System selbst: Der Bereich des Verbrechens hat sich unauflöslich mit dem allgemeinen Bereich von Geschäft und Politik verfilzt.

Diese Umkehrung von Ausnahme und Regel im 20.Jahrhundert macht sich auch Craig Holden in seinem mitreißenden Roman "Gestern ist nie vorbei" zunutze, wobei seine Anklage nichts mit der schon zu oft beschworenen Macht mafiaähnlicher Syndikate zu tun hat, sondern Holden zeigt die Welt selbst als Verbrechen. Er zeigt Hoffnungslosigkeit und Ernüchterung in unverblümter Schärfe. Im Mittelpunkt dieser Weltsicht stehen zwei Männer: Da ist zum einen der rehabilitierte ehemals drogensüchtige und kriminelle Arzt Adrian Lancaster, der in der Kleinstadt Morgantown (Michigan) eine Rehabiliationsklinik für Drogensüchtige eingerichtet hat. Er wird folgendermaßen charakterisiert: Er hatte eine trauerresistente Latexhaut, ein Herz aus rostfreiem Krankenhausstahl und war süchtig geworden nach Gewalt und Verzweiflung. Zweite Hauptfigur des Romans ist Frank Brandon, ein Polizist, dessen radikale Skepsis weit über den genretypischen Zynismus eines Einzelkämpfers etwa im Stile Philipp Marlowes (bei Raymond Chandler) hinausgeht. Lancaster dealte Jahre vor seiner Existenz in Morgantown mit einer synthetischen Droge, die seine Freundin hergestellt hatte. Plötzlich taucht diese Droge wieder auf und mit ihr all jene Erinnerungen an Lancasters Freundin, deren rätselhafter Tod nie aufgeklärt wurde, an seine Drogenexzesse und an sein Medizinstudium, das er mit dem Verkauf der Drogen finanzierte. Der Roman ist eine geschickte Verknüpfung von Erinnerungen, die Lancaster wie Flashbacks heimsuchen, minutiöser Verbrechensbekämpfung und desillusionierender Charakterstudie. Als ihn Storm, eine ehemalige Teilnehmerin an seiner Selbsthilfegruppe um Hilfe bittet, ist er schon mitten in einem Verbrechen, ohne es zu ahnen. Lancaster findet ihren Freund Kevin erhängt, im selben Moment trifft die Polizei ein. Eine Falle? Lancaster ist von da an der Hauptverdächtige. Brandon ist der einzige, der in Erwägung zieht, daß Lancaster mit den Gespenstern seiner Vergangenheit zum Mörder und neuerlichen Drogendealer gemacht werden soll. Brandon wird Lancasters Komplize, letzterer ist schon bald auf der Flucht: Irgendwo im Bundesstaat Michigan hofft er, den Schlüssel zu den Verbrechen und auch den Schlüssel zu seiner Vergangenheit zu finden, indem er sich auf die Spuren seiner Freundin begibt. Brandon bezahlt seine Loyalität mit dem Leben und am Schluß sind die Drahtzieher dieser Aktion bei der Polizei und in der Politik zu finden.

Die in diesem Roman erneut bemühte Verfilzung von Verbrechen und Politik ist seit Raymond Chandler ein alter Hut im Kriminalroman, "Gestern ist nie vorbei" aber geht wesentlich weiter als Chandlers Romane, in denen die Kriminalhandlung auch gleichzeitig polemisch formulierte Kritik ist. Bei Craig Holden wird nicht mehr das Verbrechen zum Rätsel, das es aufzuklären gilt, sondern die Welt selbst wird zum allerdings unauflöslichen Rätsel und der Höllentrip eines Menschen zum Irrgang durch die Absurdität des Lebens, das nun zum unkalkulierbaren Risiko wird: Wer auf welcher Seite steht, ist völlig offen. Der Roman, der im übrigen immer wieder mit falschen Fährten, minutiöser Detaillogik und Überraschungen aufwarten kann, bezieht aus diesem Nichtwissen um Eindeutigkeit ein unerhörtes Maß an Spannung und vermittelt in detaillierten Charakterstudien virtuos die Lebensängste der Personen. Der Plot ist fast genial zu nennen und bietet auf 440 Seiten eine durchgehende, virtuose Indiziensuche, deren Geheimnisse und Logik sowohl Agatha Christie, als auch Arthur Conan Doyle fasziniert hätten.

Die Erzählweise ist sachlich-berichtend, voller Dramatik, doch ohne billige Effekte. Daß dieser Roman daneben eine spannende Kriminalhandlung bietet, über 400 Seiten detaillierteste Fall- und Polizeistudie, ist eigentlich das Beste, das man sich als Leser wünschen kann.

Holden stellte "Gestern ist nie vorbei" ein Zitat aus Camus "Mythos von Sysiphos" voran: Ich sehe wie dieser Mann schwerfälligen, aber gleichmäßigen Schrittes zu der Qual hinuntergeht, dessen Ende er nicht kennt. Diese Stunde, die gleichsam ein Aufatmen ist und ebenso zuverlässig wiederkehrt wie sein Unheil, ist die Stunde des Bewußtseins. "Gestern ist nie vorbei" beginnt in dieser Dimension jenseits der Desillusionierung geschrieben mit einer verzweifelten Attitüde der Perspektivlosigkeit, die alle Kräfte freisetzt, wenn es schon keine mehr gibt. Vergleichbar ist diese Stimmung der morbiden Idylle in Michael Ondaatjes Roman "Der englische Patient", dabei eher konzipiert als Schattenriß eines übermächtigen Schreckens. "Gestern ist nie vorbei" ist übrigens Craig Holdens erster Roman. Respekt: ein phantastisches Debüt.

CRAIG HOLDEN: Gestern ist nie vorbei.

Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger.

Knaur 60623

ISBN 3-426-60623-2, Kartoniert, Preis 14,90 DM (14,- SFr, 109,- ÖS)

(Christoph Steven)






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