Erich Hobusch

Wir Jäger vom Müggelsee; Bilder aus der DDR 1949 bis 1990

Sach. Sutton, 160 Seiten. 19.90 EUR . ISBN: 3-89702-908-1

Zur Strecke gebracht
Erich  Hobusch: Wir Jäger vom Müggelsee; Bilder aus der DDR 1949 bis 1990

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Zur Strecke gebracht

Ich sitze mit Erich Hobusch in seinem Gartenhäuschen, genieße den aromatischen Kaffee und probiere von dem Gebäck, das seine Frau uns beiden zugedacht hat. Über den Gartenzaun weg hat man einen wunderschönen Blick auf die von einem Gewässer durchzogene Wiesenlandschaft und wenn ich dem Gastgeber zuhöre, wie er liebevoll von kleinen und großen Beobachtungen erzählt, meint man, er kenne jedes Tier, das da so kreucht und fleucht beim Vornamen. Und jedes erzählt ihm eine kleine Geschichte.

Vor einiger Zeit hatte ich eher zufällig ein paar Bücher dieses Sachbuchautors und Naturfreundes rezensiert. Wegen einiger offener Fragen hatten wir uns auf einen Gesprächstermin getroffen und anlässlich dieser gepflegten Konversation wurde ich von meinem Gegenüber gebeten, nun auch sein jüngstes Werk mit meiner Meinung zu bedenken.
Ganz wohl war mir dabei nicht. Erstens fällt eine objektive Kritik deutlich schwerer, wenn man zuvor die Gastfreundschaft des Autors genossen hat und zweitens ist mir die Thematik des Jagdhandwerks eher fremd. Abgesehen davon, dass mein Urgroßvater selig in schlechten Zeiten gelegentlich zur Flinte griff und der Familie einen Sonntagsbraten erlegte – eine Tätigkeit die dazumal mit der Injurie „Wilderei“ bedacht wurde – hatte ich mit Schießen, Beizen und Frettieren zeitlebens nichts am Hut.

„Wir Jäger vom Müggelsee“ ist aber ein Buch für Insider. Für Menschen, die zwischen 1950 und 1990 unter jenen Bedingungen, die uns heute immer fremder werden, im Osten Berlins der Jagd und dem Waidwerk verbunden waren.
Es ist ein Buch mit annähernd 400 Schwarzweißaufnahmen, die jedem Vereinsregister zur Ehre gereichten. Auch wenn einige davon doppelt sind, oder zumindest vom gleichen Standort mit minimalen Veränderungen geschossen wurden, geben die Fotos einen Eindruck von der Bandbreite der Menschentypen wieder, die sich in dieser Nische zusammengefunden hatten. Man erkennt da den Typ Volkspolizist wieder, auch den Typ Parteisoldat mit Mappe im Hintergrund. Doch überwiegen Leute, die ein Gemisch zwischen Zufall, Bekanntschaften und Leidenschaft in diese Jagdkollektive geführt hat. Und man sieht einige, denen die Liebe zum Wald und seinen Wesen ins Gesicht gemeiselt steht. Mein Lieblingsfoto ist da ganz eindeutig die Jagdhunde-Züchterin Hannemann auf S. 63. Das Kompliment gilt hier dem Fotografen oder der Fotografin und vor allem dem Leben, das diese Züge formte.

All diese Fotos werden mit Texten und Tabellen verbunden, die natürlich keinen lückenlosen Überblick über die Materie erreichen, aber den Beteiligten Anlass zu Erinnerungen, Freude und Stolz geben werden. Man lernt auch als Nicht-Waidmann ein bisschen von diesen Menschen kennen und kann sich an ihren kleinen und großen Erfolgen mitfreuen.

Leider vermeidet es der Autor peinlich, so etwas wie eine eigene Sicht einzubringen. Fühlt er sich als Zeitzeuge der Materie zu nahe? Möchte er als Sachbuchautor den Geruch einer subjektiven Stellungnahme vermeiden? Ein solcher Standpunkt, der nur manchmal andeutungsweise durchschimmert, fehlt dem Werk zu jener Würze, die über das Interesse der Beteiligten an einer Darstellung der eigenen Geschichte hinausgehen könnte. Die aus Geschichten Geschichte macht. Das Buch versteht sich dagegen allein als zeitgeschichtliche Dokumentation über die Jagdausübung und die gesellschaftlichen Verhältnisse bei den Kollektivjagden in den Wäldern um den Müggelsee in den Jahren zwischen 1949 und 1990.

Nur angedeutet wird dagegen zum Beispiel die sicher sehr interessante Geschichte der Jagdgenossin Ravenhorst, die 1981/82 einen ungeraden 22 Ender zur Strecke brachte (S.30). Der aber diese Jagdtrophäe aberkannt wurde und die dann wegen ihrer diesbezüglichen Beschwerde mündlich von ihrem Jagdleiter gar ein teilweises Jagdverbot ausgesprochen bekam. Erst 1991, nach der Wende also, bekam sie ihre Trophäe endlich wieder zugesprochen.
Was war da geschehen? Hier möchte man mehr erfahren, auch wenn solches Interesse natürlich die Rechte der betreffenden noch lebenden Personen tangiert.

Oder das Zusammenspiel mit den sowjetischen Soldaten und Offizieren, die über ihre rechtlich geordnete Jagdausübung hinaus ganz offensichtlich reichlich gewildert haben. Das wird im Buch öfter und ohne Frage auch ganz deutlich angesprochen. Eindrücklich besonders die Geschichte von Susi, einer zahmen Bache, die sogar aus ihrem Gatter heraus von sowjetischen Militärangehörigen mit einer Schalldämpferpistole erschossen wurde. Andererseits kommt auf Seite 41 ein Horst Sommer zu Wort, der schon eine Überschreitung der Jagdreviere seitens der sowjetischen Militärangehörigen nahezu völlig ausschließt. Kein berichtigender Kommentar dazu seitens des Autors.
Wie sah das Zusammenwirken nun wirklich im Einzelnen aus? Musste nicht davon ausgegangen werden, dass die mit unverbrüchlicher Freundschaft bedachten Herren Offiziere genau jene Wilderer waren oder zumindest deckten und mit ihnen sympathisierten?
Der Widerspruch zwischen den Freundschaften, die mit den sowjetischen Jagdfreunden ja durchaus gepflegt wurden, und dem politisch gedeckten gelegentlichen eigenmächtigen Vorgehen der Sowjets zieht sich bis heute durch die Rückschau der Beteiligten. Es fällt ihnen ganz offensichtlich schwer, beide Seiten gleichzeitig ins Auge zu fassen.

Interessant wäre auch die Frage gewesen, wer und unter welchen Bedingungen überhaupt eine Waffe führen durfte. Auch hier gibt es im Buch Andeutungen, die aber eben nur denen etwas sagen, die damals dabei waren und Bescheid wussten. Durfte jeder – sagen wir mal Ofensetzer – auf Antrag hin eine Jagdwaffe führen?

Eine letzte und doch so andere Konfliktebene wird durch die Fragen im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands und deren Auswirkungen auf die Jagdgenossen angezeigt. Dass da einiges schief lief – auch das wird angedeutet. Aber was waren denn nun speziell die Vorwürfe an die ostdeutschen Jagdkollektive, die zum Beispiel den Funktionär Werner Keil zu der Aussage verleiten, dass man ihnen „Böses nachsage“ (S. 137).
Dass der Autor in Hinblick auf die Bruder- und Schwesternschaft der Ost-Jäger diesen Ausgang bedauert, macht er mit der Wahl seiner Überschrift deutlich. Sein „Halali“ besagt: Jagd vorbei. Doch bleibt dem unkundigen Leser die Auseinandersetzung hinter den Kulissen dunkel. Warum sollte der ostdeutsche Verband zunächst komplett aufgelöst werden? Sollten vielleicht ehemalige Stützen des Systems von der Waffe gebracht werden?
Wenn die Wiedervereinigung auch im Jagdwesen schlecht lief – was hätte man dort anders machen sollen und anders machen können? Werner Keil arbeitet bereits an einem Buch über diesen Zeitabschnitt – vielleicht finden wir die Antworten dort.

Die Zurückhaltung der eigenen Position unseres Autors lässt leider Lücken entstehen, die das Sachbuch fast zu einer Dokumentensammlung verkürzen. Er selbst, Erich Hobusch, bezeichnet die Ansammlung der Fotos in bester Jägersprache als „Strecke“. So nennt man nach einer Jagd die in einer Reihe zur Ansicht und Erinnerung nebeneinander gelegten abgeschossenen Tiere. Gewünscht hätte ich mir aber nicht, dass die Fotos zur Strecke gebracht wurden, sondern, dass ihre Geschichte mit mehr Leben erfüllt wird. Dafür gibt es aber wohl keinen waidmännischen Fachbegriff. Gibt es da keinen weiteren Pfad zwischen Faktensammlung und wertender Geschichten- und Geschichtsschreibung?

Ohne Frage ist das Buch lesens- und betrachtenswert. Für alle, die mit der Gegend, den betreffenden Menschen und den betroffenen Tieren zu tun hatten, ist es Erinnerung und Gewinn zugleich.
Einen weiteren Wert darüber hinaus aber würde es gewinnen, wenn sich der Autor unter Preisgabe seiner mühsam gehaltenen Objektivität zur Veröffentlichung seiner ganz sicher vorhandenen deutlichen Positionen durchringen könnte.
In den Wäldern und Wiesen um sein Gartenhäuschen erzählt man sich, dass er genau an solch einem Buch bereits arbeitet …


Tüchersfeld, den 31.12.2008
Reinhard W. Moosdorf

P.S.:
Das Buch ist leider kaum noch zu beziehen. Signierte Exemplare können über hoherbusch@gmx.de oder über JANA- Jagd + Natur in Melsungen ( Kostenfreie Rufnummer: 0800 228 41 71) bezogen werden.






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