Christopher Hitchens

Widerwort. Eine Verteidigung der kritischen Vernunft

Sach. DVA, 188 Seiten. 19.90 EUR . ISBN: 3421056129

Anleitung zum Unangepasstsein
Christopher  Hitchens: Widerwort. Eine Verteidigung der kritischen Vernunft

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Sir Peter Ustinov wies Tage nach Kriegsbeginn daraufhin: Bei allem Grauen, das Mitte März begann, bestehe auch Hoffnung. Proteste und Kundgebungen gegen den Auswuchs einer neu formulierten Weltordnung wurden weltweit laut, und zwar ohne dass dieser Widerstand von einem oder wenigen geleitet wurde. Er entstand aus sich heraus, kam von der Straße wie von Regierungen. Die Wende in der Weltpolitik, so der Brite, kann demnach einen ganz anderen Verlauf nehmen als es die Familie Bush erwartet. Das Credo jedes Westerns - "Ihr seid mit uns oder gegen uns" - mag immer noch kernig klingen, doch es greift nicht mehr; falls es das je tat. Einstimmig und uniform dafür zu sein, dagegen zu sein, funktioniert nur noch für jene, die glauben, Einstellungen kämen nach wie vor in Paketen, vollgepackt mit Standpunkten zu Industrialisierung, Technologisierung und Gesellschafts- wie Weltordnungen.

Fast einen Ratgeber zum Kritischsein liefert der in Washington DC residierende Brite Christopher Hitchens mit Widerwort - Eine Verteidigung der kritischen Vernunft. Den Umschlag ziert, was im Gestus der Sentenzen widerhallt: eine Faust, die so auf den Tisch haut, dass klare gerade Linien davon wegblitzen. Mit Glossen hat Hitchens in Vanity Fair, The Nation und The Guardian jahrelang Linksliberale und dogmatische Stammleser verschreckt, aber auch provokant und intelligent unterhalten, hier nun also das Manifest seiner Haltung. Wer ihn und seine mit Gift gefüllte Feder nicht kennt, dürfte manches Mal Sinn und Zweck der Anleitung zum Unangepasstsein hinterfragen. Nun, er gefällt sich in der Rolle des Advocatus Diaboli. In Campus-Bars und Cafés bat man ihn nach Vorträgen vielfach, seine Standpunkte zu erörtern, und das macht er hier; im Plauderton, angelehnt an Rilkes Briefe an einen jungen Dichter. So gesehen also etwas pompös, doch der eine Kernsatz seines Selbstverständnisses rechtfertigt die Auseinandersetzung mit seinen Vorstellungen: "Was bei jedem Individuum wirklich zählt, ist nicht das, was jemand denkt, sondern wie jemand denkt."

Zum Rüstzeug für "Dissidenten" nach Hitchens' Geschmack gehört, dass sie den Ballast aller Vorurteile und Ideologien möglichst schnell hinter sich lassen, zudem so viel lesen wie nur irgend möglich. Zur Ermutigung für ein Leben zwischen den Stühlen wird ein Heer an Querdenkern zitiert und erwähnt - Horace, natürlich Zola, Marx, Freud, Russell, Havel, Orwell, auch befreundete Romanciers wie Heller, McEwan und Amis, seltsamerweise Karl R. Popper aber nur ein Mal. Die Feinde des "open-minded" Denkers ortet der Ex-Kommunist Hitchens unter Fürsprechern und Verkündern von Wir-Gefühlen, unter Sektierern und Weltverbesserern, vor allem aber und immer wieder in Religionen. Dass - und wie - Hitchens unermüdlich Sand in die Hirnwindungen der Denkfaulen streut, ist nett, hübsch, immer clever eingefädelt, seine Streitlust erscheint aber auch immer wieder wie der Mann selbst auf dem Umschlag-Foto: Inszeniert, der Kragen hochgeschlagen wie bei Brando, die Filterlose von Sartre, der Blick stechend. Schon schön und sexy, selbstsicher und sarkastisch, auch stilistisch mit vielen Wassern gewaschen - doch für andere Charakteristika bleibt da kaum mehr Platz als in Nebensätzen. Das ist schade, da Hitchens sich ja auch schon mit messerscharfem Urteilsvermögen über manches ausgelassen hat - bereits vor Monaten über die Zwickmühle, in der sich die Türkei bei einer Irak-Offensive befände (Stichwort Kurdistan). Doch in seinem Wettern gegen Gott und die Welt derer, die Gott und Einklang gefunden haben wollen, kommen wenige wirklich neue Einsichten. Eine davon - die doppelte Bedeutung von "discrimination" - bleibt in der Übersetzung (von Joachim Kalka, auf gewohnt hohem Niveau) leider auf der Strecke.

Im deutschen Untertitel klingt zwar Kant mit, doch dessen Kritik der reinen Vernunft scheint dem 54-jährigen Hitchens so wenig vertraut wie der Unterschied zwischen Erkenntnissen a priori und Urteilen a posteriori. Da gerät dann manche Pose zur Posse. Immerhin, den Schönheitsfehler, dass eine Anleitung zum Anderssein in sich widersprüchlich ist, handelt und hakt Hitchens früh ab. Auch deshalb möchte man Widerwort jungen Leuten - quasi statt Führerschein als Ticket auf den Weg ins Leben der Volljährigkeit - nur fast mitgeben: Die Katalogisierungen von Quer- und Vordenkern erschlagen und bleiben oft oberflächlich. Zudem wird, wer belesen genug ist, darunter einige Blindgänger ausmachen. Doch wer sich in Denken, Fühlen und Handeln immer wieder zwischen den Fronten fühlt, für den ist Widerwort immer wieder eine affirmative, je nach Standpunkten auch provokante Lektüre.

© Matthias Penzel, 2004. Original erschien dieser Artikel (erster Teil einer Doppelrezension mit Marcia Pallys Lob der Kritik) in der Frankfurter Rundschau vom 30.04.2003






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