Wolfgang Hilbig

Das Provisorium

Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. ISBN: 3-100-33623-2

Wolfgang  Hilbig: Das Provisorium

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Die lange Ankunft des C.

'Es kam ihm so vor, als sei in den letzten Monaten immer im Kreis herumgefahren. Er konnte sich vorstellen, daß er schon mehrmals hinter- einander auf dieser Tour gewesen war: er kam des Nachts in Nürnberg an, versuchte, mit Hedda zu telefonieren, sie verweigerte sich ihm, und er fuhr, beleidigt, mit dem nächsten Frühzug nach Leipzig... von Leipzig nach Berlin, von Berlin nach Frankfurt, von Frankfurt zurück nach Nürnberg... um am Morgen gleich wieder nach Leipzig zu flüchten, und so fort, und so immer weiter bis zum Ende... bis zu welchem Ende? Bis sein Visum zu Ende war, aufgebraucht, bis sein Provisorium vorbei war (es würde nie vorübergehen), bis er aufhören konnte, Hedda zu lieben, bis er nicht mehr konnte...' Mit diesem Zitat ist schon der Inhalt des neuen Romans von Wolfgang Hilbig umrissen. Der Schriftsteller C. ist auf der Flucht. Wovor flieht er, was treibt ihn um? Wolfgang Hilbig hat mit dem Literaten C. eine Figur geschaffen, die seiner eigenen 'Vergangenheitsbewältigung' dient. Dabei geht er so radikal und schonungslos mit sich ins Gericht, daß dem Leser des öfteren mulmig zumute wird. Das Thema ist, wie im Titel angedeutet, das Provisorium 'Westen'. Ein Schriftsteller kommt Mitte der achtziger Jahre für ein Jahr nach Westdeutschland, ausgestattet mit einem Reisevisum der DDR und einem großzügigen Stipendium der Bundesrepublik. Er hat also die Chance, den Westen kennenzulernen, ohne sich sofort für das Dableiben entscheiden zu müssen. Seine finanzielle Lage ermöglicht es ihm, beliebig oft hin und herzufahren, also richtet er sich im Provisorium ein. Eigentlich müßte ein Mensch mit diesen Möglichkeiten für Glück jauchzen, endlich in warme Länder reisen, fremde Frauen lieben, ungestört schreiben können... Aber C. widerfährt das komplette Gegenteil. Die Ankunftseuphorie ist rasch verflogen. Die gekauften, früher ersehnten Bücher werden nicht einmal ausgepackt, die neue Liebe Hedda wird hingehalten, die alte Liebe in Leipzig vertröstet, das Geld versoffen, Schuld- und Minderwertigkeitskomplexe aufgebaut, die Schreibblockade resignierend gepflegt, Reisen und Lesungen als überflüssige Last empfunden. In Wien oder Paris schließt er sich ins Hotelzimmer ein und brütet vor sich hin. Heimweh beginnt, sich Bahn zu schlagen und die Frau, die ihn liebt, entgleitet ihm. Stationen der nächtlichen Reisen sind vor allem Bahnhöfe mit ihren abgründigen Verkaufsständen, den sie umgebenden Rotlichtvierteln, schmutzige Toiletten und dunkle Zugabteile. Fröstelnd glaubt man, den Fuselgeruch wahrnehmen zu können, der C.' s regennasser Kleidung entströmt. Zu bekannt sind dem Leser die Bilder, die Hilbig aufruft; die traurige Laufbahn der Trunkenbolde sind jedem Stadtmenschen vertraute Randkulisse. Doch so 'ergreifend' geschildert, packt einen förmlich das Grausen bei dieser Lektüre. C. irrlichtert durch deutsche Städte und Städtchen, säuft und stinkt vor sich hin und jammert zum Erbarmen! Wie er stets jeden um sich enttäuscht, an sich selbst zweifelt und sein Versagen analysiert, das ist große Kunst der Darstellung! Das Jahr des Provisoriums ist der zeitliche Fixpunkt des Romans, den Hilbig immer wieder aufnimmt. Die Handlung besteht aus versetzten Episoden der Biographie des C.. Zur Erklärung seiner immanenten Impotenz wird ein Kindheitstrauma in Erinnerung gerufen, das ihm scheinbar jede erotische Beziehung unmöglich macht. Ihm mangelt es an Aufrichtigkeit, die Liebe zu Mona nahm bereits die Schwierigkeiten mit Hedda vorweg. Seine Selbstdefinierung als Autor ist längst nicht abgeschlossen, die Anfänge der Schriftstellerei liegen in den Jahren als Heizer, als Prolet. Die Irrwege eines Intellektuellen im Osten waren letztendlich nur kürzer, nicht komplizierter. Die Maschinerie des Kapitalismus ersetzt dem Schreiber die Fallstricke der proletarisch regierten Literaturproduktion. Politik wird nur am Rande des Rausches wahrgenommen. Die Wende erscheint C. in Kürzeln, kaschiert vom Verschwinden Heddas. Später fährt er wieder nach Leipzig; er erinnert sich, 'wie er auf der letzten Buchmesse in Leipzig, die er besucht hatte - der letzten zu DDR-Zeiten, derjenigen im Jahr der deutschen Wiedervereinigung- plötzlich von Ekelgefühlen geschüttelt wurde und aus dem Messehaus entflohen war; das Schriftzeug der Journalisten, der Dissidenten und Berufsopfer machte Furore und wurde gefeiert; die Bücher der richtigen Schriftsteller wurden nicht mehr geklaut, sie glotzten einsam und dumm aus den Regalen, auf ihr ehemaliges Publikum.' In Hilbigs erfrischendem Sarkasmus erkennt man den Autor, der überlebt hat. Die Figur C., die autobiographische Züge Hilbigs trägt, hätte in der Konsequenz dieser Geschichte nicht weiterleben können. Wolfgang Hilbig, 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geboren, übersiedelte 1985 in die Bundesrepublik. Neben einigen Gedichtbänden erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag seine Romane Eine Übertragung und Ich. Hat Hilbig in Ich noch eine fiktive Biographie (die eines Stasispitzels) geschrieben, so stellt er jetzt die verfremdete eigene vor, die er mit Strindbergs Motto überschreibt; 'Um meine Werke schreiben zu können, habe ich meine Biographie, meine Person geopfert. Ich habe nämlich schon früh den Eindruck gehabt, mein Leben sei für mich in Szene gesetzt, damit ich es von allen Seiten sehen solle. Das versöhnte mich mit dem Unglück, und es lehrte mich, mich selbst als Objekt aufzufassen.'

Anne Hahn






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