Alban Herbst

Thetis. Anderswelt

Bestseller. Rowohlt, Reinbek. ISBN: 3-498-02943-6

Alban  Herbst: Thetis. Anderswelt

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DieQualität einer Stadt und also die der Aufzeichnungen über sie mißt sich ander Beschaffenheit ihrer Gehsteige Fahrbahnen, an Unebenheiten hohem undniederem Trottoir. Ist dieses, wie im Westen, uniform aufs Marktniveaugebracht, so ist die Stadt selbst nur Äquivalenz und sind es ihre Bewohner. Damitalle Fantasie perdu. Ich aber will, daß Raum fürs Ungeheure bleibe.

Mit diesem Programm beginnt Alban Nikolai Herbstseinen neuen Neunhundert-Seiten-Roman. Dessen eigentlicher Protagonist istdie Stadt - aber was für eine! Ein Puzzle aus den großen Städten der Welt, wodie Gehsteige noch leben und Geschichte haben, wo der Spreekanal in dieThemse fließt und die Friedrichstraße an der Grenze Venedigs liegt. Sie istdie Großstadt schlechthin, Buenos Aires genannt, deren Matrix aber, mag auchZeit und Raum verschwimmen, doch ganz eindeutig Berlin ist, der Dialekt, dieU-Bahn und die Kneipen, der Prenzlauer Berg, die am Potsdamer Platz aus Baugrubenhochschießenden Glaspaläste. Im Cafe Silberstein sitzend, mit einem Liter Rotweinim Leib, findet der Erzähler hier in Berlin noch den Raum fürs Ungeheure. Nachtlack.Geblitz Venezianerinnen Wimpern. Eine Bordsteinschwalbe sprach ihn an. Erhörte aber nicht, jedenfalls schritt er weiter über Trottoir LandschaftenLänder Geschichten.

Langsam gleitet der Erzähler vom Ich in die Figurdes Hans Deters, den Herbst-Leser schon aus früheren Werken kennen, und aus einerohnehin schon diffusen Jetztzeit in die Anderswelt hinein, wo die ZeitSchleifen schlägt und der Raum zerläuft und alles möglich ist oder auchnicht. Da gibt es noch Vertrautes wie Siemens und Ikea oder auch Taxi und Telefon,doch die Wände simulieren nur und ribbeln sich auf wie Gestricktes, und beiden Leuten, die da herumlaufen, kann man nie sicher sein, ob es nichtHolomorfe sind, körperlose Wesen, an deren Dateien gerade einer herumspielt.Europa, nach einer Ökokatastrophe vom wütenden Thetismeer bedroht, ist durcheine Mauer zweigeteilt; der Westen eine künstliche Paradieswelt, der Osteneine trostlos verheerte und verseuchte Landschaft. Es gibt einen Präsidentenin der Zentralstadt, der am Ende, zu Spielzeuggröße geschrumpft, in einemFallerhäuschen vegetiert. Die eigentliche Macht liegt beim Tycoon Ungefugger,der soeben dabei ist, nach der Exekutive nun auch die Nation als Ganzes zuprivatisieren. Die Benachteiligten im Osten leben schlimmer als die Tiere undrotten sich immer wieder zu kleinen aber blutigen Revolten zusammen. Schänder,Frauenhorden und Hundsgötter treiben ihr Unwesen mit blutrünstigen, in allenwiderlichen Einzelheiten beschriebenen Kulten.

Immer wieder wird das ausufernde Epos zum ErzählerHans Deters in seiner Kneipe rückgekoppelt, aus dessen Hirn es ja entspringt.Ein Psychiatrieaufenthalt wird erwähnt und deutet Nähe zur Verrücktheit an. Detersbewegt sich übergangslos von einer Imaginationsebene zur andern, phantasiertMenschen seiner Umgebung in die Anderswelt und umgekehrt, spricht mit seinenFiguren und wird von ihnen bedroht, weil sich die Dinge nach seinem und gegenihren Willen entwickeln. Über das Wort wirklich kann Deters nurlächeln. Alles ist simuliert.

Die Fiktion in der Fiktion, das intellektuelle Spielmit den verschiedenen Ebenen der Imagination, das ist durchaus Science-Fiction-Standardund keineswegs neu, aber doch mit großer Souveränität gehandhabt. Diese Spielist der Angelpunkt des Romans, die eigentliche Handlungsebene; der äußere Fortgangist eher wirr und ziellos ausgefranst und in Zeitschleifen jederzeitrückholbar. Es scheint dem Autor gar nicht darum zu gehen, eine geschlossene,in sich logische Anderswelt aufzubauen. Es werden eher Science-Fiction-Versatzstückehergezeigt, wie sie in der unterirdischen unterseelischen Flut des Erzählerhirnsherumschwimmen.

Dort schwimmen auch Mythen aller Art herum, vor allemHomers Ilias, und werden mit den SF-Ingredienzien vermischt. Es gibt leibhaftigeMyrmidonen und Achäer, Poseidon tritt auf, dazu Achilles, der Sohn derThetis, der sich bei Gefahr in Frauenkleider flüchtet, und natürlich der listigeund ständig erzählende Odysseus. Die mythischen Elemente fordern zur Sinnsucheheraus, allerdings vergeblich, ein Sinn ist nicht zu entdecken. Sie könntenein Mittel zur weltgeschichtlichen Überhöhung des Dargestellten sein, manchePassagen im Roman legen diese Deutung nahe. Doch kann man bei Herbst nie ganzsicher sein, was wirklich ernst gemeint ist. Während man einen großen, kosmischausgreifenden Zukunftsroman zu lesen glaubt, liest man vielleicht gerade die Parodiedarauf.

Der Leserdieses so dickleibigen wie ambitionierten Werkes braucht einen langen Atemund Lust am Spiel mit der Illusion. Er wird belohnt durch eine enorm variableSprache und eine raffiniert doppelbödige Darstellung der Stadt Berlin inihrer rasanten Veränderung, die man als Kampf gegen phantasiezerstörende Nivellierung,aber durchaus auch als amüsante Satire lesen kann.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: StuttgarterZeitung)






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