Kerstin Hensel

Gipshut

Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, ISBN: 3-378-00618-8

Kerstin  Hensel: Gipshut

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Den Palast wegpusten Es war einmal ein dummes Mädchen, das schwanger wurde und es nicht bemerkte. Als es Bauchweh bekam, fuhr es mit dem Rad an einen See. Die sechzehnjährige Veronika Dankschön ging, von plötzlicher Übelkeit befallen, im Siethener See baden und - gebar das Kind im Wasser; ‚mit der letzten Schmerzwoge rutschte das Kind aus Veronika heraus. Sie griff unter sich, faßte, was da zwischen ihr und dem Neugeborenen hing; die spiralig gedrehte Schnur faßte sie, wie man einen Strick zum Abbinden eines Korbes faßt, riß, drehte, zwirbelte sie, half mit den Fingernägeln schneidend nach, bis die Schnur nachgab und das Kind abgenabelt, mit Hilfe der Mutter, auftauchen konnte... Sie wußte nicht, was sie tat; aber sie wußte, was sie tun mußte. Ruhig trieb das Kind neben ihr.' Auf diese Weise erblickt der Held des Romans, Hans Kielkropf, im August 1950 das Licht der Welt. Als Kind schon hält er Reden und sammelt Zeitungen, denen er markige Sprüche entnimmt. ‚Als er in die Schule kam, teilte er die Kinder in gute und böse ein. Gute waren, die seinen Reden beifallgebend lauschten; böse diejenigen, welche feige schwiegen oder in aller Öffentlichkeit sich lustig machten.' In der Erweiterten Oberschule wählt man ihn zum FDJ- Gruppenleiter. ‚In einer Jugendstunde, bei Keks und Milch, erklärte ihn der Lehrer zum Tagebuchführer und überreichte ihm das Buch. Hans spürte, wie Freude von Kopf bis zu den Schuhsohlen aufwärts stieg und in seinem Kopf von innen einen Druck erzeugte.' Unreflektiert nimmt Hans alles für bare Münze, was die sozialistische Gesellschaft ihm vorgibt. Als an seinem 18. Geburtstag russische Panzer durch Prag rollen, verfaßt er ein Schreiben, ‚in dem stand, daß er, Hans Kielkropf aus Nudow, das Vorgehen der sowjetischen Truppen in der CSSR uneingeschränkt begrüßte.' Eifrig beginnt er sein Journalistikstudium in Leipzig und kandidiert schon am Ende des zweiten Semesters für die Partei. Hans Kielkropf schließt das Studium mit sehr gut ab. Er bekommt eine Stelle als Redakteur in der Leipziger Volkszeitung und wohnt im Arbeiterneubauviertel,... erhielt einen Posten als stellvertretender Kassenwart der Wohnparteigruppe Grünau, ließ sich zeitweise einen Schnauzbart stehen, war auf ein Jahr Hausvertrauensmann, schrieb Artikel über die ökonomische Strategie der siebziger Jahre, redigierte Reportagen aus der Sowjetunion... So weit, so gut. Die Biographie des Helden ist locker beschrieben, doch Sympathie will mit keiner der Figuren aufkommen. Kerstin Hensel setzt die einfältige Mutter Veronika gegen den auf höherer Ebene einfältigen Sohn, der nicht gelernt hat, zwischen den Zeilen zu lesen. Eine linientreue Erziehung führt in diesem Falle zur Lebensuntüchtigkeit. Aber auch Mitleid mit dem Mutter/ Sohn- Paar stellt sich nicht ein, zu beflissen entwickelt jeder seine Trugbilder zur Alltagsbewältigung. Es wundert nicht, daß die zwei unter die Räder der Geschichte kommen. Die Mutter stiehlt sich davon. Ein paar Wochen vor dem Mauerfall erhängt sie sich, während der tumbe, nicht mehr junge Sohn eine Reportage über das staatliche Universalmagazin Moskaus schreibt. Hat er die DDR wie ein tapferer Soldat Schweijk blindlings durchstolpert, so nimmt er auch die Wende und die darauf folgenden Veränderungen nur bedingt wahr. ‚Inzwischen bewohnt Hans Kielkropf ein Zimmer im Berliner Neubaugebiet Hellersdorf: 15 Quadratmeter, mit einer durch eine Gipswand abgetrennten Kochnische... Die erste Zeit seiner Arbeitslosigkeit sprach Hans kein Wort. Schweigend füllte er irgendwelche Formulare aus, schweigend ging er zum Arbeitsamt, um sich zu melden, schweigend saß er abends auf dem braunen Sitzelement.' Als Hans Kielkropf sein Schweigen bricht, bekommt er prompt eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, er wird Wächter im Palast der Republik. Hier schließt sich nun der von der Autorin geschaffene Kreis. Von Beginn an hat sie eine Rahmengeschichte um die Handlung gebastelt; ein deutsch-deutsches Geologenteam sucht 1996 am Siethener See nach den Resten eines erloschenen Vulkans und erlebt dabei psychedelische Szenen. Die Spur des Vulkans führt sie nach Berlin, während Hans seine Abenteuer bestreitet. Dort treffen sie im Palast der Republik aufeinander, wo nun zum Entsetzen des Lesers der unterirdische Vulkan entdeckt wird. Schade, hier gerät der Roman aus den Fugen. Als hätte die Autorin dem Säuseln einer unauffälligen Biographie ein krachendes Ende nachsetzen müssen. Dessen hätte es nicht bedurft. Nicht nur, daß Hans von einem bösen Krebs geheilt wird und das Stadtschloß inzwischen aufersteht, Kerstin Hensel will es am Ende allen so richtig zeigen und läßt Hans mit der Brechstange eine Rißstelle im Schloßfundament erweitern, aus der Gas ausströmt...

Anne Hahn






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