Christoph Hein

Von allem Anfang an

Bestseller. Aufbau Verlag,

Christoph  Hein: Von allem Anfang an

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Und wieder wird einer aus dem Paradies vertrieben. Daniel, dreizehn Jahre alt, verläßt den kindlichen Stand der Unschuld und betritt den Pfad der Erkenntnis. Er entdeckt die Sexualität, er entdeckt die Mädchen und den eigenen Körper. Zugleich wird ihm das elterliche Pfarrhaus eng, dessen Grundsätze fragwürdig, die Kleinstadt, in der er lebt, fade. Er will ausbrechen aus allem und hat doch Angst vor dem Neuen, er tappt und tastet in unsicherer Erregung. Noch ist er aus dem Leben der Erwachsenen ausgeschlossen, er belauscht, beobachtet sie, ohne ganz zu begreifen: den älteren Freund Jochen mit dem nackten Mädchen am Russensee, die Geographielehrerin im Wagen des Zirkusartisten. Was heißt das, wenn einer schwul ist? Warum redet die Mutter ein halbes Jahr lang nicht mit dem Vater? Daniel steht auf der Schwelle.

Von allem Anfang an nennt Christoph Hein sein neues Buch, das von einigen Monaten aus Daniels Zeit der Unruhe Bericht gibt. Der Erzähler hat, wie jeder andere auch, Probleme mit seinem Erinnerungsprozeß - merkwürdige Lücken, ein regelrechter Mottenfraß­­. Trotzdem hat er nun einfach zu erzählen begonnen und will versuchen, die Lücken zu füllen mit dem, was ich erlebt, und mit dem, was ich gesehen, aber nicht verstanden habe. Mit dem, was ich gehört habe, aber was mir nicht erzählt wurde. Und mit dem, was vor meinen Augen geschah und was ich dennoch nicht sah. Damals. Es wird also aus der Perspektive des dreizehnjährigen Daniel erzählt, sehr genau, mit allen Reizen der beschränkten Sichtweise. Die Übereinstimmungen zwischen Daniels und Christoph Heins Werdegang liegen auf der Hand - die Übersiedlung der Familie aus Schlesien in eine Kleinstadt der DDR, die kinderreiche Pfarrersfamilie, die Schwierigkeiten des Vaters mit Staat und Partei, die schauspielerische Begabung des Heranwachsenden, der Besuch eines Gymnasiums in Westberlin. Es wäre allerdings zwecklos, einen Schriftsteller auf Trennung von Dichtung und Wahrheit festlegen zu wollen. Auf jeden Fall läßt der Autor, der sonst gern kühle Distanz zu seinen Figuren hält, hier deutlich warme Nähe spüren.

Die bestimmenden Koordinaten dieser Jugend sind das DDR-System der fünfziger Jahre und das protestantische Pfarrhaus (das offensichtlich überall die gleichen Komponenten aufweist, die Rezensentin kann selber ein Lied davon singen: die unausweichliche Güte und Autorität des Vaters, die an Weihnachten das Singen und Beten vor das Auspacken der Geschenke setzt, der gefürchtete Sonntagmorgen mit Kirchgang, die kratzigen Strümpfe mit Gummibändern ans Leibchen geknöpft). Von Anfang an steht Daniel in der Spannung widersprüchlicher Werte. Der Vater wird von Lehrern und Mitschülern als Pfaffe verachtet, der Großvater als Gutsverwalter entlassen, weil er der Partei nicht beitreten will. Die Partei ist der Bestimmer. Schon durchs Elternhaus wird Daniel zum Außenseiter, ein politisch unreifer Schüler ohne feste Weltanschauung. Der Vater, der sonst immer auf die Wahrheit setzt, lügt bei einer Polizeikontrolle in Ostberlin. Eine Nachrichten-Leuchtschrift in Westberlin zum Ungarnaufstand 1956 stellt das in der Schule gelehrte Bild auf den Kopf. Am meisten beeindruckt Daniel, wie unberührt von den schrecklichen Meldungen die Westler im Café zu sitzen in der Lage sind.

Die politischen Erfahrungen sind nicht weniger verwirrend als die sexuellen. Am Ende bleiben unangefochten nur die Weisheiten der Tante Magdalena: wer heute immer noch von Vaterland und heldenhaftem Kampf daherredet, verdient eine Ohrfeige. Und: Man muß dem Leben ins Gesicht sehen und sich auch manchmal mit dem Zweitschönsten zufrieden geben.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Stuttgarter Zeitung)






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