Lukas Hartmann

Die Frau im Pelz. Leben und Tod der Carmen Mory

Bestseller. Nagel und Kimche, Zürich. ISBN: 3-312-00250-8

Lukas  Hartmann: Die Frau im Pelz. Leben und Tod der Carmen Mory

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Stiefel, Koppelschloß, Schnauzbart, Gebrüll. Himmler, Mengele, Eichmann, Höß. Die Bestialität von Endlösung und KZ wird fast ausschließlich als Männeruntat dar- und vorgestellt. Die Rolle der Frauen in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis ist immer noch mit einem Tabu belegt.

Die „Frau im Pelz“ in Lukas Hartmanns neuem Buch ist Carmen Mory, Häftling und Blockälteste im Frauen-KZ Ravensbrück, 1947 von den Briten in Hamburg zum Tode verurteilt. Sie ist Schweizerin, begabte Tochter eines Arztes in Adelboden. Ihr Wunsch, Sängerin zu werden, wird durch eine Mandeloperation zunichte gemacht. Als Journalistin gerät sie im Berlin der dreißiger Jahre in Nazi- und Gestapokreise und verstrickt sich in gefährliche Abhängigkeit. In Paris wird sie 1940 als deutsche Agentin zum Tode verurteilt, kommt aber frei als Doppelagentin, um dann in Berlin erneut von der Gestapo angeworben zu werden. Ein Fluchtversuch bringt sie ins KZ Ravensbrück, wo sie in der Position der Blockältesten Macht über Leben und Tod der anderen Häftlinge gewinnt. 

Was über ihr Leben aktenkundig ist, erfahren wir aus der Sicht des Schweizer Konsuls in Hamburg, dessen Unterstützung sie für den Prozeß anfordert. Für die Schweiz, die soeben dabei ist, sich das Vertrauen der Alliierten zurückzukaufen, kommt der Fall sehr ungelegen. Der Konsul besucht die Angeklagte im Gefängnis und sitzt auch während der Gerichtsverhandlung im Saal. Durch seine Augen sehen wir eine selbstbewußte Frau, fordernd bis zur Arroganz, schön trotz Krankheit und Haft, mit exotisch dunklem Teint, ein Erbe der philippinischen Großmutter. Eine Grande Dame, die den großen Auftritt sucht, rätselhaft wie Mata Hari. Zwischendurch erscheint das hilflose Kind in ihr, sie fällt von einem Extrem ins andere. Eine Abenteurerin, eine Opportunistin, die sich immer den jeweiligen Siegern angepaßt hat. Die Zeugenaussagen ergeben ein äußerst widersprüchliches Bild der meistgefürchteten Frau in Ravensbrück -  hat sie ihren Einfluß genutzt, um anderen zu helfen, oder hat sie zum eigenen Vorteil mit den Mördern kollaboriert? Carmen Mory hat so verschiedene Gesichter wie die Wahrheit. 

Ihr Fall bedeutet für den Konsul Arbeit und lästige diplomatische Verwicklungen mit den Briten, das Leben im zerbombten Hamburg ist schwer genug, der Winter von extremer Kälte. Trotzdem verfällt er sehr bald ihrer Faszination, will die Frau beschützen, die von der Presse als prügelndes Monster vorverurteilt wird. In einem Wechselbad der Gefühle schmilzt die diplomatische Distanz dahin. Zu Weihnachten fährt er nach Hause. Das vom Krieg nicht gezeichnete Bern scheint so flach und fad wie seine Frau Adele. Im Frühjahr 1947 nimmt sich Carmen Mory, der Hinrichtung zuvorkommend, das Leben. Der Konsul ahnt, daß sie ihn an jedem schlechten Tag seines künftigen Lebens heimsuchen würde.

Lukas Hartmann nennt sein Buch einen biographischen Roman. Der Mory-Prozeß ist sorgfältig recherchiert, Protokolle und andere Quellen sind im Anhang aufgeführt. Auf einer zweiten Erzählebene, im Rückblick, rekonstruiert der Erzähler, einfühlend und durchaus mit Sympathie, den inneren Werdegang der Carmen Mory. Er füllt die historischen Fakten mit einer Lebensgeschichte, die er mit einem gelegentlichen vielleicht oder stelle ich mir vor als seine Vermutung kennzeichnet: eine Familie voll böser Geheimnisse, wo man die wirklichen Gefühle am besten fest in einem Sack verschnürt (sie weiß, daß sie etwas haßt, aber was denn, wen?), das junge Mädchen getrieben von dem Wunsch, sich aus der Menge herauszuheben dorthin, wo die Auserwählten sind. Der Pelzmantel ist das Leitmotiv, schützende Verhüllung für die Mantelfrau, nach außen der Glanz. Hitler und die NSDAP bieten ihr die Chance, aufzusteigen, bei den Helden zu sein. Ein Wunsch, den sie mit vielen teilt, sie ist kein Ausnahmefall, auch nicht in der Gewandtheit, mit der sie sich immer wieder auf die Seite der Sieger stellt.

Der Rückblick ist im Präsens erzählt, mit dem Effekt, daß uns die Innenentwicklung dieser eigenartigen Frau näher erscheint als der äußere Ablauf des Prozesses 1946/7. Im Lauf der Lektüre nähern sich die Zeitebenen an, mit steigender Spannung. Wir kennen Carmen Mory jetzt vor und nach den Jahren im KZ. Was geschah dort wirklich? Wird die Wahrheit sich mit unserem Bild vertragen? Ravensbrück ist auch für den Erzähler eine Schwelle, wo die Vorstellungskraft versagt, da würde er manche Seite gern leer lassen oder vom Computer löschen. Zudem ist die Imagination durch Filmbilder, etwa von Schindlers Liste, besetzt. Es gelingt ihm aber, die alten Fragen mit neuer Eindringlichkeit zu stellen: was heißt Schuld an einem Ort, wo man ums nackte Überleben kämpft? Wer kann da unschuldig bleiben? Wie leicht ist es doch, Verschontheit mit Schuldlosigkeit zu verwechseln.

Die _Frau im Pelz_ erinnert an die Hanna in Bernhard Schlinks Der Vorleser; auch Hanna steht als KZ-Verbrecherin vor Gericht und stürzt ihren jugendlichen Freund in quälenden Zwiespalt. Beidem wollte ich mich stellen: dem Verstehen und dem Verurteilen. Aber beides ging nicht. Für beide Männer lösen sich die Mauern zwischen Gut und Böse auf und geben die Abgründe frei, die in jedem Menschen lauern.

Lukas Hartmann hat einen sehr überzeugenden Weg gefunden, sich dem schwierigen Thema zu nähern, in einer kunstvollen Balance von Objektivität und Einfühlung. Seine Sprache hat eine angenehme Sachlichkeit, die die Dinge benennt, ohne ihnen das Geheimnis oder auch den Schrecken zu nehmen. Die Bilder sind sparsam, aber gezielt und eindrucksvoll gesetzt. Wie in seinem letzten Roman Der Konvoi entwirft er wie nebenbei um den Einzelfall den historischen Raum einer Umbruchsepoche, damals nach dem Ersten, diesmal nach dem Zweiten Weltkrieg, einer Zeit der Auflösung aller Gewißheiten, der Stunde Null, wo graue Menschen in grauen Trümmern vor leeren Läden Schlange stehen und nicht das geringste Interesse daran haben, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen.

Dem Buch liegt ein handgeschriebener Lebenslauf der Carmen Mory bei, als Faksimile. Der letzte Eintrag: 3 Febr. 1947 Zum Tode verurteilt. Grund?

Eva Leipprand






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