Lukas Hartmann

Der Konvoi

Bestseller. Nagel und Kimche, Zürich. ISBN: 3-312-00228-1

Lukas  Hartmann: Der Konvoi

Dieses Buch Freunden weiterempfehlen.

Dieses Buch kaufen bei Amazon.de

Buy Lukas Hartmann: Der Konvoi at Amazon.com (USA)

Weitere Buchbesprechungen bei Amazon.de.

November 1918. Der Krieg ist verloren, die Republik ausgerufen, Deutschland am Rand der Anarchie, Arbeiter- und Soldatenräte erheben Anspruch auf die Macht. Die Unruhe greiftt auch auf die benachbarte Schweiz über, die vom Krieg selbst verschont geblieben ist. Da man in den Bolschewiken die Drahtzieher von Streik und Aufruhr vermutet, wird die sowjetische Gesandtschaft aus Bern ausgewiesen und soll, unter militärischer Bewachung, in einem Autokonvoi zur deutschen Grenze gebracht werden.

   Diese drei Tage währende Episode zeichnet Lukas Hartmann in seinem neuen Roman nach. Einfach ist der Auftrag nicht, den der schneidige Leutnant de Weck zu erfüllen hat. Erst verliert man einen Wagen des Konvois, dann bricht ein Fahrer mit allen Zeichen der Spanischen Grippe über seinem Steuer zusammen. Mitten in der Nacht muß Benzin bei einem widerwilligen Depotbesitzer requiriert werden. Die Russen, empört über die Ausweisung, betonen ihren Diplomatenstatus und gießen mit maliziöser Arroganz ihren Spott aus über die spießbürgerliche kleine Schweiz und das verkrampfte Bemühen des Leutnants, seine Aufgabe mit Hilfe militärischer Disziplin zu lösen. Gerüchten zufolge ergreifen soeben die Roten die Macht im Land. Niemand weiß mehr genau, welches Reglement gilt. Beim Frühstück im Gasthaus muß der Leutnant seine Russen gegen aufgebrachte Bauern verteidigen. Die Fronten sind aufgelöst, die Ordnung zerfließt. Im Wagen rücken Bewacher und Bewachte zusammen. Die Fahrt, obwohl genau auf drei Tage datiert, scheint unendlich. Sie geht zwar nur von Bern nach Kreuzlingen; trotzdem verirrt man sich hoffnungslos im sumpfigen Wald.

   Der junge Dorfschullehrer Samuel, als kleiner Füsilier zum Bewachen eines der Autos abkommandiert, erfährt diese Reise als aufwühlende Erschütterung. Kaum je ist er bisher aus seinem Dorf herausgekommen. Auf der Fahrt durch die Nacht scheint nun alles möglich, das Nie-Gehabte, Nie-Gesehene. Die Schlaglöcher senden Stöße durch seinen Rücken, als klopfe die Welt draußen bei ihm an. Die Nähe zu den Revolutionären bringt sein katholisch gefestigtes Seelenfundament ins Wanken, das allerdings schon durch den Krieg selbst Risse bekommen hat. Wenn Gott die massenweise Verstümmelung seiner Ebenbilder zuläßt, dann kann die stärkste Gegenkraft zum Krieg nicht die Liebe Gottes, sondern jene der Menschen sein, vielleicht sogar die der Bolschewiken, die das Paradies auf Erden errichten wollen.

   Trotz der Enge seiner Herkunft zeigt sich Samuel zur Verunsicherung bereit. Er ist auf der Suche, nicht nach unanfechtbaren Wahrheiten, sondern nach vielstimmigen Klängen. Solche Klänge glaubt er in der Liebe zu finden, in der Liebe zu der schönen Russin Helene. Für das gemeinsame Leben mit ihr würde er alles auf Spiel setzen. Helene aber denkt nicht daran, die Politik für die Liebe aufzugeben, außerdem wartet in Rußland ihr Mann. Samuel war nur eine kleine Episode für sie. 

   Mit großem Können entwickelt Hartmann sein Thema auf den verschiedenen Ebenen des Romans, der allgemeinen und der individuellen. Zusammenbruch, Revolte, Chaos; dann der Aufbruch ins Neue, Unbekannte. Der November 1918, das jähe, gewaltsame Ende einer Epoche, ist hervorragend gewählt. Jetzt ist die Welt wieder jung!, jubeln die Bolschewiken und machen sich an den Aufbau einer neuen Gesellschaft. Die Ideale taugen aber nur so viel wie die Menschen selber, das lernt Samuel aus der bitteren Erfahrung mit Helene. Seine Enttäuschung nimmt schon das Scheitern des kommunistischen Paradieses vorweg. Helene reist nach Rußland, um für alle Menschen ein Leben in Würde zu schaffen; Samuels Würde aber achtet sie nicht.

   Der Konvoi ist eine wunderbar verhaltene Liebesgeschichte. Helene und Samuel nebeneinander im Auto, ein wortloses Verflechten der Hände, viel mehr geschieht nicht. In ihrer merkwürdigen Lage kann die Begegnung nur versteckt und flüchtig sein. Aber auch als historische Erzählung ist das Buch gelungen. Mit wenigen Details - die altmodischen Autos, die Karbidlampen - wird die Epoche in Szene gesetzt. Im Prolog begegnen sich zwei Lazarettzüge mit Franzosen und Deutschen, die einander zu Krüppeln geschossen hatten, auf neutralem Schweizer Boden. Grußworte gehen zwischen den Verstümmelten hin und her. Auf zweieinhalb Seiten enthüllt sich der ganze Wahnsinn des Krieges. Ob es den Menschen gelingt, einander etwas zu bedeuten, das ist das einzige, was zählt.

Eva Leipprand






Bücher neu und gebraucht
bei amazon.de

Suchbegriff:


eBay


Bücher gebraucht oder neu bei booklooker.de
Autor:
Titel:
neu
gebraucht

Ihr Kauf bei unseren Shop-Partnern sichert das Bestehen dieses Angebotes.

Danke.


Weitere Titel von und Rezensionen zu Lukas Hartmann
Weitere Rezensionen in der Kategorie: Bestseller  



Partner-Shop: Amazon.de

Der Konvoi Amazon.de-Shop
Lukas Hartmann: Der Konvoi

Partner-Shop: Amazon.com (USA)

Buy Lukas Hartmann: Der Konvoi at Amazon.com (USA)

carpe librum ist ein Projekt von carpe.com  und © by Sabine und Oliver Gassner, 1998ff.

Das © der Texte liegt bei den Rezensenten.   -   Wir vermitteln Texte in ihrem Auftrag.   -   librum @ carpe.com

Impressum  --  Internet-Programmierung: Martin Hönninger, Karlsruhe  --  19.06.2012