Peter Handke

Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten.

Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. ISBN: 3-518-40608-6

Peter  Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten.

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Wie von der Welt erzählen? Wie von einer ganzen Welt erzählen, wenn doch längst das Chaos den Kosmos zertrümmert hat? Was muß geordnet, aufgefächert, durchlüftet werden, bevor überhaupt das Feld der Geschichten bestellt werden kann? "Bin ich denn in meinem Schreiberleben jemals hinausgekommen über solche Vorgeschichten? Seit je fühlte ich eine große Geschichte in mir, und sooft ich die Vorgeschichte erzählt hatte, war auch schon das Buch zu Ende", räumt Gregor Keuschnig, Erzähler des neuen Buchs von Peter Handke, ein, und wie dem Erzähler ist es seinem Autor, der ihm so bedenklich ähnlich ist, nicht selten ergangen. Die Vorgeschichte jedenfalls, die Vorgeschichten nehmen auch in diesem "Märchen aus den neuen Zeiten", das in der nächsten Zukunft, im Jahr 1997, angesiedelt ist, viel Raum ein. So viel, daß dem Leser erst am Ende klar wird, wie sehr die Vorgeschichte schon die Geschichte gewesen ist.
Und wem erzählen? "An eine Gemeinschaft der Verstreuten glaubte ich nur in einer Zwischenzeit." Zerwürfnisse sind dem "Jahr in der Niemandsbucht" voraufgegangen, nicht nur Kriege und Katastrophen. Verloren ist alle Gemeinschaft, mit Frau, Kind, Freunden, Lesern. "Wie die Russen des neunzehnten Jahrhunderts, dann wie die Amerikaner in der ersten Hälfte des zwanzigsten" will Gregor Keuschnig nicht schreiben. Das ehrt ihn in Zeiten wie diesen, da, wie er beobachtet hat, kein Erzähler mehr verlangt wird, sondern ein "Conférencier". Auch das muß zunächst geklärt sein; und knapp die Hälfte des tausendseitigen Buchs braucht der Erzähler, um sich mit den Fragen "Wer? Wer nicht?" und "Wo? Wo nicht?" an die Gegenstände eines vielleicht doch noch möglichen Erzählens heranzutasten: "Mein Weitausholen, Ins-Stocken-Geraten, Neuansetzen ist mir recht. Wenn ich ein Stammler bin, so ein selbstbewußter."
Wer also nicht? Die "Gesellschaft", deren Schichtungen Keuschnig als Jurist vollständig kennengelernt hat, hat keine Vollständigkeit mehr, und die Schicksale einzelner, auf dem Weg schließlich verlorener Gefährten sind miteinander nicht zu verknüpfen. Keine Ganzheit, keine Welt, kein Kosmos. Aber die Geschichten der sieben ausgewählten Freunde, die ein Jahr lang auf Reisen sind.
Und wo nicht? Die "fernsten Ausländer", die Keuschnig im diplomatischen Dienst bereist und bewohnt hat, haben ihr Leuchten verloren, die Metropolen hat er als "chimärisch" erkannt. Aber die Weltfremdheit der Vorstadt in der Wälderbucht westlich von Paris soll es sein.
Die Chronik eines Jahres will der Schriftsteller verfertigen, der sich da in das Niemandsland der Seine-Höhen zurückgezogen hat. Die Chronik eines Jahres in einem Ort, in dem nichts geschieht außer den jahreszeitlichen Veränderungen der Naturdinge, den mählichen Verschiebungen im Umkreis der menschlichen Behausungen - und dem Schreiben des Erzählers, der seinen Schreibort findet und endlich auch die Schreibart, von der, auch dies Teil der Vorgeschichte, die Rede war: "Denn ich wünsche mir mehr denn je, auf- Den Boden bereiten
gehen zu können in einem fraglosen, nichts als (. . .) mitvibrierenden Dahinerzählen."
Bis es soweit ist, bis schließlich das Jahr, das Jahrzehnt und der letzte Tag in der Niemandsbucht nachgetragen werden, will der Erzählboden bereitet sein - Gregor Keuschnigs Bio-Bibliographie, die stark an die Peter Handkes erinnert, sein deutsch-österreichisch zwiegespaltenes Herkommen, seine Erfahrungen mit Grenzlandschaften und Übergängen, seine Aufenthalte in Europa, Asien, Amerika, seine Poetik, seine "Verwandlung" im Schreiben und die Sehnsucht danach werden, im wiederholten "Neuansetzen", ausgebreitet. Ebenso die Begegnungen mit den Menschen, die ihm zu Figuren werden sollen. Einmal nämlich sollte es anders sein als in den anderen Büchern, die den Erzähler selbst zum Helden hatten: "Aber diese Geschichte soll von mir nur unter anderem handeln", und: "die Helden sollten die anderen sein".
Doch die Helden, die sieben Freunde - Sänger, Leser, Maler, Freundin, Zimmermann, Priester und Sohn -, werden keine; sie bleiben Spiegelungen des Erzählers, bestenfalls Ausstülpungen des Erzähler-Ichs. Und die Länder, die sie bereisen - Kastilien, Kärnten, Schottland, Deutschland, Jugoslawien, Japan, die Türkei -, werden nicht zum Bild der äußeren Welt. Das Erzählen von Welt und Helden gelingt nicht, jedenfalls nicht in der Manier der Conférence. Die zum guten Schluß in der Niemandsbucht zum Fest Versammelten werden denn auch ganz andere Geschichten zu erzählen haben. Etwas anderes aber gelingt zuweilen: das Über-die-Schulter-Schauen des Erzählers, das Neu-Zusammensetzen der Einzelheiten aus verschobener Perspektive. Und es "leuchten dann die Gegenstände auf, wie sie das im Geradeausblick nie getan hätten".
Damit ist schon einiges gewonnen, hatte sich das Erzählen doch zunächst an der Sprache römischer Rechtssammlungen geübt, mit ihrem "eingeschränkten Bestand Traumhafter Grundton an Wörtern" und ihrer Berücksichtigung aller Arten von Raub, Körperverletzung, Mord und Totschlag: "Indem die Rechtssätze jede Wendung der Dinge vorsahen, bedrohte mich kein Chaos mehr." Wenn aber die Rechtfertigung des Weltzustandes aufgegeben ist, kann die Rechtfertigung des eigenen beginnen. Dem gar nicht bußfertigen Eingeständnis von Abgefallenheit kann dennoch die Erlösungsbitte folgen: "Mich, das Gesellschaftswesen, habe ich durch mein Bewußtsein verspielt. Gib, daß ich dafür in meinem Aufschreiben, zumindest in seiner Hauptsache und in seinem Hauptstrang, zum Traumhaften zurückfinde, den Grundton bewahre und sonnenklar werde."
Nichts wäre einfacher, als den Autor Handke und seinen Erzähler Keuschnig bei kitschigsten Manieriertheiten zu ertappen, bei Pathosaufschwung und promptem Absturz, im steinpilz- und kleintierbestückten Weltinnenraum. Irgendwann aber stellt sich das Erzählen ein, zunächst in kathartischer Groteske, der wütenden Vorführung lärmender Gartennachbarn, deren einer wirklich einen Leitfaden "Zen und die Kunst des Geräuschvollen" verfaßt hat, dann im märchenhaften Abschreiten der poetischen Landschaft, geleitet von der Frage "Und was geschah dann?" Das Schreckliche wird des Schönen Anfang: ein Bürgerkrieg in Deutschland hat mächtig umgehendes "Verstehen" zur Folge, Kinder reden in Zungen und Alte haben Träume, und die Dinge und Gegenden werden wieder namenlos, wie vor der Erschaffung Adams.
Wenn dergestalt zwar nicht alles, aber vieles traumhaft und sonnenklar wird, dann lohnt das Wagnis und erfüllt seinen Zweck, die Beglaubigung: "Und daß das vorgefaßte Registrieren, Berichten, Chronikherstellen, Draußenbleiben sich zu einer Erzählung verdreht hat, und eine in der Ich-Form, das kam aus der Erkenntnis, gleich schon am Anfang des Jahres, daß ich, der Schreibende, mit meinem Buch scheitern müßte, würde ich mich nicht wechselweise selber hineinspielen, um meiner Sache die nötige Blöße zu geben, ähnlich einem Tier, welches während eines Zweikampfes für Phasen ungeschützt seine Kehle herzeigt."
Als alle zusammenkommen, auch die Verlorengeglaubten, zum Gastmahl am Schluß, fehlt einzig der Sänger. Der Raum aber, in den dieser "sein neues, sein Letztes Lied" singen könnte, ist freigemacht, das Buch hat seinen Leser erzogen, sich zurechterzählt. Was er sich wünschen würde, wäre ein Jahr in der Niemandsbucht. Was beginnen kann, ist die "Neue Welt: Wie das Gehen auf einer Straße im Neuschnee, wo noch niemand unterwegs war als ein kleiner Vogel.''

Julia Schröder






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