Erich Hackl

Sara und Simon. Eine endlose Geschichte

Bestseller. Diogenes, Zürich. ISBN: 3-257-06033-5

Erich  Hackl: Sara und Simon. Eine endlose Geschichte

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Nach Auroras Anlaß und Abschied von Sidonie hat Erich Hackl eine dritte Fallstudie vorgelegt, Sara und Simon. Alle drei Fälle beruhen auf tatsächlichen Begebenheiten. Der Autor erzählt als Chronist, knapp und nüchtern, benutzt Briefe, Aussagen der Beteiligten, Gerichtsprotokolle. Aus dem Geflecht von Fakten und Mutmaßungen erstellt er seine Dokumentationen so genau wie möglich und konstruiert sie bewußt parallel. Erich Hackl hat sich dabei an Kleists Erzählungen orientiert. Kleistisch sind Tempo und klare Dichte der Sprache, wie Kleist springt er mit dem ersten Satz mitten hinein in eine extreme Situation und stellt dann seinen ungewöhnlichen Fall so selbstverständlich wie möglich dar. Bestimmte Elemente finden sich in allen drei Büchern - unklare Abstammung, komplizierte Mutter-Kind-Beziehung, starke Frauen als Träger der Handlung, radikale Lebensentwürfe jenseits des Alltäglichen, außergewöhnliche moralische Entscheidungszwänge. Das Private ist in den politischen Hintergrund der Zeit und des Landes gewebt. Im Privaten wie im Politischen werden verschiedene Formen von Gewalt und Unmenschlichkeit gezeigt.

Das Buch spielt in Südamerika, in den siebziger Jahren. Sara Mendez, gebildet und emanzipiert, engagiert sich als junge Frau gegen die Militärdiktatur in Uruguay. Bald muß sie in den Untergrund abtauchen und ins Nachbarland Argentinien, nach Buenos Aires, fliehen, wo sie mit ihrem Kampfgenossen Mauricio zusammenlebt. Wenige Wochen nach Geburt ihres Sohnes Simon wird sie von den Häschern der Generäle überfallen und verschleppt, der Sohn Simon bleibt zurück. Folterkeller und jahrelange Zuchthausqualen folgen. Was sie durch diese Jahre trägt, ist die Kraft ihrer politischen Überzeugung und die Hoffnung, den verschollenen Sohn wiederzufinden. Alle Bemühungen sind jedoch vergebens. Nachdem die Militärdiktatur beendet und Sara aus dem Gefängnis entlassen ist, arbeitet sie in Argentinien mit den Großmüttern der Plaza de Mayo zusammen, deren Kampf um die verschwundenen Kinder vor einigen Jahren die ganze Welt bewegte. Sara selbst wird zur Symbolfigur, ein Film macht ihr Schicksal öffentlich. Endlich, nach zehn Jahren, stößt sie auf das Findelkind Gerardo. Bis zum Schluß bleibt ungeklärt, ob dieser Junge wirklich Simon ist. Die Pflegeeltern lieben ihren Sohn und verweigern die Blutuntersuchung, die Klarheit schaffen würde; auch der Junge selbst wehrt sich verzweifelt gegen einen solchen Test. Das Gerichtsverfahren zieht sich über Jahre hin und verläuft im Sande. Es gibt keine Wiedergutmachung für Sara; die Hoffnungen erfüllen sich nicht, das Leiden wird nicht belohnt. Von den Generälen, die ihr Unglück verschuldet haben, erfährt sie nur Lüge und Verachtung, von dem Jungen, den sie für ihren Sohn hält, haßerfüllte Ablehnung: Alte Hexe, gib endlich auf!

Ein unbegreifliches, unerträgliches Schicksal, ein Fall, der nach Lösung, Erlösung schreit, aber keine finden kann, so heillos sind die Schicksalsfäden verwirrt und verknotet. Wer hat recht? Hat Sara denn kein Recht auf ihren Sohn, auf Wiedergutmachung, endlich, nach allem, was sie durchgemacht hat? Haben die Pflegeeltern nicht ein Recht auf das Kind, das sie mit großer Liebe erzogen haben? Hat nicht jeder Mensch ein Recht, zu wissen, woher er kommt, wer er ist? Hat das Kind nicht auch ein Recht auf Geborgenheit, auf Seelenruhe? Unerbittlich spitzen sich die Fragen zu. So gnadenlos haben die Diktatoren in das Leben der Menschen hineingepfuscht, daß nichts sich mehr zurechtrücken läßt. Was Sara Mendez jedoch auszeichnet, ist die Fähigkeit, auch das Recht, das Lebensrecht der anderen Seite zu sehen. Sie erträgt den Verlust, weil sie weiß, daß der Sohn (wenn er es ist) nicht ihr gehört. Sein Leben gehört nur ihm selbst.

Hackls Anlaß zum Schreiben seiner Bücher ist die Verteidigung der Menschlichkeit. Er trägt auch diese Geschichte vor wie ein Treuhänder. Der Sohn, falls er sie liest, soll die Möglichkeit erhalten, den Lebensweg der Mutter zu verstehen, ohne sich durch ihr Schicksal erpreßt zu fühlen; deshalb die sachlich-distanzierte Form des Protokolls. Hackl kann die Geschichte nicht zu einem guten Ende führen, er kann Sara Mendez keine Wiedergutmachung verschaffen. Aber er hat einer ungewöhnlichen Frau ein Denkmal gesetzt, einer Frau, die ein schweres Leben lang immer den Respekt vor sich selbst mit dem Respekt vor der Freiheit des anderen verbunden hat.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Augsburger Allgemeine)






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