Dalos György

Olga Iwinskaja

Sach. Europäische Verlagsanstalt, ISBN: 3-434-50423-0

Dalos  György: Olga Iwinskaja

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Dieser war dein Gatte nicht

'Zwei Hände sind eine zu kleine Schale./ Ein Herz ist ein zu kleiner Hügel,/ um dran zu ruhn...' Wie eigen sind diese Zeilen Gottfried Benns Boris Pasternak gewesen. Brauchte auch er das weibliche Opfer zum Erhalt seiner Schöpferkraft, die Huldigung, der man keine Bedingung schulden wollte? Durch jahrelanges Zusammenleben seiner Frau Sinaida verpflichtet, ging er als schon alternder Mann eine stürmische Beziehung zur erheblich jüngeren Olga Iwinskaja ein, die er Mitte der vierziger Jahre in Moskau kennenlernte. Dem ersten Verliebtsein folgte bald eine Tragödie, Iwinskaja wird am 9. Oktober 1949 verhaftet und zu fünf Jahren Lagerhaft wegen 'konterrevolutionärer Verbrechen' verurteilt. Pasternak übersetzt gerade Goethes Faust und bekennt einer Freundin; 'Das Leben wiederholt buchstäblich Fausts letzte Szene 'Gretchen im Gefängnis'... Wie viel hat sie schon auf sich genommen! Und nun auch noch das! Antworten Sie nicht darauf, aber ermessen Sie den Grad ihrer Not und das Ausmaß meines Leidens.' Das Leiden der Iwinskaja war übler. Sie verlor das Kind Pasternaks, mit dem sie im fünften Monat schwanger war. Man hatte ihr die präparierte, angebliche Leiche Pasternaks gezeigt, was zu einer Fehlgeburt führte.

György Dalos hat die Beziehung Pasternaks zur Iwinskaja erfrischend sachlich beschrieben. Viele Details dieser vierzehnjährigen Verbindung werden nur angedeutet, einiges weggelassen. Durch den nüchternen Tonfall erhält der Bericht eine eigene Dramatik. Denn das totalitäre Regime mit seinen absurden Auswüchsen und die aufrechterhaltene Ehe der Pasternaks definierte das persönliche Drama der Olga Iwinskaja hinlänglich. Die Realität des Lebens Pasternaks mit Sinaida bestand in einem jahrzehntelangen Schuldgefühl gegenüber der Ehefrau, deren 'Gesicht des Leidens' er in der 'Einbildung' mit sich trug. Im Goethejahr 1949 schreibt er die Ballade Der Gott und die Bajadere, in der es heißt; 'Höre deiner Priester Lehre/Dieser war dein Gatte nicht... Nur die Gattin folgt dem Gatten:/Das ist Pflicht und Ruhm zugleich.' Wie funktionierte der Alltag aller in die Liebesbeziehung verstrickten Menschen? Man traf Vereinbarungen, die immer fragil blieben. Beide Frauen wohnten mit ihren Kindern nah beieinander in Peredelkino, Pasternak pendelte. 'Diese heikle Gleichgewicht wurde ungefähr im Sommer 1956 etabliert und sogleich wieder gestört. Pasternak führte nicht nur im Privaten, sondern auch im Öffentlichen eine Doppelexistenz, indem er die Sowjetmacht mit der Muse der Poesie betrog. Das hatte er schon immer getan, und der staatliche Machtapparat hatte ihm gegenüber keine Illusionen. Jetzt aber ging die Muse schwanger, die Geburt des Romans stand unmittelbar bevor, und der Autor war plötzlich gezwungen, Farbe zu bekennen. 'Das Wichtigste, was ich im Leben geschaffen habe, ist der 'Schiwago'.' Gehetzt von den staatlichen Organen betritt Pasternak Schleichwege, die ihm die Iwinskaja ebnet. In ihrem Haus trifft sich der Schriftsteller mit ausländischen Verlegern, finden Interviews und Geldübergaben statt. Doktor Schiwago wird zunächst in Italien veröffentlicht, die Honorare gelangen auf abenteuerlichen Wegen zur Iwinskaja. Doch nicht alles ist uneigennützig, was sie betreibt. Dalos stellt Fakten dar, die spärlich bleiben müssen und nicht Partei beziehen wollen. Bitter ist das Resümee des Autors; 'Olga Iwinskajas zweideutige Rolle in Pasternaks Leben wirkt bis heute nach. Anders als die Ehefrau Sinaida, deren Haltung zwar häufig kritisiert, aber nie gänzlich in Frage gestellt wurde, erfuhr die Geliebte Olga nicht das Minimum an Akzeptanz. Neben der rigiden sowjetischen Moral, die selbst Regimegegner nicht unbeeinflußt ließ, neben gelegentlichen Neid der Zeitzeuginnen auf Pasternaks Zuneigung, neben hin und wieder offenkundiger weiblicher Eifersucht ist diese Ignoranz teilweise auch mit der Person und ihrer Haltung zu erklären.' Auch Pasternak versetzte der Stellung Iwinskajas immer wieder Dolchstöße. Zwar kümmerte er sich jahrelang um ihre Kinder und die Mutter Olgas, er verbannt sie aber konsequent aus seiner Vita. Im Gedicht Nobelpreis von 1959 standen ursprünglich zwei Strophen, die Pasternak seiner Freundin widmte und vorlas, jedoch nie veröffentlichte. '...Immer enger drängt die Hetzjagd./Eine Buße, die mich quält:/Daß die Freundin meines Herzens,/ Meine rechte Hand mir fehlt. Mit dem Hals schon in der Schlinge / Wünsche ich doch unverwandt,/Daß die Tränen mir wie immer /Trockne meine rechte Hand: ' Im Mai 1960 bricht Pasternaks Krebserkrankung aus. Er verläßt das Haus nicht mehr und wird von seiner Familie abgeschirmt. 'Beim Ableben eines Prominenten in Rußland verhalten sich die Familienmitglieder und engsten Freunde wie eine Krisenstab. Sie schirmen den Sterbenden ab und dosieren die Informationen nach außen. Nie ist so deutlich wie in dieser Vortrauerzeit, wer zum engsten Kreis dazugehört und wer nicht...' Wieder bleibt Olga Iwinskaja draußen, diesmal ist die Trennung endgültig. Die Familie begründet die Ausgrenzung Iwinskajas bis heute damit, daß der Kranke sie nicht hätte sehen wollen. Später, als der Krebs mit den ausgedehnten Metastasen bereits festgestellt worden war und der Tod unvermeidlich schien, will Sinaida ihren Mann direkt gefragt haben, ob sie nicht Olga kommen lassen solle. Er soll darauf mit einem eindeutigen Nein geantwortet haben - eine Legende, die sich bis heute hartnäckig hält. Kurz vor der Aufbahrung wurde Olga Iwinskaja dann endlich von der Familie des Toten gestattet, eine halbe Stunde lang mit Pasternak in der großen Datsche ungestört allein zu bleiben und Abschied zu nehmen. Im August 1960 wird die leidgeprüfte Olga Iwinskaja erneut verhaftet und verbringt vier Jahre wegen illegaler Kontakte mit Ausländern und ihrer leichtsinnigen Handhabung finanzieller Angelegenheiten in russischen Straflagern. Olga Iwinskaja lebte bis zu ihrem Tode 1995 in Moskau. 1988 wurde sie kurz nach der Veröffentlichung des Doktor Schiwago in der Sowjetunion rehabilitiert. Am Ende kann man mit Benn fragen; 'Ist nun das Letzte die Tränen/ Oder ist das Letzte die Lust/ Oder beides ein Regenbogen,/ der einige Farben bricht,/ gespielt oder gelogen-/ du weißt, du weißt es nicht.'

Anne Hahn






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