Lars Gustafsson

Palast der Erinnerung

Roman. Carl Hanser Verlag, ISBN: 3-446-18528-3

Lars  Gustafsson: Palast der Erinnerung

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Die Bücher des dänischen Autors Peter Hoeg sind Laboratorien des Schweigens. Neben der in "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" bereits zentral behandelten Frage, wie man sein Kind denn so allein lassen könnte, geht es ihm auch in seinem neuesten Roman vor allem um die Auslotung menschlicher Einsamkeit. Hoegs Roman "Der Plan von der Abschaffung des Dunkels" ist daher nur teilweise ein ebenso spannender und hintergründiger Krimi wie sein erfolgreicher Vorgänger. In diesem Buch münden Verschwörungstheorie, unmenschliche Ereignisse in einem Internat am Rande von Kopenhagen, Liebesgeschichte und experimentelle Aufarbeitung der Erlebnisse im Schreiben in die Erkenntnis von einer Vielschichtigkeit der Wahrnehmungen: "Daß die Welt aus getrennten Bewußtseinswesen besteht, jedes isoliert in seiner eigenen Wahrnehmungsillusion, fließend in einem Vakuum ohne Eigenschaften". Diese Darstellung der Eigenschaftslosigkeit der Wahrnehmungen dient eigentlich nur der Manifestation einer Tatsache, "daß der Mensch im Grunde genommen allein ist".

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil des Romans schildert Hoeg die wohl autobiographisch geprägten Ereignisse in einem Internat aus der Sicht eines schwererziehbaren Jungen. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft dreier Kinder, die so etwas wie eine Familie bilden. Katharina (16) und Peter (14) nehmen sich eines kleinen August an, der wie viele Kinder dieses Internats immer wieder im Mittelpunkt unmotivierter Selbstzerstörung und Aggression steht. Im zweiten Teil reflektiert der Erzähler über die Ereignisse, wobei er dieses Schreiben als Experiment bezeichnet, sein Schreibzimmer ist das Labor, in dem diese Verhältnisse erforscht werden. Man könnte einwenden, daß dieser zweite Teil die philosophische Theorie für die im ersten Teil geschilderten Verhältnisse nachliefert. Andererseits ist der zweite Teil aber auch Sinnsuche, philosophische Reflexion über die Zeit und Anklage jener unmenschlichen Erziehungsexperimente in den 70er Jahren. Der im ersten Teil nur schemenhaft sichtbare Plan zur Abschaffung des Dunkels wird hier konkreter: Es geht um ein Erziehungsexperiment, das eng mit dem Motiv der Zeit zusammenhängt: "An diesem Ort war nur die Zeit zugelassen, Leben und Unterricht an der Schule waren in völliger Übereinstimmung damit organisiert". Der Erzähler kommt zu dem Schluß: "Wenn man in einer Welt aufwächst, die nur eine Form der Erinnerung erlaubt und belohnt, dann wird Zwang gegen die eigene Natur ausgeübt. Dann wird man still und leise an den Abgrund gedrängt". Was aber Zeit in Wirklichkeit ist, macht der Erzähler folgendermaßen deutlich: "Die Zeit läßt sich nicht vereinfachen und reduzieren".

Die Reflexion über die Zeit dient dazu, inquisitorische Strenge einer durchorganisierten Überwachungsmaschinerie - denn nichts anderes ist das Internat - an der fehlenden Verfügbarkeit der Zeit, die Freiheit bedeuten würde, festzumachen. Der Plan von der Abschaffung des Dunkels ist dabei nichts weiter als die nach naiven Schemata von Gut und Böse ausgerichteten reaktionären Erziehungsexperimente. Es handelt sich um den Versuch, Normen für Gegensätze wie `gut und böse´ oder `schwererziehbar und normal´ zur rigiden Verengung von Weltbildern und Welt überhaupt zu benutzen, Vielfalt letztendlich zu eliminieren. Dem Erzähler wird klar, "daß die ganze Schule ein Mechanismus zur Beseitigung des Zweifels war". Die Abschaffung des Dunkels ist dann erfolgreich, wenn es gelingt, das sogenannte Dunkle, das nichts weiter ist als das Andere, auszulöschen oder unter die eigenen subjektiven Wertvorstellungen zu zwingen.

Zwar ist vor allem die deutsche Literatur reich an Internatsromanen, man denke zum Beispiel an "Unterm Rad" von Hermann Hesse oder "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" von Robert Musil, aber Hoeg geht mit "Der Plan zur Abschaffung des Dunkels" noch einen Schritt weiter: Indem er die Ereignisse im Internat mit einer Zeitphilosophie verknüpft, entfaltet er die Mechanismen eines derartigen Orwellschen Internats und zeigt gleichzeitig die Absurdität einer verengenden Weltsicht, die auf festen Kategorien von Gut und Böse basieren soll. Hoegs Roman ist also letztendlich ein Plädoyer für Toleranz und Vielfalt der Wahrnehmungen. Die Absurdität des Planes zur Abschaffung des Dunkels zeigt sich nicht zuletzt in der Form des Erzählens. Das Erzählen ist gerade durch jene Dunkelheit und Kälte gekennzeichnet, deren Abschaffung eben jener Erziehungsplan bewerkstelligen wollte. Es ist jene Dunkelheit am unteren Ende der Traurigkeit, wenn Einsamkeit und Kälte kein Maß mehr kennen: Im gesamten Buch findet sich nicht ein Satz, der mit Freude, Harmonie, Gefühlen oder Freiheit in Verbindung zu bringen wäre. Die Psychologie dieser Darstellung ist so radikal, als hätte Ingmar Bergmann Szenen seines Filmes "Das Schweigen" in den Roman eingebracht. Selten kommt der Erzähler über lapidare Kurzwortsätze heraus, selten gibt es parataktisch gestaltete Nebensätze, oft genug sind 2- oder 3-Wort-Sätze bestimmend, Kennzeichen einer eingeschränkten Persönlichkeit, die es nicht mehr vermag, lange Gedankenreihen zu denken.

Im Roman "Der Plan von der Abschaffung des Dunkels" spielt Hoeg einmal mehr perfekt auf der Klaviatur der Dunkelheit, einer Dunkelheit, die auf radikale Weise als Ergebnis einer sogenannten Unterordnung unter eine subjektiv gesetzte Norm verstanden wird, die Bösartigkeit als fehlende Kongruenz mit dieser Norm versteht, und damit als das entlarvt wird, was es eigentlich bekämpfen wollte.

Christoph Steven






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