Annett Gröschner

1. FC. Magdeburg

Sach. Kiepert, ISBN: 3-378-01038-X

Annett  Gröschner: 1. FC. Magdeburg

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Über Nizza lacht die Sonne, über uns die ganze Welt

Zum ersten Mal in der Geschichte des DDR- Fußballs stand im Mai 1974 eine Mannschaft im Europapokalfinale, der 1. FC Magdeburg. Im Halbfinale hatte sich die blauweiße Truppe gegen Sporting Lissabon durchgesetzt. 'Wie aus dem Bilderbuch des Sozialismus abgeschrieben, hatte das Kollektiv über die technisch perfekten Individualisten gesiegt...' Als krasse Außenseiter gingen die Jungs aus Magdeburg am 8. Mai ins Endspiel in den 'Kuip' von Rotterdam, um gegen den AC Mailand anzutreten. 95 EC- Spiele hatten die Milanesen absolviert und sechs Mal im Finale gestanden. Sie galten als haushoher Favorit und taten schon vor dem Spiel so, als gäbe es keinen Zweifel, wer als Sieger vom Platz gehen wird. Einer der Spieler Magdeburgs, Axel Tyll, gab sich dem ‚Sportecho' gegenüber tapfer: 'Wir sind zwar Außenseiter, doch vor Ehrfurcht stirbt bei uns keiner. Wir brennen darauf, dem AC Mailand einen Kampf auf Biegen und Brechen zu liefern.' Kurz vor dem Spiel wandte der Trainer Heinz Krügel in der Kabine eine seiner beliebten und für den DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) eher anarchistischen Methoden an. Er las seinen Spielern einen Artikel aus dem bundesdeutschen ‚Kicker', der einen Kampf David gegen Goliath angekündigt hatte, vor, um sie scharfzumachen... Mailands Trainer Trapattoni hatte im Vorfeld prophezeit: 'Wer das erste Tor schießt, gewinnt.' Das erste Tor schoß Mailand, allerdings in die eigenen Maschen. In der 74. Minute nahm Wolfgang Seguin eine Eingabe von Axel Tyll auf, lief noch ein paar Schritte und schoß den Ball aus spitzem Winkel zum 2:0 unter die Latte. 'Bei diesem Stand blieb es, und um 22.15 Uhr war die Überraschung perfekt. Mit diesem Sieg hatte niemand gerechnet. Die Jugend, das Durchschnittsalter der Magdeburger betrug nur 23 Jahre, hatte über die fünf Jahre älteren Weltstars... triumphiert.' Spannend wie ein Krimi liest sich die Erfolgsstory des 1. FCM. Ihre Autorin Annett Gröschner ist in Magdeburg geboren und aufgewachsen, was ihr den Zugang zur Fußballgeschichte Magdeburgs geebnet hat. Schon als Kind im Vorschulalter kannte sie die Namen der Oberligamannschaften auswendig und in der 6. Klasse wollte sie Sportreporterin werden. Ihre sportlichen Kindheitserinnerungen bilden den Auftakt ihrer 170 Seiten starken und mit schönen Fotografien versehenen Untersuchung zur Fußballegende - 1. FCM. Wie es bei Legenden vorkommt, halten sie mit der Zeit nicht Schritt und die Gegenwart des Vereins wirkt eher düster; 'Der 1.FCM sitzt auch heute noch in dem inzwischen etwas heruntergekommenen Gebäude auf dem Gelände des Ernst- Grube- Stadions, das aussieht, als hätten die Bauarbeiter Magdeburgs übriggebliebene Betonplatten in unbezahlten Subbotniks für ihre Fußballhelden zu einem Zweigeschosser zusammengesetzt.' Die Autorin beschönigt nichts und hat genau hingeschaut und gehört. Die Kapitel setzen sich aus überarbeitetem Archivmaterial, Reportagen und Interviews zusammen. Spieler, Trainer, Fans und Beobachter kommen in Zitaten zu Wort und beschreiben den steilen Aufstieg und unaufhaltsamen Abstieg der Mannschaft. Von den Anfängen des Sportclubs Preußen 99, der am 9. Juli 1899 in Magdeburg gegründet wurde, zieht sich der ‚blauweiße' Faden über die Nachkriegsgeschichte bis zum Club '1.FCM' und seinen Triumphen im Laufe der Jahrzehnte. In den erfolgreichen Siebzigern zogen auch Mädchen ins Stadion, wovon ein eigenes Kapitel berichtet. Die Sicherungsmaßnahmen der Polizei bei Europacupspielen in der DDR, die langen Haare der Spieler und ihre anderen Privilegien, die Flutlichtspiele, die Fankurve in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren - einfach alles, was mit dem Fußball in der DDR und speziell in Magdeburg zu tun hatte, wurde gründlich durchleuchtet. Die Autorin beschreibt in eingängigem Stil und mit gewogenem Humor eine bittere Geschichte. Der Siegeszug der komplett aus dem Bezirk Magdeburg stammenden jugendlichen Elf zerbröselte noch in sozialistischen Tagen unaufhaltsam. Dieser Niedergang wurde nicht zuletzt durch den Rausschmiß des Trainers Heinz Krügel verursacht, der die Jungs so ausgefallen wie gekonnt in den Fußballolymp geführt hatte. Heinz Krügel ließ sich nicht reinreden von Politikern und Funktionären: '...ich muß meine Mannschaft im Fußball trainieren und dort Erfolge haben. Und ihr seht zu, daß die Wirtschaft und alles in Ordnung kommt. Mit der Fahne gehe ich nicht einkaufen...' Die Genossen mißtrauten ihm und Krügel wurde 1976 aus der vielversprechenden Mannschaft, die er in 10 Jahren aufgebaut hatte, eliminiert. Von ihm ist der sarkastische Spruch überliefert, 'über Nizza lacht die Sonne, über uns die ganze Welt.' Auch heute noch wirkt der 78 -jährige Heinz Krügel verbittert. Bei der Buchvorstellung in Magdeburg gab er sich zunächst gestreng, rief dann aber angesichts des gut gefüllten Vortragsraumes aus, 'Ich freue mich, daß so viele gekommen sind, es ist wie bei einem großen Spiel!' Einzelne Fans zückten die von Annett Gröschner im Kapitel 'Das Ende der Oberliga' beschriebenen Devotionalien und alle gedachten gerührt der Vergangenheit. Die Aussichten für die Zukunft sind nicht rosig, mit der Schließung des SKET (Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann), des größten Arbeitgebers der Stadt, ist nach der Wende offenbar auch das Schicksal des Clubs besiegelt. Doch wenn Annett Gröschner aus den 'Helden von Rotterdam' liest, scheint für einen Moment die Uhr zurückgedreht - die Jungs in ihren weißen Malimo-Bademänteln laufen wieder ein und schwenken den Pokal voll Rotkäppchensekt, in der anderen Hand eine Westplastetüte...

Anne Hahn






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