Gerhard Seyfried

Herero

Roman. Eichborn Verlag, Berlin. 600 Seiten. ISBN: 382180873X

Hereros del silencio
Gerhard  Seyfried: Herero

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Staatanwaltschaft und Kripo interessieren sich schon immer für sein Schaffen, nun auch Historiker und Afrikanisten. Gerhard Seyfried, Comic-Autor und Sponti-Chronist, meldet sich zurück - und zwar anders als erwartet.

Den einst in München arbeitenden Künstler zeichne "eine bedeutende Doppelbegabung" aus. Meyers Taschenlexikon zufolge ist er "ein unerreichter Meister des epigrammat. knappen Textes, verbunden mit satir. Bilderfolgen". Das genügte zwar nicht für Reich-Ranickis Kanon der Literatur – diktiert für angehende Studienräte, die beim Thema Leit- und Leid-Kultur mitreden wollen –, war aber gut genug für die "Schülerbibliothek", mit der Die Zeit im November 2002 auf Ranickis Lit-Tipps konterte. Bei der Zeit kam der Erfinder des Comics in die Top 10. Wie gesagt: Im Kanon für Schüler... sagen wir es also ruhig: im Kanönchen. Die illustrierten Geschichten Wilhelm Buschs erschienen vor mehr als hundert Jahren, da können sie nun auch Heranwachsenden empfohlen werden, platziert zwischen die Schubladen mit den schon aufs ranzigste vergilbten Labels U und E. Andere Comics bleiben weiter bei U wie Unterhaltung, unterirdisch, unter-Niveau... aber auch U wie Underground, U-Comix usw usf.

So aberwitzig die U-/E-Trennung nach wie vor ist, Gerhard Seyfried hat sie bei seinem waghalsigen Paradigmenwechsel nicht weiter beschäftigt. Der gebürtige Münchner (aktueller Band: Seyfried’s Cannabis Collection, Nachtschatten Verlag), in jeder WG besser bekannt als amtlicher Westberlin-Chronist (est. 1977), legte vor wenigen Wochen seinen ersten Roman vor. Mit Herero betritt Seyfried in jeder Hinsicht Neuland – ganz ernsthaft, ohne Sprechblasen und Colorierung. Location und Handlung sind authentisch, in unserem Bewusstsein allerdings etwas vergessen: Die Niederwerfung des Herero-Aufstandes in Deutsch-Südwestafrika im Jahre 1904 gilt als erster systematischer Völkermord der Deutschen. Das Thema also finster wie spannend – düster auch da vergessen oder verdrängt, spannend aus denselben Gründen, aber auch, weil Seyfried nach jahrelanger Recherche dem Ganzen einen fast eigenen Dreh gibt: Systematisch, so sein Ergebnis, ging der vom Kaiserreich entsandte General Lothar von Trotha nämlich nicht vor. Allzu neu und unfassbar waren die Umstände, die er in dem riesigen Land vorfand... Um sie adäquat zu präsentieren, schaltet Seyfried einige Gänge runter und beschreibt auf 600 Seiten eine Zeit, die weiter zurückzuliegen scheint als die vorletzte Jahrhundertwende, weiter weg als Namibia. Informiert und kommuniziert wird via Heliograph, gereist mit Ochsengespannen oder Lokomotiven, die sich wie in Zeitlupe in das weite, öde und doch faszinierende Terrain fressen...

Wer sich kein U für ein E vormachen lässt, weiß schon von früher, wie belesen Seyfried ist (erkennbar an intertextuellen Referenzen zu Tomi Unger, Hergé et al, ganz zu schweigen von der Mitarbeit an Gilbert Sheltons Freak Brothers), wie rasierklingenscharf sein Blick, wie spitz die Feder beim Karikieren von Freakadellen und Bulletten (Elefantenpress). So gewitzt-genial er sich mit der Welt in und um Kreuzberg auseinandersetzte, angeräuchert mit den szene-üblichen Gewächsen, so geradezu ungeschliffen blieb dabei die Zunge. Seyfrieds Verständnis für die conditio humane sorgte für die extra Pointe (ebenso wie für viele Lacher und Fans in so mancher Polizeidienststelle...). Dasselbe Verständnis gibt in dem Roman den Ton an. Vor den Geschichten von Hauptmann Franke, Häuptling Petrus und der Fotografin Cecilie Orenstein (quasi Seyfrieds sprachloses Auge, ob der visuellen Macht des "Neuen Kontinents") rangiert als Protagonist der Kartograf Carl Ettmann. Von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes entsandt, kommt er als 33-jähriger Witwer nach Swakopmund, um das Land zu vermessen, es in den Griff zu kriegen – und wird stattdessen von der Schutztruppe im Krieg gegen die Eingeborenen rekrutiert. "Das war meine Anfangsfrage: Wie geht’s einem, der da hinkommt und in so eine Situation rutscht? Was geht in so einem vor? Kann man da raus? Ich überlegte auch, ihn desertieren zu lassen – aber das kam nicht vor. Also habe ich das nicht gemacht, weil ich eben sehr nahe an der Geschichte bleiben wollte."

Hierin unterscheidet sich Herero von den historischen Romanen solcher Amerikaner wie T.C. Boyle (Wassermusik), Madison Smartt Bell (Aufstand aller Seelen), von den Meditationen zu JFK/Dallas, 1pm (beispielsweise DeLillos, Mailers und Ellroys): Das Figurenarrangement bleibt übersichtlich, erfunden sind nur die zwei "Augenmenschen", Cecilie Orenstein und Carl Ettmann. "Tatsächlich fing alles als militär-historische Abhandlung an." Dass manchem mehr Drama, auch auf Kosten der Authenzität lieber wäre, weiß Seyfried. Er weiß aber auch, was er wollte, und das hat er gemacht. "Das ist immer ein Streitpunkt, irgendwo auch eine Frage der Verantwortung, gerade im Fall des historisch neuen Erzählens des Herero-Aufstands. Die Romanhandlung... ja... Sie ist so wie ich sie gern mag, sie ist sanft und zart und verhalten. Zwar immer auch mit viel Gewalt. Aber ohne Sex – damit ich um Reich-Ranicki rumkomme – äh heh he heh!"

Womit wir wieder bei den Cartoons wären, der Besessenheit abzubilden, was Wirklichkeit ist, der Liebe zur Kartografie (über die sich schon Kunstprofessor Weigle ausließ, als Seyfried 1986 der Max-und-Moritz-Preis verliehen wurde, an die sich aber auch jeder erinnert, der einst die Landkarten von Teuropa inspizierte, sich an Gestankfurt und Kaputtgart erfreute...). Doch für Seyfried ist das Geschäft mit den Sprechblasen zerplatzt. Von den Ereignissen der Zeit ohnehin überholt, wie mancher meint – "unterbezahlt", wie er selbst findet –, recherchiert er nun weitere schwarze Flecken der deutschen Kolonialgeschichte. "Sachen, die nie richtig gemacht worden sind; oder wenn, dann nur von den Nazis. Das wenigstens versuchsweise objektiv zu machen, gleichzeitig aus deutscher Sicht, dabei also die Deutschen nicht gleich grundsätzlich zu verteufeln... bleibt eine Herausforderung." Und so liest und schreibt er schon an seinem nächsten Wurf, einer Romanabhandlung über den Boxeraufstand in Tsingtau/China.

Der Erfolg von Herero hat ihn mehr als ermutigt. Binnen Wochen war die erste Auflage ausverkauft, ARD und ZDF kamen und setzten sich an seinen Zeichentisch, gefolgt vom Feuilleton: Die Neue Zürcher Zeitung schwärmte, die "Erzählform des Journals macht die Umstände geradezu physisch erlebbar", Der Tagesspiegel bewunderte die "Lust am Detail, die besessene Akribie" die Berliner Morgenpost bestätigte: "Die Nüchternheit, die große Spannung nicht ausschließt, ist eine der Qualitäten seines Buches." Bei aller Zurückhaltung in der Perspektive, bei der Weigerung weniger zu werten als zu verstehen, ist Herero sehr politisch, also sehr Seyfried – und zugleich hochaktuell: Nachdem Kuaima Isaac Riruako, Häuptling der Herero, in Washington/USA eine Sammelklage eingereicht hat, wird die Niederwerfung des Herero-Aufstandes bald in einem Prozess neu verhandelt (gefordert wird eine Entschädigungssumme von $4 Mrd.). Die Bundesregierung hat sich bis heute nicht zu dem Genozid bekannt (was die Gesellschaft für bedrohte Völker seit Jahren fordert).

© Matthias Penzel, 2004. Original erschien dieser Artikel in Rolling Stone 4/2003






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