Wilhelm Genazino

Die Kassiererrinnen

Bestseller. Rowohlt, Reinbek. ISBN: 3-498-02484-1

Wilhelm  Genazino: Die Kassiererrinnen

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Gern lädt der Mensch, mythenbildend, Figuren mit symbolischer Bedeutung auf - in alten Zeiten den Fährmann am Fluß,  oder das Kräuterweiblein im Wald. Heute scheint hierfür die Kassiererin im Supermarkt besonders geeignet. In seinem Roman Langer Samstag macht Burkhard Spinnen die Kassiererin zu der Figur an der Schaltstelle, die den zwischen den Einkaufsregalen des Lebens Herumtappenden am Ende die Rechnung stellt. In Wilhelm Genazinos neuem Buch sind die Kassiererinnen bedeutsame Integrationsfiguren des Alltags. Sie sitzen im Prezzoprezzo an der Kasse, acht Frauen nebeneinander, mit kleinen Namensschildchen kenntlich gemacht: Jutta, Gundel, Elfriede, und tauchen in den Grübeleien des Ich-Erzählers auf wie moderne wohltuende Feen.

Der Erzähler berichtet im Rückblick über eine Zeit seines Lebens, wo er solche Figuren dringend nötig hatte. Als scheuer Einzelgänger streift er durch die Stadt Frankfurt, beobachtet seine Umgebung und sich selbst in seinen Empfindungen und versucht, das Gefundene deutend in Worten festzuhalten. Vor zwei Jahren ist seine Freundin gestorben, er ist allein und sieht sich, im Prozeß des Älterwerdens, immer mehr der Lächerlichkeit preisgegeben und öffentlich ausgestoßen - jederzeit auslachbar. Selbstbeobachtung und Reflexion, bisher als hilfreich angesehen, könnten nun, so fürchtet der Erzähler, in der Übernähe zu sich selbst bis zu Selbstverfemung und völliger Auflösung führen. Die Stadt Frankfurt ist ein Lächerlichkeits-gebiet geworden, er sehnt sich nach einem neuen, unbelasteten Ort. Hier und da begegnet er alten Bekannten. Jeder ist auf seine Weise _auslachbar_ und in ohnmächtigen Ängsten verstrickt. Auch Wanda, die neue Freundin, sehnt sich vor allem nach Möglichkeiten, furchtlos zu sein. Immerhin gelingt es diesen verletzlichen Figuren, sich gegenseitig zu stützen und füreinander Aufgaben zu übernehmen. Die Lächerlichkeit ist ein Zustand, den alle Menschen teilen. Diese Erkenntnis unterbricht den Prozeß der Selbstverfemung und macht einer neuen zärtlichen Gleichgültigkeit Platz. 

Wilhelm Genazino, 1998 mit dem Großen Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgezeichnet, gilt inzwischen als einer der interessantesten bundesdeutschen Autoren. Der Roman Die Kassiererinnen zeigt erneut seine bewundernswerte Fähigkeit, durch genaue, einfühlende Beobachtung fast magische Beziehungen zwischen Menschen und Dingen herzustellen, in Bildern, die zugleich die Tiefenstruktur des Textes erhellen. Während die letzten Bücher (Die Obdachlosigkeit der Fische, Das Licht brennt ein Loch in den Tag) aus einzelnen Miniaturen zusammengebaut waren, entwickelt der neue Roman mehr Handlung und eine stärkere Dynamik zum Ende hin. Genazinos Schreiben scheint sich in einem Wandel zu befinden - ein spannender Prozeß. Eine Zeit des Umbruchs, auch der künstlerischen Positionen, ist abgeschlossen. Am Ende des Buches ist es der Erzähler selbst, der sich rettet vor der zerstörerischen Übergenauigkeit der Wörter.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Augsburger Allgemeine)






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