Sigbert Gebert

Grenzen der Psychologie

Sach. Königshausen und Neumann, 124 Seiten. ISBN: 3-826-01062-0

Sigbert  Gebert: Grenzen der Psychologie

Dieses Buch Freunden weiterempfehlen.

Dieses Buch kaufen bei Amazon.de

Buy Sigbert Gebert: Grenzen der Psychologie at Amazon.com (USA)

Weitere Buchbesprechungen bei Amazon.de.

Sigbert Gebert, der sich bereits 1992 mit dem Band Negative Politik. Zur Grundlegung der Politischen Philosophie aus der Daseinsanalytik und ihrer Bewährung in den Politischen Schriften Martin Heideggers von 1933/34 als Heidegger-Liebhaber profiliert hat, begibt sich mit seinem neuen Buch - weiter den Pfaden eben jener Daseinsanalytik folgend - auf die Suche nach den Grenzen der Psychologie. Wer sich von der Lektüre der "philosophischen Betrachtungen" (Untertitel) jedoch einen kritischen Blick auf die therapeutische Praxis, vor allem auf deren Intentionen, erhofft, wird enttäuscht.

Die Rezension eines Textes, dessen Verfasser den Leser mit ständigen Wiederholungen der Heideggerschen Vorstellung vom Mit-in-der-Welt-sein traktiert, gerät leicht zur Auseinandersetzung mit diesem statt mit jenem. Dies schon, weil von Gebert selbst, dank ewiglanger Zitate und reichlich überdimensionierter Fußnoten, die selbst den die Lektüre wissenschaftlicher Texte gewohnten Leser überfordern, nur mit Mühe etwas zu finden ist:

Die Psychotherapie wolle Menschen, die unter psychischen Problemen litten, helfen, diese zu überwinden. Dazu sei jedoch ein Vorverständnis dessen, was als psychisch ‚krank‘ bzw. ‚gesund‘ zu bezeichnen sei, nötig. Dies wiederum sei nur möglich durch eine (philosophische) Betrachtung des jeweils zugrundeliegenden Menschenbildes, wobei Gebert auf Heidegger rekurriert: danach lautet die "volle Bestimmung" des Menschen Mit-in-der-Welt-sein (13). Darauf fußende Aussagen wie: "Die Freiheit des Daseins liegt darin, sich als geworfener Entwurf auf Möglichkeiten entwerfen zu können." (15) mag man beurteilen, wie man will, auf eine intensivere Auseinandersetzung damit muß an dieser Stelle leider verzichtet werden. Freiheit jedenfalls stellt unter diesen Prämissen eine Möglichkeit dar, die man ergreifen oder versäumen kann, ganz einfach. Die Erkenntnis, daß die Motive, die den Menschen an unfreie Verhaltensmöglichkeiten binden, "lebensgeschichtliche Anläße [sic]" (43) sind, ist zwar an Gebert nicht gänzlich vorübergegangen, er zieht jedoch Heideggers ‚geworfenen Entwurf‘ dem Gewordensein allemal vor. Vor diesem Hintergrund erstaunt weder die mehr oder weniger direkte Kritik an der klassischen Psychoanalyse mit ihrem genuin historischen Ansatz noch das zweifelhafte Beharren auf der Zukünftigkeit des Menschen. Schließlich habe der Entwurf, der sich auf das Zukünftige beziehe, vor der "(gleichursprünglichen) Geworfenheit" (43) Vorrang - was immer das heißen mag.

Bis zum sechsten Kapitel hat Gebert nach eigener Aussage "immer wieder von psychischen Problemen [...] geredet, ohne zu klären, was genauer darunter zu verstehen ist." (44) Das macht aber nichts und "fällt nicht weiter auf, weil Gesundheit und Krankheit Grundbegriffe der Psychotherapie darstellen" (ebd.) - diese übernehme jede Wissenschaft zunächst aus dem alltäglichen Verständnis, sie sind nach Geberts Auffassung auch nicht wissenschaftlich, sondern nur philosophisch zu bestimmen (ebd.), bei einer solchen Überhöhung der Disziplin muß jedem Philosophen das Herz höher schlagen.

Was folgt ist nicht etwa die philosophische Bestimmung von ‚Gesundheit‘, sondern die banale Erkenntnis, sie sei abhängig von "kulturellen Eigenheiten" (45) ["In einer Sammler- und Jägergesellschaft gibt es keine Legasthenie" ! (ebd.)] und "nur schwer genauer [zu] klären" (ebd.). Das bedeutet selbstredend nicht, daß hier keine konkrete Vorstellung von Gesundheit transportiert würde. Verhaltensbeschränkungen gehören beseitigt, "jeder Mensch [muß sich] entsprechend seinen Fähigkeiten den sozialen Gegebenheiten öffnen" (53). Gleichwohl ist nicht jeder - ganz seinen Fähigkeiten entsprechend - aufgefordert, im Heideggerschen Sinne dem ‚Man‘ zu entsagen und sich einem ‚eigentlichen‘ Dasein zu widmen. "Auch das uneigentliche Dasein kann ohne psychische Probleme existieren. Wie sagt doch der ‚Jahrhundertzynismus‘ (Sloterdijk) von Gottfried Benn so schön: ‚Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück.‘" (54)

Der ‚Psychoboom‘ sei selbstredend ein Problem der modernen Industriegesellschaft, in der eben die "daseinsgemäßen Bindungen" (31) fehlten, statt dessen herrscht Heideggers tiefe Langeweile (32). Mit der schlichten Feststellung, die Existenz dieser so bedrohlichen Grundstimmung sei weder beweis- noch widerlegbar (33), drückt sich der Autor um die Diskussion seines Standpunktes. Reale psychische Leiden werden zu "Anpassungsschwierigkeiten" (29), die – irgendwie - wohl mit sozioökonomischen Entwicklungen zusammenhängen könnten. Krankheit wird zum kleinen Problemchen, bei dem es im Grunde egal ist, ob man sich an einen Freund oder an einen Experten wendet, Hauptsache, die Vertrauensbasis stimmt (vgl. 80, auch 75ff.).

Dabei streift Gebert das eigentliche Problem immer wieder, um dann sofort einen Haken zu schlagen: "Die heutige Sinnsuche deutet daraufhin, daß mit der Gesellschaft etwas fehl läuft [...]" (59). Der heiße Brei, um den der Autor kunstvoll herumtänzelt, wird dem Leser dann im letzten Absatz des Buches vor die Füße gekippt: Ludwig Marcuses Auffassung nämlich, wer glaube, ein sinnloses Leben nicht führen zu können, solle sich am besten umbringen; ‚sinnlos‘ verstanden als ohne dauernd schützenden Sinn (vgl. 119). Adorno hätte mit seiner Forderung, die Menschen zum "Bewußtsein des Unglücks, des allgemeinen und des davon unablösbar eigenen, zu bringen und ihnen die Scheinbefriedigungen zu nehmen, kraft derer in ihnen die abscheuliche Ordnung nochmals am Leben sich erhält [...]" (Minima Moralia; Aph. 38) mehr oder weniger freundlich dazu genickt. Die Frage ist nur: Heidegger auch?

Heide Kuhlmann






Bücher neu und gebraucht
bei amazon.de

Suchbegriff:


eBay


Bücher gebraucht oder neu bei booklooker.de
Autor:
Titel:
neu
gebraucht

Ihr Kauf bei unseren Shop-Partnern sichert das Bestehen dieses Angebotes.

Danke.


Weitere Rezensionen in der Kategorie: Sach  



Partner-Shop: Amazon.de

Grenzen der Psychologie Amazon.de-Shop
Sigbert Gebert: Grenzen der Psychologie

Partner-Shop: Amazon.com (USA)

Buy Sigbert Gebert: Grenzen der Psychologie at Amazon.com (USA)

carpe librum ist ein Projekt von carpe.com  und © by Sabine und Oliver Gassner, 1998ff.

Das © der Texte liegt bei den Rezensenten.   -   Wir vermitteln Texte in ihrem Auftrag.   -   librum @ carpe.com

Impressum  --  Internet-Programmierung: Martin Hönninger, Karlsruhe  --  19.06.2012