Karl-Markus Gauß

Europäisches Alphabet

Sach. Zsolnay Verlag, 208 Seiten. 34.00 DM . ISBN: 3-552-04827-8

Karl-Markus  Gauß: Europäisches Alphabet

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Viel ist in diesen Tagen von Europa die Rede, es gibt kaum eine Sonntagsrede, in der dieses Schlagwort nicht an prominenter Stelle ausgiebig auf die Zuhörerschaft herabbeschworen wird. Immer sind es ähnliche Phrasen, die den Berufenen dazu in Fülle entströmen, kluge und überzeugende Analysen sind hingegen selten. Eine dieser Ausnahmen ist das "Europäische Alphabet" von Karl-Markus Gauß. Der in Salzburg lebende Publizist hat sich inzwischen in die erste Liga der Essayistik geschrieben, Artikel von ihm sind unter anderem regelmäßig in der ZEIT, der FAZ und der Neuen Zürcher Zeitung zu finden. Gauß ist außerdem Herausgeber von "Literatur und Kritik", eine der wichtigsten deutschsprachigen Kulturzeitschriften.

Wie der Titel seines jüngsten Buches bereits andeutet, präsentiert Gauß seine Überlegungen in alphabetischer Form. Begriffe wie Auswanderung, Balkan, Grenze, Regionalismus oder Umvolkung, ca. 50 an der Zahl, dienen als Ausgangspunkte. Die einzelnen Artikel sind meist verschieden konzipiert, das Spektrum reicht von historisch-politischen Analysen (z.B. zu "Jugoslawien") über kulturgeschichtliche Streiflichter (z.B. zur "Mobilität") bis hin zu glänzend geschriebenen Polemiken (z.B. zur "Umvolkung"). Letzteres soll aber nicht heißen, daß nicht auch die unpolemischeren Essays Gauß als stilistischen Meister auswiesen.

Bei der Lektüre wird man mit einer Fülle interessanter Details konfrontiert. Gauß greift zur Stützung seiner Argumentation ebenso auf Statistiken zurück, wie auf die Beobachtung von sprachlichen Details in anderen Sprachen. Im Artikel "Nachbarn" beispielsweise beginnt der Autor mit einem ironischen Exkurs zur Rolle der Küchenschabe als Nachhbar des Menschen, um dann folgende Beobachtung anzuschließen: "Links des Rheins, in Frankreich, heißt die Küchenschabe übrigens ‘Preußenschabe’, indes sie im deutschen Rheinland, rechts des Flusses, umgekehrt schlicht auf ‘Franzose’ hört. Im Osten Deutschlands ist das polyglotte Tier als ‘Russe’ bekannt, indes es östlich von Deutschland gerne als ‘Schwabenschabe’ auftritt. In Italien wiederum wetzt das hinterhältige Tier als ‘blattella tedesca’ durch die Gegend." Allein diese kurze Feststellung ersetzt eine lange historische Abhandlung über die nachbarschaftlichen Beziehungen in Europa.

In Gauß’ Buch steht Ost- und Mitteleuropa im Zentrum. Das nicht nur, weil der Verfasser ein ausgewiesener Kenner Osteuropas ist, vor allem der dortigen Kultur und Literatur, sondern offenbar auch, um einen Kontrapunkt zum eingeengten westeuropäischen Blickwinkel zu setzten. Der durchschnittlich gebildete Westeuropäer weiß in der Regel einiges über England, Frankreich oder Italien. Über polnische, ungarische oder slowenische Angelegenheiten ist er meist wenig unterrichtet. So ist das "Europäische Alphabet" auch ein vehementes Plädoyer gegen das geteilte Europa ("Zwei Europa") und prangert zurecht die Arroganz und Verlogenheit des reichen EU-Europa im Umgang mit seinen (süd-)östlichen Nachbarn an. Unter dem Stichwort "Grenzen" belegt Gauß historisch deren Willkürlichkeit: "Egal, welches geographische, kulturelle, religiöse, sprachliche, historische Kriterium gewählt wird, sie vorgeblich gerecht zu ziehen, immer ist die Grenze auch eine Verletzung von individuellen und kollektiven Ansprüchen, denen sie entgegensteht. Denn die Grenze ist keine Erfindung der Menschen an der Grenze, sondern eine der Zentralen."

Generell steht Gauß der offiziellen Europa-Idee skeptisch gegenüber, die mehr oder weniger offen einen neuen Superstaat im Auge hat, angereichert mit einem europäischen Nationalismus und dicht abgeschotteten Grenzen gegenüber den ärmeren Nachbarn. Auch mit der "Ideologie von einem Europa der Regionen" kann sich der Autor nicht anfreunden. Polemisch weist er auf die Widersprüchlichkeiten dieser Konzeption hin, die vorzugsweise von rechtspopulistischen Politikern vertreten wird: "Es ist das Bündnis von Stammtisch und High-Tech, von Borniertheit und hemmungsloser Modernisierung, das hier geschlossen, die Gleichzeitigkeit von Marienfrömmigkeit und Gen-Technologie, von Hexenglaube und Digitalisierung, die da erprobt wird." Gauß’ kritische Sympathie gilt hingegen den kleinen, an den Rand gedrängten Ländern, ihrer Sprache und ihrer Kultur. Er widmet beispielsweise den Sinti und Roma einen eigenen Artikel, in dem er sie als prototypischen Europäer beschreibt, weil in ihrer Kultur Grenzen und Nationen keine Rolle spielten.

Es ließe sich noch eine Fülle von Interessantem aus dem Buch anführen. Das "Europäische Alphabet" kann ich uneingeschränkt empfehlen, vieles ist brillant gedacht, alles ist brillant geschrieben. Ein wohltuender Gegenpol zu den dümmlichen Sonntagsreden und dem täglich beschworenen Worthülsen-Europa.

(Christian Köllerer)






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