Karl-Markus Gauß

Der Mann, der ins Gefrierfach wollte

Essay. Zsolnay Verlag, 120 Seiten. ISBN: 3-552-04936-3

Karl-Markus  Gauß: Der Mann, der ins Gefrierfach wollte

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Was den fast niedlichen Untertitel „Albumblätter“ trägt und damit auf die bürgerliche Tradition des Sammelns schöner Erlebnisse und Bilder in einem Album anspielt, erweist sich als gar nicht harmlos, sondern vielmehr entlarvend. „Der Mann, der ins Gefrierfach wollte“ ist ein Buch, das sich mit dem beschäftigt, was die Menschen schon immer umtreibt, nämlich mit Vergänglichkeit, Unsterblichkeit, Tod. Es ist enthält aber auch sprach- und medienkritische „Albumblätter“.

Karl-Markus Gauß, geboren 1954, lebt heute als Essayist, Kritiker und Herausgeber der renommierten Zeitschrift „Literatur und Kritik“ in Salzburg. Vor allem für sein essayistisches Werk hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Zu Recht, stellt man nach der Lektüre seines neuen Bandes fest.

Vergänglichkeit, Unsterblichkeit, Tod ist ein weites Feld, das stets von Mythen und von der Religion besetzt wurde und in etwas anderer Form auch heute noch wird. Da war ein Mann namens Bedford, der sich Tod 1967 nach seinem Tod tiefkühlen ließ, um sich in ferner Zukunft, wenn Krankheiten und Tod besiegt sind, wieder auftauen und zum möglichst ewigen Leben erwecken zu lassen und gleichzeitig unser Erschaudern, als im Fernsehen die Leiche von Ötzi zu sehen war, der nach 5000 Jahren den Voyeuren der Wissenschaft und Medien zur Schau gestellt wird. 27 greise Nobelpreisträger wollten auf andere Weise unsterblich werden, indem sie nämlich ihr Sperma einer Samenbank hinterließen, weil sie es schade fanden, dass ihr Geist einfach mir nichts, dir nichts erlöschen sollte. Der wirklich revolutionäre Schritt in Sachen Unsterblichkeit ist jedoch der von Dr. Seed, sich selbst zu klonen. „Dr. Bedford wollte sich ins Eis retten und aus der Kälte neues Leben gewinnen, aber immerhin war es noch er selber, den er retten wollte, diesen einzigartigen Bedford mit seiner nur ihm eigenen Biographie und Nase, seinen Geheimnissen, Eigenheiten, Lieblingsspeisen. Dr. Seed hingegen möchte sich retten, in dem er sich hektographiert, und er ahnt nicht einmal, daß er gerade damit jenes Selbst vernichtet, um das er jämmerlich bangt.“ Hier droht Realität zu werden, was die Menschheit schon immer in ihren Mythen beschäftigt hat. Die Verbindung zwischen Mythos und Fortschritt zu zeigen, ist ein besonderer Verdienst des Buches.

Gauß’ Albumblätter umfassen nur wenige Seiten. Er erzählt Geschichten und Anekdoten von eigenartigen, aber exemplarischen Erfahrungen. Es ist ein kalter philosophischer Blick auf eine schauerliche, aber faszinierende Gegenwart in einer verblüffend klaren, unterhaltsamen und süffigen Sprache. Die schauerliche Gegenwart beispielsweise zeigt sich in der perversen Pflicht, gesund zu sterben. Die in den Vereinigten Staaten zum Tode Verurteilten müssen nämlich das gesundheitsschädliche Rauchen unterlassen. Der Todestrakt der Gefängnisse ist strikte Nichtraucherzone.

Zivilisationskritik ist heute immer Medienkritik. Während manche ihren Geist, samt Körper retten wollen, sind andere davon überzeugt, dass man in Zukunft seinen Geist ins Internet scannen könne: „ - ein Engel der künstlichen Welt, ein körperloser Mensch, der dem Tod entronnen ist: reiner Geist, unsterblich, ortlos, schweifend... Wenn die sozialen Utopien zuschanden werden, nimmt das Paradies technologische Züge an. Vorurteilsfreie Wissenschaftler möchten dann einlösen, was vorwissenschaftliche Bußprediger verlangten: daß der Geist sich vom Körper befreie.“ Medienkritik, das ist vor allem Kritik am Verschwinden des Privatlebens oder aber an dessen Totalisierung, beispielsweise durch Live-Kameras, die jede Sekunde eines Lebens ins Internet übertragen. Ein wenig spürt man die Wut, die dem Autor beim Schreiben im Bauch saß, und diese Wut ist es, die gottlob das Moralisieren unterband. Elton Johns Song für Diana Spencer nennt er einen „flagranten Fall von akustischer Idiotie“, wenn er bissig über das Phänomen der globalen Trauer nachdenkt. War denn diese Trauer der Millionen echt? „... Ehrlich empfundene Trauer wird in der medialen Wirklichkeit gerade von der Fälschung hervorgerufen, und große Gefühle stellen sich in den Inszenierungen der Massenkultur nur dann ein, wenn die Lüge ihr Anlaß ist.“
Nach der Lektüre von Gauß’ „Albumblättern“ blickt man auf diese Welt noch ein wenig illusionsloser, ja fassungsloser, auf diese Welt der Fakes und Fälschungen, in der doch jeder nur Angst vor seinem eigenen Tod hat. Ein Kapitel hätte Gauß besser weggelassen, nämlich das sprachkritische. So doziert er über die Verwendung von Komparativ und Superlativ, über die Unsitte des Duzens, das Verschwinden ganzer Sprachen usw. Zwar sind auch diese „Albumblätter“ höchst unterhaltsam und im besten Sinne aufklärerisch, doch Gauß’ Kollege Dieter E. Zimmer hat auf diesem Gebiet höhere Maßstäbe gesetzt. Matthias Kehle

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