Zsuzsanna Gahse

Kellnerroman

Roman. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg. ISBN: 3-434-50097-9

Zsuzsanna  Gahse: Kellnerroman

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Das Buch trägt scheinbar seine Gattung schon im Titel: "Kellnerroman". Der Untertitel "Prosa" aber belehrt eines Besseren. Scheinbar. Als "Fußnotenroman" hat die Autorin selbst ihre Arbeit gelegentlich bezeichnet, weil im Text kleine Hochzahlen vorkommen und später große Zahlen; die beiden entsprechen einander, und auf einmal merkt der Leser, er hat jetzt eigentlich nicht den Roman weitergelesen, sondern ist mitten in einer Fußnote. Die beiden "offiziellen" Bezeichnungen - Kellnerroman/Prosa - markieren das Arbeitsfeld der Autorin Zsuszanna Gahse. Der Begriff Prosa steht für das Experiment, für das Arrangierte und das Aleatorische, für das Geplante und Gebaute. Kellnerroman - das deutet auf das Erinnerte, die Existenz, die Erfahrung, darauf, daß es eine Erzählung gibt, daß es um etwas geht.
Ältestes Gewerbe
Es geht tatsächlich um einen Kellner, eigentlich um zwei Kellner, Ferdinand und Iso, die irgendwo in der Schweiz zusammen arbeiten im "ältesten Gewerbe der Welt", eben dem Kellnerberuf, und zusammen leben. Zusammen mit einer dritten Figur, die erzählt. Anzunehmen ist, daß es sich bei dieser dritten Figur um die Erzählerin handelt. Ganz so klar ist das nicht, wie sich zeigt. Der Text wechselt zwischen Experiment und Erzählung, manchmal so, daß eins ins andere übergeht, manchmal klar geschieden. Es soll alles Gegenwart sein, alles "jetzt", meinen Ferdinand und die Erzählerin, und Iso, der unbeschwerte, lebt dieses Jetzt sogar. Den anderen beiden fällt das nicht so leicht. Sie haben Erfahrungen gemacht, auch wenn Ferdinand versucht, aus dem Arrangement der echten oder erfundenen Erinnerungen ein Spiel zu machen.
Genau so will die Erzählerin nicht vorgehen: "Anstelle der ausbleibenden Geschichten kann ich, wie Ferdinand, andere erfinden. Ich werde etwas erfinden, das Erfundene wird nicht stimmen, was mich beschäftigt, werde ich nicht sagen, und was ich erfinde, wird mich nicht beschäftigen, außer daß ich mir Vorwürfe machen werde, etwas erfunden zu haben. Alles Erfundene ist unstimmig, ich brauche keine Fiktionen!" Dieses Spiel gelingt auch Ferdinand nicht; es geht bös aus für ihn.
Das reine Spiel und das reine Experiment können nicht gelingen, oder besser: Gahse ist nicht daran interessiert. Ihr gelingt etwas, das einem Capriccio zum Verwechseln ähnlich sieht. Im Sprachspiel macht sich die Erinnerung breit, das ernste Leben in der heiteren Kunst. Manchmal ist auch das Leben heiter; der Blick auf die Schweiz, der Autorin von innen vertraut, auf die Schweizer Eigenheiten, auf die "Performances" der coolen jungen Leute, ihre Wahrnehmung der Klischees von "allen Frauen" ("Alle stehen und weinen und haben kein Wort zu sagen") - das kann sehr komisch sein.
Nicht komisch sind die Erinnerungen, die nicht vorkommen sollen und sich durch die Hintertür, im Spiegel, doch immer wieder ins Spiel bringen, wie im Traum. Wie im Alptraum, manchmal. Da haben die Sätze kein Subjekt mehr, da ist alles Angst: "Kam dann nicht weiter und verstand nichts . . . Schwitzte. Wer?" (Die Frage ist berechtigt.) Ein Alp-Traum-Spiel, das unvermeidlich ist. Wer seine eigene Sprache für seine Welt finden will, kann sich das nicht ersparen.
Einen Rotwein, bitte
Der Leser dieses Textes, der aus vielen Texten besteht, erfährt nicht, was Ferdinand geschehen ist, aber durchaus, wie er zwischen den Tischen geht, wie sein Haar ergraut, was er zornig ausspricht, bis er sagen kann: "Freunde! Unbekümmert lege ich euch das Herz in eure Hand. Sagt willkommen und bringt mir einen Rotwein, bitte." Kurz drauf kann er, der Leser, sich wieder unbeschwert freuen, wenn er eine Anspielung auf Hofmannsthal, Gertrude Stein natürlich, auf Handke oder Jeremias Gotthelf ("Ueli, der Chef") erkennt, und wenn gegen Ende Hildegard Grosche, die Stuttgarter Übersetzerin, auftaucht und in ihrem Gefolge Helmut Heißenbüttel, Pina Bausch, Les Murray und andere, die Zsuzsanna Gahse gern in der Schweiz sah oder sähe oder gesehen hätte. - Diese Komposition aus Tiraden, Zitaten, Aphoristischem, aus Memoirenfragmenten und Stoffetzchen aus dem Erzählmusterbuch könnte als beliebig erscheinen. Aber es ist alles Absicht, keine Automatik. Der "Kellnerroman" von Zsuzsanna Gahse, das sind Variationen über ein ungewöhnliches Thema. In diesen Variationen entsteht eine Geschichte. Und es entsteht mit jedem Satz neu die Sprache für das Thema, für die Geschichte. Eine von tausend möglichen Sprachen - die einzig angemessene: "Das war einmal, und sicher ist einmal nicht keinmal, sonst wäre damit jede Einmaligkeit vom Tisch gefegt. Abgeräumt. Dabei wüßte ich nicht, was mir lieber wäre als das Einmalige. Auch wenn daran niemand weiterzählen kann."

Julia Schröder






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