Manfred Fuhrmann

Seneca und Kaiser Nero.

Sach. Alexander Fest Verlag, 372 Seiten. 1997.00 DM . ISBN: 3-8286-0012-3

Manfred  Fuhrmann: Seneca und Kaiser Nero.

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Der Konflikt zwischen Macht und Geist ist nicht neu, es gibt ihn seit den Anfängen der menschlichen Zivilisation, und die Zahl der historischen Beispiele ist Legion. Vom erzwungenen Selbstmord des Sokrates in der Antike über den Kampf der Kirche gegen die Naturwissenschaften in der Neuzeit bis zu den verfolgten Intellektuellen der Gegenwart. Jüngstes Beispiel für dieses gestörte Verhältnis in Deutschland waren die dummdreisten Kommentare konservativer Politiker über Günter Grass, der bei der letztjährigen Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in seiner Laudatio auf Ya Õar Kemal, die inhumane Asylpolitik der Bundesrepublik an den Pranger stellte.

Nun schärft es zweifellos den Blick für die Gegenwart, wenn man sich mit historischen Präzedenzfällen auseinandersetzt, mögen diese im Detail noch so unterschiedlich sein. Gemeint ist also nicht ein naiver historischer Vergleich über Epochen hinweg, sondern eine Schärfung des eigenen Urteilsvermögens durch die Ausweitung des persönlichen historischen Horizonts. Manfred Fuhrmann, ein weit über die Grenzen seines Faches hinaus bekannter Altphilologe, hat sich in seinem jüngsten Buch einem klassischen Beispiel angenommen: "Seneca & Kaiser Nero". Die Die Studie beschränkt sich aber nicht auf die Analyse der Beziehung zwischen berühmtem Philosoph und berüchtigtem Diktator, sondern bietet eine umfangreiche Behandlung von Leben und Werk des Seneca, wobei auch das historische und kulturelle Umfeld ausgiebig berücksichtigt wird.

Ein Biograph Senecas steht vor einer grundlegenden Schwierigkeit, nämlich der spärlichen Quellenlage über dessen Leben. Es gibt gerade für die erste Lebenshälfte nur spärliche Zeugnisse. Erschwerend kommt noch hinzu, daß der Philosoph in seinen Werken - im Gegensatz beispielsweise zu Cicero - kaum autobiographische Anmerkungen macht. Fuhrmann löst diese Schwierigkeit, indem er sorgfältig die Umstände seiner Herkunft aus Spanien rekonstruiert, einen Blick auf die rhetorische Tradition wirft und ausführlich auf die Verhältnisse am damaligen Kaiserhof eingeht.

Seneca kam um das Jahr Null in Cordoba zur Welt, sein Vater war der Rhetor Lucius Annaeus Seneca. In Rom erhielt er dann eine umfassende Ausbildung in Rhetorik und Philosophie, wobei ihn besonders die Lehre der Stoiker beeindruckte, die er später übernahm. Nachdem er als Advokat, Quästor und Rhetor eine immer wichtigere politische Rolle zu spielen begann, wurde er 41 n.Chr. nach Korsika verbannt. Begründet wurde die Verbannung mit einem inszenierten Ehebruch. Man sieht also, daß mit angeblichen Sexskandalen nicht erst im ausgehenden 20. Jahrhundert Politik gemacht wird. Im alten Rom der Kaiserzeit war es eine ebenso beliebte Variante, unliebsame Personen von der politischen Bildfläche verschwinden zu lassen.

49 n.Chr. wurde Seneca von der Verbannung zurückgerufen, weil ihm die Erziehung Neros, des Adoptivsohns von Kaiser Claudius, anvertraut werden sollte. Nachdem Nero, kräftig unterstützt von seiner intriganten und machtgierigen Mutter Agrippina, den Kaiserthron bestieg, wurde Seneca zu einem der mächtigsten und reichsten Männer des römischen Reiches. Das Pikante daran war, daß Seneca durch Werke wie seine Trostschriften oder der Abhandlung "Über den Zorn" der berühmteste Stoiker seiner Zeit war, seine politische Praxis also mit seiner ethischen Theorie verglichen werden konnte. Zwar sah die stoische Philosophie eine öffentliche Betätigung für ethisch durchaus geboten an, aber wie vertrug sich die enorme Macht und der große Reichtum Senecas mit dem Mäßigungsgebot des Stoizismus? Wie die Ideale der Gerechtigkeit und der Weisheit mit dem Dienst unter einem Tyrannen? Während der ersten fünf Jahre der Herrschaft Neros wurde das Reich umsichtig von Seneca und Sextus Afranius Burrus verwaltet, während der junge Kaiser seinen Vergnügungen nachging. Seneca schrieb für seinen unreifen Schützling die staatspolitische Schrift "Über die Milde", in der Hoffnung, ihn zu einem humanen Herrscher zu erziehen bzw. ihn wenigstens von den schlimmsten Exzessen abhalten zu können. Daß schon die Annahme Sencas, er würde den vergnügungssüchtigen Kaiser mit einer philosophischen Abhandlung beeinflussen zu können, einer gewissen Naivität nicht entbehrte, zeigt die weitere Entwicklung nach 59: Nero schreckt nicht einmal vor der Ermordung seiner Mutter zurück, als diese durch erneute Intrigen seiner Macht gefährlich zu werden drohte. Das ethische Dilemma spitzt sich für Seneca immer mehr zu: Sollte er seine Ämter niederlegen und damit jeden mäßigenden Einfluß auf Nero verlieren? Oder sollte er pragmatisch handeln und seine Macht behalten, um positiv in die Geschehnisse eingreifen zu können? Vorläufig entschied sich der Philosoph für die zweite Möglichkeit. Die Anfeindungen wurden jedoch immer stärker, so daß sich Seneca schließlich mit juristischen und publizistischen Mitteln gegen besonders bösartige Kritiker zur Wehr setzten mußte. Sein Werk "Über das glückliche Leben" ist über weite Strecken eine Verteidigung seines Reichtums. Solange sich ein Philosoph nicht von äußeren Gütern abhängig mache, dürfe er durchaus von ihnen profitieren.

Nachdem das Verhalten Neros immer exzentrischer und grausamer wurde, sucht Seneca 62 um Entlassung an und zieht sich langsam aus dem politischen Leben zurück. Drei Jahre später wird er verdächtig an der pisonischen Verschwörung beteiligt zu sein, und Nero schickt nun - nach der Ermordung seiner Mutter und seiner Gattin - auch noch seinen alten Lehrer in den Tod, in dem er ihn zum Selbstmord zwingt.

Manfred Fuhrmann stellt diese hier nur grobmaschig skizzierten Ereignisse ausführlich und spannend dar. Er schreibt allgemeinverständlich und wissenschaftlich exakt, eine Tugend die bei unseren Gelehrten bekanntlich nur sehr selten anzutreffen ist.

(Christian Köllerer)






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