Rudolf Fries

Der Roncalli - Effekt

Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, ISBN: 3-378-00624-2

Rudolf  Fries: Der Roncalli - Effekt

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Leipzig, Kiepenheuer, 1999, ISBN 3-378-00624-2

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Eigentlich darf er sich nicht Clown nennen, der dumme August, denn er trägt eine rote Knollennase. Der dumme August, der nur so heißt, ist ein gebranntes Kind. Der Mann mit der roten Perücke und der Knollennase ist mißtrauisch bis zuletzt...

Fritz Rudolf Fries ist es gelungen, die abgeklärt fidele Autobiographie eines DDR- Clowns zu schreiben, ohne moralischem Tiefgang zu erliegen. Ein wahres Kunststück, eine Eulenspiegelei ist dabei entstanden!

Die Geschichte beginnt mit der Liebe. Der Clown August Augustin findet seine Zanetta, die er am Tage des Mauerbaus heiratet. Beide sind dem Zirkus verpflichtet und eifern als Clown und Pferdedompteuse den sozialistischen Träumen ihres Chefs hinterher. 'Es ist Don Peppones, des Manegendirektors und Generaldirektors des späteren "Staatscircus", Wort vom Roncalli- Effekt, durch den er seinen Circus (und unser Leben) verbessern wollte... Lassen Sie mir Zeit, Signori, und ich führe Ihnen diesen ein Menuett von Mozart tanzenden Roncalli* vor.'

So eingeführt, verschlüsselt Fries den Roncalli- Effekt durch die Kapitel. Ohne ihn offen zu erklären, legt er immer neue Spuren. Roncalli; 'einer der heitersten und zugleich aufsässigsten Päpste der neueren Zeit. Scheut sich nicht, er als Stellvertreter Christi, Briefe mit Chruschtschow über die Verbesserung der Welt zu tauschen.' - flüstert Kapitel später ein neuer Spurenleger und erhellt damit die Rolle des Versöhners Don Peppone, dessen Name schon für eine Symbiose aus Pater und Kommunist steht.

Der Autor würzt die Biographie des Clowns mit philosophischen Betrachtungen zum Leben in Diktaturen im allgemeinen und DDR- spezifischen Kaprizen im besonderen. Melancholie und abschweifende Lüsternheit kennzeichnen diesen Clown besser als demonstrierte Heiterkeit. Dominiert die Liebe zu Zanetta seinen Alltag, schleichen sich bald andere Damen in die Phantasie und unter die Bettdecke des August Augustin. Doch erst die Trauer über den Tod der Mutter läßt den Clown über Liebe nachdenken; 'Liebe ist immer ein Lebenselixier für zwei Personen. Der eine nimmt und der andere weiß, wozu er auf der Welt ist. Mit dem Tod der Mutter, Signori, stirbt der einzige Mensch, auf dessen Nachsicht wir blind vertrauen können. Von da an kann jeder mit dem Finger auf uns zeigen.' Eine Anspielung darauf, daß man mit dem Finger auf ihn, Fries, zeigen könnte? Daß da keine schützende Hand über ihm schwebt? Die Wogen des Aktenskandals sind inzwischen geglättet, dem Hofnarren wird kein Prozeß gemacht. Der Clown wird nur gezwungen, in der Lagunenstadt des liberalen Papstes über sich nachzudenken. Schuld an dem Arrest ist eine tote Geliebte. Der Arrest ist nur Rahmen für die Reflektion.

Fries hat das Leitbild so vieler Jahre nicht aus den Augen verloren. Er erzählt leise und abgründig von den Irrungen, derer er sich bewußt ist. Und er besingt die Vielfalt der Grautöne; ...'er war einer jener Sammler und Feinschmecker, wie ihn Diktaturen auf eine subtilere Art hervorbringen als die Gleichmacherei des Geldes, die jetzt regiert. Der Mangel befördert die Talente.' Der Mangel war ein Stigma des Staates, mit dem man sich arrangieren konnte. Fries gesteht ein, ohne jemanden an den Pranger zu stellen; 'Lügen korrigieren die Unzulänglichkeit der Verhältnisse.' Seine Ironie übertrifft die gehuldigte Spaßliteratur der Nachwende. 'Einen Clown wie mich legen sie unters Fallbeil der Einschaltquoten, du wirst berühmt oder mundtot gemacht. Ich zieh es vor zu schweigen.'

Fries hat nicht geschwiegen und hat sich in den Hauptfiguren seines Romans neu erschaffen; der gar nicht dumme August ist geprägt von lüsternem südländischen Blut, Don Peppone ist der Ausgleichende, der Vermittler, und der Literaturforscher ‚Retard‘ zaudert und philosophiert. 'Die Kunst, Signori, gibt preis, aber sie richtet nicht.'

Am Ende des Buches gibt der Autor die schönste seiner Roncalli- Definitionen und entläßt dann seinen Clown als alten, einsamen Mann in die teutonische Kälte. Die Rezensentin sieht ihn aus der Manege schleichen, wie der alte Arno Mohr sich abgebildet hat, krumm, sich schneuzend und ein klappriges Pferdchen an einem Bindfaden hinter sich her ziehend – vereinzelt Applaus.

'Roncalli ist die Liebe zum Möglichen, sage ich. Als man ihn zum Papst wählte, konnte man in der Eile keine neuen Roben und Röcke für ihn schneidern. Was man ihm auch anzog, es war ihm zu klein und zu eng, zu groß und zu weit. Da sah die Welt, nur ein Clown kann die Kirche Christi retten.'

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* Roncalli; Angelo Guiseppe Roncalli/ 1881-1963, Papst Johannes XXIII. ab 28. 10. 1958, 1953 Kardinal und Patriarch von Venedig; Verdienst: Ankündigung, Berufung und Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils (11. 10. 1962)

Von Anne Hahn






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