Nicci French

Secret Smile

Krimi. Penguin Books, London. 308 Seiten. 9.60 EUR . ISBN: 0141017627

Das Stalker-Opfer ist nicht machtlos!
Nicci  French: Secret Smile

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Eine kurze Liebesaffäre entwickelt sich zu einem mörderischen Albtraum: Mirandas neuer Freund, mit dem sie Schluss gemacht hat, schleicht sich als Freund ihrer Schwester Kerry zurück in ihr Leben, spioniert sie aus, verbündet sich mit ihrer Familie, verdrängt sie aus ihrer Wohnung.

Keiner glaubt Miranda, dass Brendan ein Schwein ist und sich an ihr rächen will, bis es zu spät ist. Sie ist offensichtlich von ihm besessen. Es müssen zwei ihr liebe Menschen sterben, bevor Miranda verzweifelt zurückschlägt.

Die Autoren
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"Nicci French" ist das kombinierte Pseudonym der Londoner Autorin Nicci Gerrard mit weitreichenden psychologischen Kenntnissen und des Journalisten Sean French. Die beiden haben mit "Höhenangst" und vor allem mit dem genialen "Sommermörder" (siehe meinen Bericht) viele Fans unter Thrillerfreunden gewonnen. Das Paar lebt mit seinen Kinder im Süden von London. Neuester Roman: „Catch me when I fall“ (11/2005).

Handlung
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Miranda Cotton ist schon an die 30, aber immer noch unverheiratet, so dass sich ihre Mutter Marcia schwere Sorgen macht. Aber Miranda ist ziemlich selbständig, hat einen festen Job in einem Maler- und Tapeziergeschäft. Sie kann es sich leisten, unverheiratet zu sein. Als sie ihrem Kurzzeit-Freund Brendan Block den Laufpass gibt, denkt sie sich nichts dabei und vergisst das Arschloch und dessen seltsames Lächeln. Er hat nämlich ihr geheimes Tagebuch gelesen, ohne sie zuvor zu fragen. Sowas kann sie nicht verzeihen. Und ständig nennt er sie „Mirrie“. Als wäre sie noch ein kleines Kind.

Doch dann taucht Brendan wieder auf: an der Seite ihrer älteren Schwester Kerry! Die willensschwache Reisekauffrau Kerry sieht total happy aus. Auch ihre Mutter ist total happy: Endlich muss sie sich nicht mehr um ihre Tochter sorgen. Beide sind hingerissen von dem freundlichen jungen Mann, doch Miranda hört etwas anderes: Brendan flüstert ihr ein obszönes Kompliment ins Ohr. Sie taumelt ins nächste Klo, um sich die Seele aus dem Leib zu kotzen.

Das ist erst der Anfang von Brendans Rachefeldzug. Das junge Paar braucht ein neues Domizil, und weil das Elternhaus gerade renoviert wird und man warten muss, bis eine andere Wohnung frei wird, bitten Kerry und Brendan die liebe Miranda, bei ihr vorübergehend bleiben zu dürfen. Doch dort geht der heimliche Terror Brendans erst richtig los. Schon bald zieht Miranda zu ihrer besten Freundin Laura und deren Freund Tony. Dafür zieht Mirandas geliebter Bruder Troy bie Kerry und Brendan ein.

Als Miranda herausbekommt, dass Brendans Lebenslauf von vorne bis hinten erlogen und er im Grunde nur ein Schnorrer ist, wirft sie ihm diese Lügen im trauten Familienkreis vor. Er schlägt auf ebenso raffinierte wie fiese Weise zurück, indem er ein intimes Geheimnis aus ihrem Tagebuch preisgibt. Kerry ist geschockt – will Miranda ihr nun auch Brendan wegnehmen? Miranda scheint erst einmal schachmatt gesetzt zu sein. Ihr neuer Freund Nick jedenfalls hält ihre Obsession mit Brendan nicht mehr aus.

Allmählich beginnt sich Miranda auch Sorgen zu machen, dass Brendans Ziel nicht nur sie selbst sein könnte, sondern auch alles, was sie liebt – nämlich ihren Bruder Troy und ihre beste Freundin Laura. Als er ihr auch dies nimmt, ohne dass die Polizei reagiert, schlägt sie verzweifelt zurück. Kann sie ihn aber mit seinen eigenen Waffen schlagen oder muss sie zu anderen Mitteln greifen?

Mein Eindruck
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Wie so viel Romane von Nicci French liest sich auch „Der falsche Freund“ locker und flüssig, und die Spannung baut sich langsam, aber unerbittlich auf. Der leise und versteckte Terror, den Brendan ausübt, lässt Miranda immer beklommener werden, bis sie ausrastet – was natürlich von ihrer Familie und ihren Freunden bloß als Hysterie ausgelegt wird. Denn Brendan ist doch so nett zu allen. Dass er Kerry ausbeutet und betrügt, will niemand wahrhaben. Doch was kann eine einzelne junge Frau schon tun, um sich und ihre Lieben zu schützen?

Es gibt keine Wahrheit

Es heißt seit der Offenbarung des Johannes, die Wahrheit mache einen frei. Doch wie sieht es aus, wenn niemand die Wahrheit sehen will? Oder jedenfalls so wie Miranda. Zunehmend fassungslos muss Miranda erleben, wie sie ihre Familie, ihre Freunde und offensichtlich auch die Polizei von ihr distanzieren. Als sie es verdächtig findet, dass sich Troy, der mental beinträchtigt war, an einem nagelneuen Strick aufgehängt haben soll – was ja einige Vorbereitung erfordert – da sucht sie den Rest des Stricks. Doch statt eben diesen Rest, den sie in Brendans Zimmer findet, als Beweisstück zu akzeptieren, wird er gegen Miranda verwendet: Wie kommt sie dazu, die Sachen anderer Leute zu durchwühlen?

Dies ist nur eines von vielen Beispielen, die Miranda zeigen, dass sie richtig liegt, aber die anderen auf dem Holzweg sind. Ja, man hält sie zunehmend für geisteskrank und empfiehlt ihr eine Psychotherapeutin. Leidet hat diese keine kriminalistischen Interessen und denkt ebenfalls, Miranda habe einen Sparren locker. Doch als auch ihre Freudin Laura unter verdächtigen Umständen ums Leben kommen, passiert das Gleiche. Miranda kann die Unfalltheorie widerlegen; niemand will etwas davon hören. Als sie herausfindet, woher Brendan kommt und dass sein wahrer Name ganz anders lautet, wird es jedoch ernst: Brendan droht Miranda wegen Belästigung zu verklagen. Das ist der so genannte „Stalker“-Paragraph.

Brendan – er wird von Miranda weiterhin so genannt – hat nicht nur die scheinbare Wahrheit zu seinen Gunsten gedreht, nein, auch das Gesetz. Miranda muss zunächst klein beigeben, doch sie wird Brendans nächstes Opfer nicht sehenden Auges ins Unglück rennen lassen. Das schwört sie sich. Die Dinge nehmen einen verhängnisvollen Lauf.

Der unzuverlässige Berichterstatter

Doch schon früh stellt sich der Verdacht ein, dass Miranda, unsere einzige Informationsquelle, der seit etwa 100 Jahren in der Literatur etablierte „unzuverlässige Berichterstatter“ ist. Können wir ihr unbesehen glauben? Was, wenn sie wirklich durchgeknallt wäre, wirklich besessen von Brendan Block, wie ihre Umgebung glaubt? Geschichten sind wie Gerüchte: Nur harte Beweise erzählen die Wahrheit. Oder? Miranda hat ihre Zweifel, denn auch „Beweise“ wie der Strick zählen nichts, wenn die Umstände nicht ebenfalls stimmen, unter denen sie beschafft wurden.

Im Grunde ist also die so genannte „Wirklichkeit“ ein Schattenland, in dem sich Schwarz in Weiß und umgekehrt verwandeln kann. Ein außenstehender Beobachter wie ein Polizist oder eine Psychologin (die Autorin spricht hier aus Erfahrung) können nichts auf der Grundlage von Verdachtsmomenten und Indizien tun. Es muss erst Opfer geben, bevor sie einschreiten. Das findet nicht nur Miranda traurig und empörend. Noch schlimmer: Nicht einmal Mordopfer werden als solche erkannt, wenn die Umstände auf einen Unfall oder Selbstmord hinweisen – sie Laura und Troy.

Doch wie soll Miranda ihr Dilemma lösen? Wie kann sie der Polizei handfeste Beweise für Brendans Schuld liefern? Das Ende des Romans hält eine Überraschung bereit. Die Überraschung kann nur deshalb gelingen, weil die unzuverlässige Berichterstatterin Miranda auch den Leser hinters Licht führt. Wir finden uns plötzlich in der gleichen Position wie Polizei und Psychologin wieder. Und uns stellt sich die Frage: Hätten wir ebenfalls nichts gegen Brendan Block unternommen? Hätten wir lieber dem Unglück seinen Lauf gelassen?

Die Zeit des Abwartens ist abgelaufen

Wenn man sich die Tagesnachrichten über verwahrloste Kinder, die in verdreckten Wohnungen gehalten werden, ansieht, dann fällt es einem schwer, nicht an die Untätigkeit unseres Gewissens zu glauben. Was natürlich genau die Kritik der Autorin ist. Können wir es uns länger leisten, apathisch im Schattenland der Amoralität und des Zusehens beim Unglück anderer umherzuwandeln? Die Zeit ist bereits abgelaufen, wie die Aufstände in den französischen und anderen Städten belegen.

Unterm Strich
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Der Titel „Der falsche Freund“ ist natürlich doppeldeutig: „Falsch“ bedeutet hier auch „untreu, hinterhältig, unehrlich“. Er stellt ein Rätsel dar: Ist er eine Bedrohung, wie die Berichterstatterin glaubt, oder ist er das Opfer ihres Verfolgungswahns? Die Autorin stellt den leser in das Dilemma, selbst entscheiden zu müssen. Wir wollen zwar zu gerne der armen Miranda glauben – aber ist sie wirklich noch bei Verstand?

Der Roman lebt also weniger von blutiger Action – sie findet völlig abseits statt – sondern vielmehr von der psychologischen Spannung, die sich immer wieder aufbaut. Dabei erweist sich die zweite Hälfte, als Miranda zur Jägerin wird, als weitaus unterhaltsamer, aber auch als konventioneller als der Anfang. Am interessantesten sind vielmehr die geistigen Kontrollmechanismen, die in der Gesellschaft hinsichtlich Frauen und ihrer Wahrnehmung der Wirklichkeit angewendet werden: Der Polizeiinspektor Rob glaubt lieber einem Mann wie Brendan als einer Frau wie Miranda. Aber dieser Spieß lässt sich auch umdrehen, wie im Miranda zeigt…

Das Buch ist flott und mit Gewinn und Anteilnahme zu lesen, bietet aber innerhalb des Kanons von Krimis und French-Romanen wenig Herausragendes.

Michael Matzer © 2005ff

Info: Secret smile, 2003; Taschenbuch; 308 Seiten - Penguin Books Ltd; London; Juni 2004; ISBN: 0141017627; Preis: 9,60 EU bei Amazon.de.

Pro: spannend, unterhaltsam, psychologisch einfühlsam, überraschender Schluss
Kontra: richtet sich v.a. an weibliche Leser






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